Maria Stern über die Zukunft des Klubs

Quo vadis, Liste Pilz?

Maria Stern über die Zukunft des Klubs

Sie ist die Leitfigur für Frauenrechte der Liste Peter Pilz: Maria Stern (45) hat für ihren Platz auf der Liste Peter Pilz ihre Funktion als Sprecherin des Frauenvolksbegehrens niedergelegt, um im Nationalrat ihren Themen Gehör zu verschaffen. Als Listenzehnte verpasst sie zwar den Einzug in den Nationalrat – mit 4,4 Prozent stellt die Liste insgesamt acht Abgeordnete –, doch die Frauenrechtlerin hat eine klare Meinung zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung, die gegen ihren Klubchef vorgebracht wurden. Mit MADONNA spricht sie über Hintergründe, Zweifel und die Zukunft der Liste Peter Pilz.

Frau Stern, in unserem letzten Interview haben Sie mir gesagt, Sie schätzen Peter Pilz seit Jahrzehnten und er sei „einer der verlässlichsten männlichen Politiker mit einer absolut sauberen Politik“. Was war ihre erste Reaktion, als Sie von den Vorwürfen der sexuellen Belästigung erfahren haben?
Maria Stern: Ich wollte und konnte es nicht glauben. Als ich zwei Tage später von seinem Rücktritt erfuhr, saß der Schock tief und das tut er noch immer. Peter Pilz begegnete mir immer auf Augenhöhe, auch nach einem Glas Wein. Seine körperlichen Annäherungen mir gegenüber beschränkten sich auf amikale Begrüßungsbussis und einen Handkuss, bei dem er zwei Zentimeter über meiner Hand stoppte, als wir vor der Wahl in der letzten Plenarsitzung für den Beschluss der Unterhaltsgarantie kämpften. Er am Podium und in der Presse, ich auf den Gängen und in der Cafeteria. Als Politiker wird Peter Pilz sehr fehlen.

Waren Ihnen die Vorwürfe aus dem grünen Klub während des Wahlkampfes bekannt?
Stern: Nein.

Hätten Sie für die Liste Peter Pilz kandidiert, wenn Sie schon davor davon gewusst hätten?
Stern: Ich war nicht bei den Grünen. Wenn ich also davon gewusst hätte, hätten es alle gewusst und die Liste Pilz wäre nicht ­gegründet worden.

Haben Sie nie gedacht, dass es in der Verantwortung von Peter Pilz gelegen wäre – gerade Ihnen als Frauenrechtlerin der Liste gegenüber –, Sie aufgrund der angestrebten Transparenz innerhalb der Liste über die Vorwürfe in Kenntnis zu setzen?
Stern: Gute Frage. Und sie macht mich stutzig.

Gerade als Frauensprecherin der Liste Pilz und als Obfrau des Forums Kindesunterhalt sind die Rechte der Frauen Ihr Spezialgebiet – wie sehr trifft Sie ein derartiger Vorwurf in ihrer unmittelbaren Umgebung?
Stern: Er hinterlässt eine große Ratlosigkeit. Ich kann mir aber erst ein Urteil bilden, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen. Als Krimiautorin traue ich prinzipiell jedem Menschen alles zu und weiß, dass unter der glatten Oberfläche vieles im Argen liegt. So ist ja auch die weitverbreitete Armut von AlleinerzieherInnen nicht sichtbar oder die unzähligen Frauen, die täglich von ihren Männern geschlagen werden. Auch von Politikern. Mit diesem Widerspruch hab ich gelernt zu leben.

Wie sieht man das als Frau?
Stern: Wir müssen den Nährboden für sexuelle Übergriffe und Gewalt an Frauen und Mädchen austrocknen. Das bedeutet in erster Linie die Bekämpfung von Frauenarmut. Frauen bekommen derzeit in Österreich bis zu 43 % weniger Pension als Männer. 42 % der AlleinerzieherInnen leben mit ihren Kindern in Armut und sozialer Ausgrenzung. Das schafft existenzielle Abhängigkeiten. Ich bin dafür, dass es Normalität wird, wenn Männer gleichteilig in Karenz und danach in die Elternteilzeit gehen. In Schweden machen das 70 % der Väter und sie werden schief angesehen, wenn sie es nicht tun. Weiters braucht es die Einkommenstransparenz ab zwei MitarbeiterInnen und 50 % Frauen in Führungspositionen. Wenn alle Fälle von sexuellen oder gewalttätigen Übergriffen ans Tageslicht kämen und die Männer ihre Verantwortung übernehmen würden, wären mit einem Schlag wahrscheinlich viele bestens bezahlte Jobs frei. Sexuelle Übergriffe haben nichts mit Erotik und Sex zu tun, hier geht es um Ausübung von Macht. Wir müssen diese also gerecht verteilen.

Was raten Sie Frauen, die mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz konfrontiert sind?
Stern: Um Wiederholungen zu vermeiden und psychischen Belastungen entgegenzuwirken, empfehle ich den Frauen, sich so rasch wie möglich Hilfe zu holen. Es ist wichtig, das Schweigen zu brechen.

Laut Grünen wollte das mutmaßliche Opfer nicht an die Öffentlichkeit gehen, gleichzeitig sagt Peter Pilz, ein rechtliches Vorgehen gegen die Vorwürfe sei ihm unmöglich gewesen, da er nie etwas Schriftliches in der Hand hatte – Wird hier der Opferschutz ausgedehnt? Was würden Sie rechtlich forcieren, um derartige Situationen vorzubeugen?
Stern: Es ist wichtig, dass es die Gleichbehandlungsanwaltschaft gibt, an die Frauen (und Männer) sich wenden können. Das ist eine gesellschaftliche Errungenschaft. Diese vertritt ausnahmslos die Interessen der Betroffenen und das ist auch gut so. Um die Fälle jedoch objektiv zu klären, wäre es in manchen Fällen sinnvoll, auch die Gleichbehandlungskommission miteinzubeziehen, die sich beide Seiten anhört und die Mittel hat, unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit, zu einem objektiven Urteil zu kommen. Was ich bedenklich finde, sind die Mechanismen der Mediokratie, die es ermöglichen, dass in sozialen Netzwerken Urteile gefällt werden können, bevor die Mittel der Rechtssprechung greifen. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Zum einen helfen Facebook und Twitter, gesellschaftliche Missstände an die Oberfläche zu bringen, wie beispielsweise #aufschrei oder #metoo, auf der anderen Seite kann über Menschen gerichtet werden, die man nicht kennt. Die Urbanisierung des digitalen Raumes ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, der wir uns stellen müssen.

Wie geht es mit der Liste Peter Pilz nun weiter, wo der Namensgeber das Feld räumt?
Stern: Wir werden unser Bestes geben, um den vielen WählerInnen, allen voran den AlleinerzieherInnen, gerecht zu werden.

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