Kein Tag wie der Andere

Uschi Fellner

Kein Tag wie der Andere

Es soll Kinder geben, die sich während langer Autofahrten still verhalten. Schlafen. Lesen. Vorbeifahrende Autos zählen und nach Farben ordnen. Nette Quizspiele machen. Von solchen Kindern habe ich mehrfach gehört. Gerne würde ich diese Kinder adoptieren und den freundlichen Eltern im Gegenzug meine Kinder zur Verfügung stellen, kostenlos natürlich. Wobei, wenn ich’s mir überlege, der Spaßfaktor mit denen ist nicht zu unterschätzen. Aber gegen eine kleine Gebühr wäre ich bereit …
Wir fahren ins Wochenende. „Wann sind wir da?“ „Wir brauchen ungefähr noch 24 Stunden“, haha, keiner lacht. Vor Amstetten die zweite Schlägerei auf der Rückbank, bei Ansfelden öffnet einer das Seitenfenster, um hinauszuklettern … „Wann sind wir da?“
Vor Salzburg Stau. Wir sollten aussteigen, um Pause zu machen, aber der Wagen ist mit Gummibärchenmasse ausgegossen, wir kommen leider nicht mehr raus. „Wann sind wir da?“ „In zwanzig Minuten“, lüge ich. Zwanzig Minuten sind für Kinder unter sechs schwer einzuschätzen. Meine sind über sechs, aber egal. Vielleicht geschieht ein Wunder. Vielleicht hebt der Wagen ab und fliegt über die Autobahn, Zeitzonen verschieben sich, das Hier und Jetzt ist – esoterisch betrachtet – ja reine Einbildung. In Wahrheit sind wir vielleicht schon da. Und wissen es nur nicht.
„Ich habe keine Ahnung, wann wir da sind!“, ­brülle ich. „Nie wieder fahren wir mit!“, schreit ein Kind zurück, das zweite erklärt sich durch Schweigen solidarisch mit dem ersten. Schöne Brut hat man sich da herangezüchtet. Steht eigentlich nur Geld- oder Gefängnisstrafe darauf, wenn man Kinder an der Tankstelle vergisst?
Die letzte halbe Stunde fragen sie nicht mehr. Sie sind gebrochen. Fertig. Ich auch. Vollkommen.
Um ehrlich zu sein, schicke ich diesen Text von dort, wo wir endlich angekommen sind. Weit weg, circa 24 Stunden. Ich bin jetzt Schafhirtin, mit ein paar rotbackigen Kindern und einem geduldigen Mann. Wir haben es nett hier, viel frische Luft! Ab und zu begehen wir einen kleinen Bankraub, um was dazuzuverdienen, aber sonst ist es ruhig hier, und das Schönste: Wir sind endlich da!

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