Natascha Kampusch im MADONNA-Interview

Zehn Jahre nach der Flucht

Natascha Kampusch im MADONNA-Interview

Zehn Jahre Freiheit: Am 23. August 2006 gelang Natascha Kampusch die Flucht vor ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil. Und ihrem Kellerverlies in Strasshof (NÖ). Jetzt hat die 28-Jährige ein Buch (10 Jahre Freiheit, Ullstein Verlag) über die Zeit danach geschrieben. 
 
Neues Leben. Im Interview spricht Natascha Kampusch über erfüllte und geplatzte Träume, neue Freunde und Zukunftsträume.
 
Inwieweit spielt Ihre Vergangenheit, Ihre Gefangenschaft für Sie heute noch eine Rolle?
Natascha Kampusch: Dadurch, dass ich eingesperrt war, ist mein Leben anders verlaufen. Dessen bin ich mir natürlich immer bewusst. Aber ansonsten denke ich eher weniger daran. Die Zeit kann mir keiner zurückbringen. Ich habe einen ganzen Lebensabschnitt verpasst. Doch ich versuche jetzt mein Leben, meine Träume zu leben. 

Sie schreiben im Buch, Sie hätten sich das Leben in Freiheit als Paradies ausgemalt. Wie war die erste Zeit dann wirklich?
Kampusch: Es war nicht immer so leicht. Es gab viele Leute, die mir Missgunst entgegenbrachten. Ältere Damen haben mich erbost angesprochen, mir erzählt, dass sie auch ein schlimmes Leben hatten. Andere sagen, ich will nur Geld machen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass es mir darum nicht geht. Es gab viele Anfeindungen, und ich musste erst lernen, damit umzugehen. Jetzt bin ich so weit, dass ich sage, ihr habt eure Meinung, ich habe meine. 
 
Woher, denken Sie, kommt dieser teils offene Hass? 
Kampusch: Es ist wohl eine Art Neid, auch ein „mit dieser Geschichte nichts zu tun haben wollen“. Andere haben selbst Probleme, die sie nie verarbeitet haben. Und vielleicht liegt’s auch daran, dass ich mich in den Augen vieler nicht wie das klassische Opfer verhalte. Das werfen sie mir dann vor. 
 
Wundert es Sie manchmal selbst, dass Sie alles, was Ihnen angetan wurde, doch so gut überstanden haben?
Kampusch: Ich hatte Schutzengel. Es war viel Glück im Spiel, dass es genau mit meinen Strategien gelungen ist, zu überleben. Ich denke, ich war schon als Kind und in der Gefangenschaft ein starkes Mädchen. Mein ganzes Streben war immer, wie schaffe ich es, irgendwann wieder frei zu werden. Ich habe diese Fähigkeit noch immer, dieses sich einfach nicht unterkriegen lassen.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?
Kampusch: Ich genieße meine Freiheit, tun zu können, was ich will. Ich designe Schmuck. Und die Ausbildung, die Matura, ist mir wichtig. In meiner Freizeit singe und reite ich einmal in der Woche. Ich verbringen viel Zeit mit meiner Familie, meinen Verwandten. Und mit meinen Freunden. 
 
Wie schwierig war es, in Ihrem neuen Leben wieder Anschluss zu finden?
Kampusch: Es sind neue Freunde dazugekommen und auch welche von früher. Ich bin draufgekommen, dass ich mich auch mit etwas älteren Leuten verstehe. Meine Freunde haben manchmal sogar das Gefühl, da spricht eine weitaus ältere Person zu ihnen, als es tatsächlich der Fall ist. Sie finden das kurios, weil ich Konsequenzen vor der Aktion sehe und Rat gebe. Ich fange auch immer die Herren der Schöpfung auf bei Liebeskummer.
 
Natascha Kampusch © Kernmayer

Wie oft werden Sie noch angesprochen, wenn Sie privat mit Freunden unterwegs sind?
Kampusch: Oft. Am Anfang mochte ich das gar nicht. Ich war sehr verschreckt und schüchtern, fand es unangenehm, wenn mich Leute im Supermarkt oder im Kino ansprachen und fotografierten. Heute sehe ich das lockerer. Wenn jemand nett um ein Foto fragt, warum nicht. Nur diese klassischen Autogrammjäger mag ich nicht. Freunden von mir ist es aber immer noch unangenehm, wenn Leute, sobald ich kurz weg bin, auf sie zukommen und fragen: „Ist das die Kampusch?“ Die wollen sich dann oft lieber zu Hause treffen oder irgendwo in der Natur. 
 
Sie waren mehr als acht Jahre gefangen. Träumen Sie noch manchmal vom Verlies?
Kampusch: Selten. Ich mache nach wie vor Therapie, aber eher, um den Alltag, die Anfeindungen, zu verarbeiten. In der Pubertät lernt man, damit umzugehen, aber ich habe diese Zeit verpasst. Ich glaube, wenn ich als Kind gekidnappt und wieder entkommen wäre, wäre von der Gefangenschaft viel unaufgearbeitet geblieben. Dadurch, dass ich jahrelang gefangen gehalten wurde, konnte ich das Ganze aber schon damals verarbeiten. 
 
Glauben Sie, hat das Erlebte Sie zu einem anderen Menschen gemacht?
Kampusch: Nein, auch wenn das viele denken. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, der nicht gleich jedem alles erzählt. So war ich aber schon immer.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Was wünschen Sie sich?
Kampusch: Ich will einen künstlerischen Beruf ausüben und weiter karitative Projekte machen. Mir ist es wichtig, etwas für Menschen zu tun. Ich habe in Sri Lanka eine Mutter-Kind-Station aufgebaut, darauf bin ich stolz. Ich kann mir auch vorstellen, künftig Nachmittagsbetreuung für Flüchtlingsfamilien zu machen. Kinder liegen mir sehr am Herzen. Selbst wenn ich vielleicht selbst nie eigene haben werde.

Natascha Kampusch © Natascha Kampusch
10 Jahre Freiheit. Am 23. August 2006 gelang Natascha Kampusch die Flucht vor Wolfgang Priklopil und aus ihrer Gefangenschaft. In ihrem zweiten Buch erzählt sie vom Neustart in das Leben danach, der nicht immer einfach war. 

(Ullstein Verlag, 20,60 Euro)
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