Die Tragödie der Kindsmörderin Izabela L.

„Bete, dass ich nie mehr aufwache“

Die Tragödie der Kindsmörderin Izabela L.

Es handelt sich um die wohl unbegreiflichste Tat des Jahres. Als der 
Gerichtsvollzieher sich im August Zutritt zur kleinen Gemeindewohnung in Wien-Hernals verschafft, um Izabela L. (38) zu delogieren und sie auffordert, ihr Mobiliar in die mitgebrachten Kartons zu verpacken, geht die Polin in die Küche und ersticht dort ihre vierjährige Tochter Nicola. „Die Kurzschlussaktion einer psychisch kranken Frau“, sagt ihre Anwältin Dr. Astrid Wagner. Und tatsächlich weist bis zum Zeitpunkt der Tat nichts darauf hin, dass Izabela L. eine schlechte Mutter ist, im Gegenteil. „Adrett gekleidet und fröhlich!“, wird die kleine Nicola von den Nachbarn beschrieben. Und auch der ältere Sohn (13) hält eisern zur Mama, bat die Anwältin, der Mutter zu sagen, er habe sie sehr lieb.  
 
Selbstmordgefährdet. Die letzten zwei Wochen lang wurde Izabela L. von Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner in Linz auf Zurechnungsfähigkeit untersucht. Derzeit befindet sie sich wieder in der Spitalszelle der Justizanstalt Josefstadt – Izabela L. ist akut selbstmord- gefährdet – wo Dr. Astrid Wagner mit ihrer Klientin unsere Fragen durchging. Anschließend haben wir mit der Anwältin gesprochen. Der Talk. 

Frau Dr. Wagner, wie geht es ­Ihrer Klientin in der Untersuchungshaft? Was hat sie gesagt, wie sie sich derzeit fühlt?
Astrid Wagner: Sie hat mir wörtlich gesagt, sie hat keine Kraft mehr! Ihr geht es sehr schlecht. Körperlich und psychisch. Sie hat immer wieder Selbstmordgedanken. Und sie hat auch Symptome wie steife Hände und Schwierigkeiten beim Atmen. Das hat möglicherweise auch mit den Medikamenten zu tun. Sie muss sehr starke Pillen einnehmen. Frau L. befindet sich aktuell auch in einer Spitalszelle der Justizanstalt Wien-Josefstadt und wird dort nie alleine gelassen. Die Tür ist von 7 Uhr bis 16.30 Uhr offen. Und in der Nacht hat sie eine Zellengenossin. Man ist sich offensichtlich der Selbstmordgefahr bewusst. 
 
Denkt sie oft an die Tat, an die Tochter?
Wagner: Sie träumt von ihr, sie hat immer das Gefühl, dass sie noch da ist. Sie kann sich die Tat selbst nicht erklären. Meiner persönlichen Meinung nach ist es schon eine psychische Erkrankung. Sie hatte ja unter Depressionen gelitten, die im Jänner zugenommen ­haben. Sie war dann auch beim Arzt. Leider nur beim praktischen. Der hat nur Anti-Depressiva verschrieben, die hat sie dann wieder abgesetzt und die Medikation nicht entsprechend eingenommen.

Wegen der Nebenwirkungen?
Wagner: Nein, sie hat geglaubt, wenn es besser wird, braucht sie es eh nicht mehr. Sie war überfordert. Und sie sagt, sie hätte zum Psychiater gehen müssen. Das hätte ihr, meiner Meinung nach, aber auch der praktische Arzt sagen sollen … 
 
Welche Erinnerungen hat sie denn an die Tat?
Wagner: Nur schemenhafte. Sie hat mir erzählt, dass der Gerichtsvollzieher da war und da ist in ihr alles zusammen­gebrochen. Sie ist dann in die Küche gegangen und hat in der Situation gar nichts gefühlt. Und da ist dann das Messer gelegen, und dann hat sie wie in Trance das Messer genommen. Und die Tochter ist aufgewacht  und plötzlich neben ihr gestanden. Und von da an, sagt sie, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Das, was sie wirklich gemacht hat, hat sie erst bei der Polizei mitgekriegt. 
 
War die Kleine sofort tot?
Wagner: Ja, die Todesursache war Einbluten in den Herzbeutel. Das hat innerhalb kürzester Zeit zum Tod geführt. 
 
Wie kam es überhaupt zum Mietrückstand?
Wagner: Aufgrund unvorhersehbarer Umstände. Es gab einen Todesfall in Polen und da ging es um Erbschaftssteuern. Sie musste Anwälte beauftragen und mehrmals nach Polen fahren. Das riss ein großes Loch ins Budget. In Polen ist das sehr kompliziert. Wenn man erbt, erbt man auch die Schulden und da muss man ausdrücklich darauf verzichten.  
 
Wollte sie die Tochter, ihre Prinzessin, mit der Tat vor dem sozialen Elend bewahren?
Wagner: Das kann man so nicht sagen, es fehlt ja sowohl das Motiv als auch der Tatentschluss. Sie sagt: „Die Tochter war die Prinzessin, sie war ein Wunschkind!“ Sie wollte unbedingt eine Tochter als zweites Kind haben. Sie hatte davor eine Fehlgeburt. Und der Bub ist ja um neun Jahre älter.  

Was war die Tat Ihrer Meinung nach?
Wagner: Eine Panik-Kurzschlusshandlung. Ein Blackout. Man muss warten, was ­Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner, die sie untersucht hat, dazu sagen wird. Für Izabela L. waren die Gespräche mit Kastner sehr belastend, sie musste stundenlang über Kindheit und Jugend sprechen. 
 
