Hohes Risiko bei Bluttransfusionen vor 1990

Warnung vor unentdeckter Hepatitis-C

Geschätzte fünf Mio. Menschen sind in Westeuropa mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infiziert. Der größte Teil der Betroffenen hat keine Ahnung.

Weltweit seien rund 180.000 Mio. Menschen mit dem HCV-Virus infiziert, das in den meisten Fällen eine chronische Leberentzündung hervorruft. Für Westeuropa schätzt man, dass rund 0,5 bis 0,8 der Bevölkerung Virusträger sind, hieß es bei der vom belgischen Biotech-Unternehmen Tribotec organisierten Veranstaltung. "Viel zu viele wissen nicht, dass sie betroffen sind, weil erst spät relativ unspezifische Symptome auftreten können", sagte Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung. Er geht davon aus, dass nur 25 Prozent der Infizierten auch diagnostiziert sind. "Auch nur leicht erhöhte Leberwerte sollten entsprechend abgeklärt werden", rät Manns.

Die Übertragung erfolgt über den Blutweg. Bis in die späten 1990er Jahre wurde das Virus in vielen Fällen über infizierte Blutkonserven und Plasmaspenden übertragen, heute gelte dieses Risiko als weitestgehend ausgeschaltet. "Jeder, der vor 1990 eine Bluttransfusion bekommen hat - beispielsweise bei einer Geburt - sollte sich testen lassen", betonte der Mediziner und Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover in Hinblick auf die oft erst spät auftretenden Symptome.

Nadeltausch bei Drogenmissbrauch gilt als häufigste Infektionsursache. Aber auch Tätowierungen und Piercings, die unter unzureichenden Hygienestandards durchgeführt werden, können zu einer Übertragung führen, warnte der Leberforscher. "Niemand ist davor gefeit - die Hälfte der Patienten weiß nicht, wie sie sich infiziert haben", schilderte Manns. Die Übertragung durch Sexualverkehr ist selten, aber möglich; das Risiko steigt während der Menstruation und bei verletzungsträchtigen Sexualpraktiken.

Anzeichen für eine Erkrankung können u.a. unerklärliche und chronische Müdigkeit, Gelenk- und Muskelbeschwerden sowie erhöhte Leberwerte sein. Meist melden sich die Infizierten daher erst nach Jahren oder Jahrzehnten beim Arzt. Eine Gelbfärbung der Haut/Augen ist relativ selten. Während für andere Formen des Hepatitis-Virus Impfungen am Markt sind, gibt es noch keinen Impfstoff gegen Hepatitis C.

Standardtherapie soll erweitert werden

Die chronische Hepatitis-C-Infektion verläuft je nach Lebenssituation unterschiedlich. Rund 80 Prozent der Infizierten entwickeln längerfristig eine chronische Leberentzündung, schilderte der deutsche Leberexperte Michael P. Manns im Seminar in London. Länger unentdeckt und unbehandelt, kann sie in eine Leberzirrhose oder gar Leberkrebs münden.

20 bis 30 Prozent der Menschen mit chronischer Leberentzündung sterben schließlich am Versagen des Organs. "Rund die Hälfte der Lebertransplantationen geht auf eine virale Lebererkrankung zurück, für zwei Drittel ist das Hepatitis-C-Virus verantwortlich", so der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Leberstiftung. Angesichts der lange schleichenden Entwicklung sowie weiterer laufender Infektionen rechnet der deutsche Experte damit, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten eine Verdoppelung der Lebertransplantationen wegen HCV zu erwarten ist.

Durch heutige Therapien ist die Hepatitis C jedoch oft heilbar. "Um eine chronische HCV-Infektion frühzeitig zu identifizieren und damit rechtzeitig und erfolgreich zu behandeln, gibt es mittlerweile relativ zeit- und kostengünstige aber sehr effektive diagnostische Methoden", schilderte Manns.

