Kusturicas "Little Alien" erschreckend aktuell

Eigentlich könnte man sich als Filmemacherin nichts Besseres wünschen - doch leider ist es in diesem Fall kein Grund zur Freude. Täglich neue Schlagzeilen beweisen: "Little Alien", Nina Kusturicas Dokumentation über jugendliche Asylwerber, die am 9. Oktober in die Kinos kommt, ist topaktuell.

Das merkt die junge Regisseurin, Produzentin und Cutterin, die selbst als 17-Jährige mit ihrer Familie als Flüchtling von Bosnien nach Österreich kam, auch an aufgeregten Telefonaten: "Wir sind mit den meisten Jugendlichen, mit denen wir gedreht haben, weiterhin in Kontakt." Deren Verunsicherung steige klarerweise, wenn sie von Plänen hören, die österreichischen Asylgesetze zu verschärfen.

"Schon allein durch meine eigene Geschichte weiß ich, dass hinter allen Fällen viel mehr dahinter ist, als üblicherweise in den Medien vorkommt", sagt Kusturica, die noch vor ihrer Flucht den Schulabschluss machte und an der Filmakademie Wien Regie und Schnitt studierte, "daher wollte ich in meinem Film andere Bilder zeigen und andere Geschichten erzählen." Weil man sich vorgenommen hatte, diese aus der Innen-, und nicht aus der Draufsicht zu erzählen, habe man schon bald festgestellt, dass die herkömmliche Abgrenzung des Dokumentarfilmers zu seinem Thema in diesem Fall unmöglich durchzuhalten war: "Wir haben dann gesagt, wir begreifen unsere Arbeit breiter und haben ein Viertel unserer Zeit nicht dem Filmen, sondern der Hilfe und Informationsbeschaffung für die Jugendlichen gewidmet."

Die exakte Altersbestimmung, die in der politischen Debatte um jugendliche Asylwerber eine wesentliche Rolle spielt, habe auch bei Beginn ihrer Arbeit im Team für Diskussionen gesorgt, erzählt die Regisseurin. "Plötzlich haben wir genauso wie die Behörden diskutiert, ob sie auch wirklich so alt sind, wie sie sagen. Dann haben wir aber gesagt: Das kann nicht sein, das darf keine Rolle spielen. Es geht einfach um junge Menschen!" Für die Behörden schlägt Kusturica im Gespräch mit der APA daher eine einfache Lösung für die heikle Frage der medizinischen Altersfeststellung vor: "Einfach bei allen die Menschenrechte respektieren, ob die Menschen jetzt über oder unter 18 Jahre alt sind!"

Drei wesentliche Erkenntnisse hat Nina Kusturica aus ihrer mehrjährigen Beschäftigung mit dem Thema und den vielen Gesprächen mit den Teenagern gewonnen: das Arbeitsverbot im Asylverfahren gehört aufgehoben, das Dublin-Abkommen geändert und die Brutalität der Grenzpolizei gestoppt. "Die jungen Leute bringen so viel Energie mit, haben die Bereitschaft zu lernen und zu arbeiten, dürfen es aber nicht. Sogar der Besuch der Berufsschule gilt als Arbeit", ärgert sich Kusturica. "Es kann nicht sein, dass nur die EU-Grenzländer für die Flüchtlinge zuständig sind und in den anderen Ländern die Flüchtlinge praktisch vom Himmel fallen. Es ist ein System, das die Menschen zur Lüge zwingt, ein Spiel, bei dem beide Seiten ungleiche Karten haben." Und schließlich führe die behördlich ausgeübte Gewalt an den Grenzen dazu, dass es nur die Stärksten schafften: "Es ist ganz klar: Europa will nur die stärkeren jungen Männer, keine Frauen und keine Familien."