Im Bergsteiger-Dress in die U-Bahn

Zieht euch warm an, heißt es. Diesen Winter sowieso. Doch nicht nur jetzt - auch sonst - ist Outdoor-Mode sehr angesagt. Ein Trend, der übertreibt?

Tobias Munz trägt Schuhe mit dicken Profilsohlen und einen Fleece- Pulli. Über allem hat er eine wind- und wasserdichte, atmungsaktive Gore-Tex-Jacke an, die laut Hersteller "allerhöchsten, alpinen Ansprüchen" gerecht wird, wie er erzählt. Doch der 33-Jährige ist nicht auf Extrem-Expedition, sondern fährt gerade zur Arbeit - in der Hamburger U-Bahn.

Der Mann ist kein Einzelfall. Bei vielen Menschen ist Funktionskleidung sehr "in" - und das in Aachen statt in Alaska, in München statt am Montblanc, in Stuttgart statt in Sibirien. "Wir beobachten, dass Funktions-Outdoor immer häufiger in der City auftaucht: Man sitzt in Bergsteiger-Kluft in der U-Bahn, läuft mit der professionellen Wanderjacke durch den Stadtpark", sagt die Outdoor-Expertin Andrea Hackenberg von der Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" in Frankfurt am Main.

Dafür gibt es laut Hackenberg mindestens zwei Gründe: "Zum einen sind speziell ausgerüstete Funktionsjacken schlichtweg praktisch. Zum anderen vermitteln die Hersteller immer ein natur- und abenteuer- orientiertes Lebensgefühl, an dem Stadtmenschen offensichtlich Gefallen finden: Wenn man selbst schon nicht dazukommt, den Mount Everest zu besteigen, will man wenigstens die passende Jacke tragen."

Sogenannte Funktionsbekleidung, bei der zum Beispiel Jacken oft mehrere hundert Euro kosten, wird stark nachgefragt. Firmen, die sich darauf spezialisiert haben und dabei den Anspruch erfüllen, modisch und stylish zu sein, haben Erfolg. Marken, die fast jedem schon mal aufgefallen sind: The North Face, Bergans, Fjällräven, Haglöfs, Icebreaker, Mammut, Meindl, Moncler, Mountain Equipment, Napapijri, Norrøna, Patagonia oder Schöffel. Wobei die Firmen ihre Spezialisierung nicht immer haben, weil sie ihren Sitz in Orten mit extremem Klima haben. Jack Wolfskin stammt zum Beispiel aus dem beschaulichen Idstein in Hessen.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" beschrieb das Phänomen kürzlich unter dem Titel "Schneemenschen in der Fußgängerzone": "Der graue Wollmantel und der schlichte Anorak, mit denen man sich in früheren Zeiten warm gehalten hat, kommen einem schon fast anachronistisch vor. Im Trend liegen Parkas und Daunenjacken. Groß, bunt und so warm wie Schlafsäcke." Die Anbieter lieferten sich eine regelrechte Materialschlacht, bei der warme, atmungsaktive und wasserabweisende Produkte alles noch besser können sollen. "Die Produktbeschreibungen klingen mitunter so kompliziert, dass man sich an seinen Physikunterricht erinnert fühlt..."

Klischee, aber womöglich wahr: Viele Männer mögen es, wenn Kleidung scheinbar mehr mit Technik als mit Mode zu tun hat. Für manchen Wohlhabenden ist der Trend zur Outdoor-Mode außerdem nichts ganz Neues: So wie man seit einigen Jahren übertriebenerweise mit einem Geländewagen durch die Großstadt kurvt, trägt man jetzt eben auch Hightech-Kleidung beim Kaffeetrinkengehen oder in Shopping- Malls.

Laut "Textilwirtschaft" verzeichnete der Sportfachhandel 2009 im dritten Jahr in Folge ein Umsatzplus - um 3,5 Prozent auf 7,3 Milliarden Euro. Dem Verband Deutscher Sportfachhandel zufolge stieg der Umsatz bei Outdoor-Kleidung sogar um 15 Prozent. Die Fachgeschäfte, die dem Handelsverbund Intersport angeschlossen sind, machten bei Outdoor-Mode sogar 16 Prozent plus.

Zurück in der U-Bahn. Tobias Munz sagt: "Ich finde es in diesem Winter überhaupt nicht übertrieben, solch eine Jacke anzuhaben, zumal ich meistens Fahrrad fahre und nicht U-Bahn oder Bus." Er findet es im wahrsten Sinne erleichternd, dass man heute Jacken tragen kann, die wenig wiegen und dass man trotzdem nicht auskühlt. "Die schweren Winterklamotten von früher sind zum Glück wirklich von gestern."