Kein Tag wie der andere

Uschi Fellner:

Kein Tag wie der andere

Richtig ist, dass ich Falten in den Gesichtern der anderen wohlwollender betrachte, als meine eigenen. Gegen weniger Vergangenheit im Antlitz hätte ich nichts einzuwenden.
„Du musst lernen, die Spuren an deinem Körper zu lieben“, sagte mir unlängst eine Frau, die diesbezügliche Seminare abhält und sehr naturbelassen aussieht. Gewiss ist sie ein guter Mensch.
Om. Auch die Designerin Vivienne Westwood bewundere ich, weil sie gängige Schönheitsideale ablehnt und ihre rechtschaffen ermüdeten Körperregionen gnadenlos den öffentlichen Blicken aussetzt. Solange ich nicht mir ihr zusammenwohne, finde ich es auch mutig, dass sie sich aus Umweltgründen ohne Seife und nur gelegentlich wäscht.
Mindestens so viel Verständnis habe ich allerdings dafür, die Natur in ihre Schranken zu weisen. Ich danke dem Schicksal auf Knien dafür, gut deckende Foundations bei Bedarf parat zu haben. Und sollte ich die Gnade haben, alt zu werden, werde ich auch an meinem hundertsten Geburtstag nicht so aussehen, wie ich von der Natur
gemeint gewesen bin.
Eine Freundin aus Amerika sah mich unlängst prüfend an und sagte dann seufzend: „Du hast ja noch gar nichts machen lassen.“ In ihren Kreisen kein Kompliment. In Amerika ist mit vierzig plus „nichts machen lassen“ so, als würde man statt skypen oder twittern die Buschtrommel bemühen. Natürlich lasse ich nicht nur Kernseife an meine Haut, dass ich Botox und dergleichen (an mir) ablehne, hat aber hauptsächlich mit Feigheit zu tun.
Im Übrigen würde ich gerne den Erfinder von Neonlicht rückwirkend klagen. Gehe davon aus, dass es sich um einen Mann handelt, der Menschen generell und Frauen insbesondere hasst. Und da ich gerade in Rage bin, weil mir aus dem Neon beleuchteten Büro-Toilettenspiegel Gollum aus Herr der Ringe entgegenstarrt: Ab jetzt wird jeder, der in meiner Nähe den Satz „Für dein Alter schaust du richtig gut aus!“ strapaziert, drei Tage in unsere Büro-Toilette gesperrt.
Mit Wasser, Brot und Vivienne Westwood.

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