60. Berlinale - Andreas Lust über "Der Räuber"

"Das Laufen war sehr anstrengend", schilderte Lust im Gespräch mit der APA, "manchmal sind es mir nicht wie 42 Kilometer, sondern wie 42 Jahre vorgekommen." Am 26. Februar startet der Film auch regulär in Österreichs Kinos. Die Geschichte von Rettenberger ist an die wahre Geschichte des Niederösterreichers Johann Kastenberger angelehnt, der seine Raubzüge mit Pumpgun und Ronald-Reagan-Maske verübte und deshalb den Spitznamen Pumpgun-Ronnie erhielt. "Die Biografie von Kastenberger war aber irgendwann egal, weil das Drehbuch schließlich ganz anders geworden ist und während des Drehs immer weiter geschrieben wurde", erzählte Lust. "Ich habe zum Teil selbst nicht gewusst, wo es hingehen wird - also ähnlich wie meine Figur."

An den Charakter hat der 1967 geborene Wiener versucht, möglichst unpsychologisch heranzugehen. "Die Herausforderung war, das Empathische wieder abzustellen und sich nicht darum zu kümmern", so Lust. "Also ein eher abstraktes Herangehen, versuchen sich selbst als reine Energie zu empfinden, die Figur im Mittelpunkt zu sein, sozial abgeschnitten, emotionslos, absichtslos, nur Energie, um die herum die Lebenssinnlosigkeitsbewältigungssysteme der anderen sichtbar werden. Es war also eher der Versuch, sich als Tier zu verstehen, ohne Kalkül, wie die Natur. Er muss, weil er kann."

Ein Jahr lang musste Lust sich in bester Laufform halten, trainierte mit Betreuern, nahm rund zehn Kilo ab, um den läuferischen Anforderungen des Films - vor allem bei den Fluchtszenen vor der Polizei - zu genügen. "Ich kam nicht dazu darüber nachzudenken, wie ich eine Szene anlegen oder was ich aus einer Szene herausholen möchte, die Situation hat immer die Aktion vorgegeben", erzählt der Darsteller. "Die Hunde sind hinter mir hergelaufen, ich musste weglaufen, ich durfte mich nicht erwischen lassen - es musste also nicht geschminkt werden, ich war abgehetzt."

Anekdoten zum Dreh hat der in Berlin lebende Schauspieler genug auf Lager - vom Bergmarathon, wo sich Amateur-Läufer nicht so leicht geschlagen geben wollten, oder vom Live-Einstieg beim Wien-Marathon, wo sowohl der Platzsprecher als auch tausende Anhänger dem vermeintlich bestplatzierten Europäer zujubelten. "Da hab ich eine Gänsehaut gekriegt", musste Lust zugeben, der fünf Teilstücke des Marathons mitgelaufen ist. "Und die Anweisung war immer: Andi, du darfst dich nicht abhängen lassen! Wir haben nur diese eine Chance, nur nicht abhängen lassen!"

Einen Monat nach der Berlinale wird Lust, der in Götz Spielmanns Oscar-nominiertem Film "Revanche" als traumatisierter Polizist brillierte, mit der Glavinic-Verfilmung "Der Kameramörder" die Diagonale in Graz eröffnen. Rund um die WM im Juni dürfte zudem die TV-Serie "FC Rückpass" ausgestrahlt werden. Drehtechnisch steht im April die dritte Staffel von "Schnell ermittelt" am Programm, nach dem Sommer die "Weibsteufel"-Adaption von Florian Flicker. Und Lust könnte auch einmal mehr Ausdauer beweisen müssen: "Es ist gerade ein Projekt im Entstehen, bei dem es um einen Ex-Radrennprofi geht."

Neidlose Anerkennung für den Erfolg von Christoph Waltz herrscht unter seinen österreichischen Kollegen. "Der ist nicht mehr einholbar", beglückwünschte Andreas Lust den "Inglourious Basterds"-Star im APA-Gespräch zu seinem kometenhaften Aufstieg. Ebensolche Oscar-Hoffnungen wie für Waltz hegt Lust für "Das weiße Band" von Michael Haneke. "Das ist für mich der beste Film von Haneke bisher, der hätte es sich echt verdient."

Der in Berlin lebende Schauspieler trifft in Deutschland "nur Fans des österreichischen Films, egal mit wem man spricht. Die beneiden uns richtig um unsere Filme, dabei geht es uns wahrscheinlich umgekehrt oft ähnlich." In Los Angeles würden Nationalitäten aber ohnedies keine Rolle spielen, sagte Lust. "Die feiern sich alle, denn everyone's a winner."

(Das Gespräch führte Daniel Ebner/APA)

INFO: http://www.berlinale.de, http://www.derraeuber.at

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