Jedermann

MADONNA-Talk

Buhlschaft Verena Altenberger im Interview

Am heutigen Samstag feiert sie Premiere auf dem Salzburger Domplatz. Zusammen mit Lars Eidinger führt Verena Altenberger Michael Sturmingers „Jedermann“ in eine neue Dimension.   

Mit dem „Jedermann“ in der DNA, großem Herz für ihren Beruf und der coolsten (und kürzesten) Buhlschafts-Frisur wird die gebürtige Salzburgerin Verena Altenberger (33) am 17. Juli 2021 als Nachfolgerin von Größen wie Senta Berger, Veronica Ferres und Birgit Minichmayr ein Stück Festspiel-Geschichte schreiben. So modern Michael Sturminger den „Jedermann“ 2021 inszeniert, so modern gehen Altenberger und „ihr“ Jedermann, der kongeniale Lars Eidinger (45), an ihre neue gemeinsame Arbeit heran. Und so ärgert sich Eidinger, wenn etwa Altenberger gefragt wird, ob er ihr die Show stehlen würde. „Das ist doch überhaupt kein Thema – wir spielen nicht gegeneinander, wie spielen zusammen. Das ist im besten Falle wie Sexualität …“ Für David Schalkos „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ standen Altenberger und Eidinger 2018 zusammen vor der Kamera. Ab diesem Samstag stellen sie sich der für sie völlig neuen – und nur allzu oft unterschätzten – Herausforderung des „Jedermanns“ im Rahmen der Salzburger Festspiele. Die Buhlschaft im MADONNA-Interview.

Sie müssen in letzter Zeit viel über Ihre Haare sprechen. Nervt Sie das schon?
Verena Altenberger:
Nein, das nervt mich tatsächlich noch überhaupt nicht, weil ich das sehr interessant finde, dass es 2021 offenbar noch immer ein radikaler und feministischer Schritt ist, sich die Haare abzurasieren. Das halte ich für so absurd, dass ich es wiederum gut finde, dass wir die Debatte führen. Offenbar müssen wir sie führen.

Mit welchen Reaktionen wurden und werden Sie konfrontiert?
Altenberger:
Auf Social Media oder auch auf der Straße reagieren manche Männer so, als würde ich sie persönlich beleidigen, indem ich als Frau sage, dass ich keine Lust mehr habe, lange Haare zu tragen. Andere wiederum nehmen es ganz bedauernd wahr und sagen: „Keine Sorge, sie kommen ja wieder.“ Dabei will ich vielleicht gar nicht, dass sie schnell wieder nachwachsen. Wieso gehen Männer davon aus, dass es ganz schlimm ist, kurze Haare zu haben?


Es gibt aber bestimmt auch viele Männer, die das sehr cool und sexy finden, oder?
Altenberger:
In Wirklichkeit ist mir das ziemlich wurscht, was Männer zu meiner Frisur sagen. (lacht) Ich verbuche das unter dem Aspekt „interessant, welch unterschiedlichen Haltungen man begegnet“.


Sie ließen aber bis zuletzt offen, ob Sie auf der „Jedermann“-Bühne nun Kurzhaar-Frisur oder Perücke tragen. Warum?
Altenberger:
Weil es bis zuletzt völlig offen war. Regisseur Michael Sturminger hat es mir bei den Proben völlig frei gelassen. Und Lars ist es sowieso wurscht, glaube ich. Und für mich selbst ist es so, dass ich nicht wollte, dass davon ausgegangen wird, dass ich mit Perücke spiele. Abgesehen von Michael und Lars hatte ich das Gefühl, dass die meisten das erwartet haben. Sogar Freundinnen von mir, die es toll fanden, dass ich die Glatze geschoren habe, dachten, das geht irgendwie nicht, dass man die Buhlschaft mit kurzen Haaren spielt. Dass diese Debatte vom Tisch ist, wollte ich unbedingt und das ist sie nun.


Nun haben Sie die Buhlschaft ja schon recht stark verinnerlichen können – ist sie nun eine emanzipierte Frau?
Altenberger:
Das war sie schon immer. Wenn man das Stück liest, kann man das nicht abstreiten. Das ist eine Frau, die Grenzen setzt. Das imponiert mir, denn obwohl ich wirklich eine sehr emanzipierte Frau und Feministin bin, ist eines der schwierigsten Themen in meinem Leben, eigene Grenzen zu spüren, einzusetzen und einzufordern. Das fällt mir immer wieder schwer. Das ist auch Übungssache, Selbstvertrauenssache, Sozialisierungssache … Die Buhlschaft hingegen kann super Grenzen setzen. Was ich aber im Vorfeld dachte, war, dass sie eine Frau in einer Abhängigkeit ist. Deshalb dachte ich, ich muss nach dem Leid dieser Frau suchen und wo sie dann vielleicht ihre Ketten sprengt. Aber ab dem Moment, in dem ich mit Lars zusammen auf der Bühne gestanden habe, habe ich gemerkt, wir sind völlig gleichberechtigt.


Kommt aber vielleicht auch daher, dass der Jedermann an Ihrer Seite ein höchst moderner ist. Hängt es davon ab, dass Lars Eidinger dieser Jedermann ist?
Altenberger:
Ich glaube, es hängt mehr davon ab, dass ich die Buhlschaft bin. (lacht) Aber im Ernst – und das soll bitte niemand als bewusste Abgrenzung zu Vorgängerinnen verstehen, weil ich mich weder abgrenzen, noch etwas nachmachen und schon gar nichts gezwungen neu erfinden möchte – aber ich habe das Gefühl , dass wir ein Paar in der Besetzung sind, das sich am weitesten in der Mitte trifft.

Sie wirken sehr harmonisch …
Altenberger:
Lars hat mir indirekt ein sehr schönes Kompliment gemacht in einem Interview, in dem er gefragt wurde, was an Verena Altenberger am sexiesten ist. Er hat dann gesagt: „Wie das Wort schon sehr einschränkend sagt, bezieht sich sexy auf das Geschlecht, von englisch sex, und Verena ist niemand, den man nur über das Geschlecht definieren kann.“ Das finde ich gut und das trifft genauso auf Lars zu. Ich glaube, wir sind uns da sehr ähnlich als Menschen und Künsterl:innen. Ich verstehe meinen Feminismus als Humanismus. Ich möchte, dass es allen Menschen gut geht und will nicht Männer unterdrücken. Ich glaube nicht, dass diese patriarchale Gesellschaft, in der wir leben, die beste für Männer ist. Die leiden nämlich genauso darunter.   

Interview: Daniela Schimke