Was wünscht sich Frau L. denn für die Zukunft?
Wagner: So weit denkt sie gar nicht. Sie sagt, sie sieht derzeit keine Zukunft. Ich sage ihr halt immer wieder, dass sie für ­ihren Sohn weiterleben muss, dass der sie braucht. Ich versuche sie halt aufzubauen …  

Sohn und Mann haben sie ja schon im Gefängnis besucht?
Wagner: Ja, und beide haben ihr verziehen. Wobei der Sohn sie jetzt nicht mehr besuchen darf. Weil er als Zeuge in Betracht kommt. Der Staatsanwalt ist der Meinung, jetzt besser nicht mehr …
 
Ist sie ein gläubiger Mensch?
Wagner: Ja, das ist sie.  Sie hat mir gesagt, sie hat früher jeden Abend gebetet. Sie hat immer für die Gesundheit ihrer ganzen Familie gebetet. Und seit der Tat betet sie nur mehr für ihren Mann und ihren Sohn.  Für sich selbst betet sie, dass sie nicht mehr aufwacht.
 
Glaubt sie, jemals mit dieser Tat leben zu können? 
Wagner: Sie kann sich das nicht vorstellen. 
 
Hat sie den Sohn nicht auch ­angegriffen?
Wagner: Ja, das hat der Sohn einmal gesagt. Aber das war unmittelbar bei der Polizei, ­direkt nach dem Vorfall. Da wurde er nicht förmlich einvernommen. Man hätte ihn auf sein Entschlagungsrecht hinweisen müssen. Das ist nicht passiert.  
 
Hatte auch er Verletzungen?
Wagner: Nein, hatte er nicht. 
 
Bekommt Izabela L. in der Haft Medikamente? 
Wagner: Ja. Und sie hat jetzt auch einen polnisch sprechenden Therapeuten. Man weiß schon, dass sie sehr gefährdet ist. Wenn ich sie sehe, habe ich das Gefühl, sie sieht sehr müde aus. Sie hat keine Kraft. Kann ohne Schlaftabletten überhaupt nicht schlafen. Aber auch mit Schlaftabletten schläft sie kaum.
 
Frau Wagner, wie wird das Verfahren ausgehen? 
Wagner: Das hängt sehr vom Gutachten ab. Derzeit ist es ein Verfahren wegen Mord. Wenn das Gutachten ergeben sollte, sie war eigentlich nicht zurechnungsfähig, dann kommt es allenfalls zu einem Unterbringungsantrag, wenn eine Gefährlichkeit vorliegt. 
 
Könnte Izabela L. dann eventuell sogar freikommen, wenn sie nicht mehr gefährlich ist? 
Wagner: Theoretisch ist das möglich. Hat es auch schon gegeben. Untergebracht werden Leute nur, wenn sie gefährlich sind.  
 
Wie ist Izabela L. als Mensch?
Wagner: Eine sehr introvertierte Frau, immer schon gewesen. Spricht schlecht Deutsch. Braucht in juristischen Angelegenheiten immer einen Dolmetscher. Und vertraut sich nicht schnell jemanden an. Auch mit Nachbarn habe ich gesprochen. Die haben gesagt: Die ist sehr nett und lieb, aber getratscht hat sie mit niemandem länger.
 
Aus welcher Familie stammt Izabela L.?
Wagner: Aus einer sehr anständigen Familie, ganz normale Leute, mehrere Geschwister. Keine prekären Verhältnisse.
 
Sollte sie rauskommen, hätte der Sohn keine Angst vor seiner Mama?
Wagner: Nein gar nicht. Der Sohn hat mich ersucht, ganz am Anfang, als er sie noch nicht gesehen hat, ich soll unbedingt der Mama ausrichten, er hat sie lieb. Ganz von sich aus: „Bitte sagen Sie meiner Mutter, dass ich sie lieb habe!“ Der hat das schon verstanden, dass das überhaupt nicht zu ihr passt. Sie dürfte eine ganz liebe Mama gewesen sein, das Mädchen war super entwickelt. Die Nachbarin hat mir gesagt, sie hat sie einen Tag vor der Tat getroffen, die Nachbarin gefragt: „Wo wohnst du?“ „Du weißt ja, ich wohne gegenüber“, hat die Nachbarin geantwortet. „Wie alt bist du denn?“ Da hat sie mit den Fingern „vier“ gezeigt. Allein, dass der Bub so zu ihr hält, spricht dafür, dass Izabela L. keine ­Böse ist. Meiner Meinung nach ist es eine psychische Erkrankung, die im Jänner schleichend mit Verfolgungsideen begann. Sie hat immer das Gefühl gehabt, es geht ihr jemand nach. Izabela L. hat z. B. im Kasten nachgeschaut, ob wer drinnen ist. 
 
Und die Delogierung war dann zu viel … wie arm ist die Familie denn eigentlich?
Wagner: Dicke haben sie es nicht gehabt, sie war zu Hause, der Mann hat als Maurer verdient. Sie hatten ungefähr 2.000 Euro zum Leben, das ging ja. Und dann kam die Geschichte in Polen, und da hat sie halt gehofft, dass Wiener Wohnen kulant ist. Die waren ja ein paar Mal dort, in der 49-Quadratmeter-Gemeindewohnung, und da hat es immer geheißen: „Zahlen Sie halt ein paar Hunderter!“ Und sie hat das dann gemacht. Und wieder verdrängt. Ihren Mann wollte sie damit nicht belasten.
 
Werden Mann und Sohn jetzt delogiert?
Wagner: Sie wollen auf keinen Fall mehr in dieser Wohnung bleiben. Angeblich gibt es jetzt ein neues Angebot von Wiener Wohnen. 
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