Standardtherapie gegen das Hepatitis-C-Virus ist seit Jahren die Gabe von pygeliertem Alpha-Interferon (peg-INF) und Ribavirin über sechs bzw. zwölf Monate im Falle der Typ-1-HVC, erläuterte Fabien Zoulim, Ärztlicher Direktor der Abteilung Hepatologie an der Universität Lyon. Das künstlich länger wirksam gemachte Interferon (peg-INF) muss wöchentlich einmal gespritzt, die antivirale Substanz einmal täglich eingenommen werden. Die aufgrund ihrer Nebenwirkungen belastende Behandlung bringt es zu Heilungsraten zwischen 50 und 80 Prozent, abhängig vom Virus-Gentypus.

Es gibt sechs verschiedene Genotypen des Virus, europaweit ist der Genotyp 1 der Häufigste, der aber zugleich auch am schwierigsten zu behandeln ist. "Patienten mit dem Genotyp 2 und 3 können zu 80 bis 90 Prozent geheilt werden, die Heilungsrate beim Typ 1 liegt jedoch nur bei 40 bis 50 Prozent", bedauert Zoulim die aktuell unbefriedigende Situation. Zurzeit finden sich gegen den HC-Virus rund 35 Substanzen in Entwicklung - sowohl Protease- und Polymerase-Hemmer als auch Interferone, so Manns.

Behandlung bald wirksamer und kürzer

Ziel der Forschungen ist es, die Wirksamkeit der Therapie zu steigern und die Verträglichkeit der Behandlung verbessern. Am weitesten ist die Entwicklung von neuen antiviralen Substanzen gediehen, die mit peg-INF und Ribavirin kombiniert werden sollen (Dreifach-Therapie). Hier werden laut Experten vor allem Verbesserungen in der Behandlung gegen den Virustyp 1 (HCV-1) erwartet, der mit Erfolgsraten von weniger als 50 Prozent bisher am wenigsten effektiv bekämpft werden kann.

Zur Vermehrung der HC-Viren in den menschlichen Zellen sind eine Reihe von Proteinen notwendig. Es wurden bereits Hemmstoffe dieser Proteine gefunden - bisher hat es allerdings noch keiner zur Zulassung geschafft. Mit dem HCV-Protease-Inhibitor Telaprevir stehe jedoch das Erste in den Startlöchern, hieß es. Der französische Leberforscher Fabien Zoulim von der Universität Lyon erwartet sich durch die neuen antiviralen Medikamente, die ein Protein hemmen, das zur Vermehrung der HC-Viren nötig ist, eine "Revolution des Behandlungserfolges sowie der Behandlungsdauer".

Die Ergebnisse der aktuellen Phase-III-Wirksamkeitsstudie zum Protease-Hemmer Telaprevir für HCV1-Patienten, der von den Unternehmen Vertex, Tibotec und Jannsen Cilag entwickelt wird, werden Ende 2010 erwartet: In der Studie zur Beurteilung und Sicherheit der antiviralen Aktivität erhalten die Patienten über zwölf Wochen zusätzlich zur Standardtherapie mit peg-INF und Ribavirin dreimal täglich den Protease-Hemmer in Tablettenform verabreicht, anschließend für weitere zwölf Wochen ausschließlich die Standardtherapie.

Die ersten Daten liegen vor: "Es schaut so aus, als ob die Erfolgsraten von unter 50 auf rund 70 Prozent bei einer Behandlungszeit von 24 Wochen - und damit die Hälfte der bisherigen Therapiezeit - steigen", so Zoulim. Im bisherigen Verlauf der Studie stellte sich ein dauerhaftes virologisches Ansprechen bei 67 Prozent der Patienten nach 24 Wochen ein. "Die Minimierung der Therapiezeit ist alleine schon ein Fortschritt für alle, die unter den Nebenwirkungen leiden", urteilt Zoulim.

Hoffnung gebe die neue Therapie auch Personen, die auf die vorhandenen Medikamente nicht ansprachen. Hier zeige sich, dass rund 50 Prozent der bisherigen "Non-Responder" auf die Dreifachtherapie nach zwölf Wochen anhaltend positiv ansprechen. Hierzu werden mehrerer Studien auf der Leberkonferenz EASL vom 14. bis 18. April in Wien präsentiert.

Eine Therapie ohne Interferon und Ribavirin ist laut Zoulim "nicht so schnell" zu erwarten. In fernerer Zukunft bestehe Hoffnung auf Kombinationstherapien, bei denen mehrere neuartige antivirale Wirkstoffe zusammen verabreicht werden.