Mein Leben als Mafia-Chefin

Etwas andere Karriere

Mein Leben als Mafia-Chefin

Mit acht Jahren feuerte sie erstmals eine Waffe ab, mit 14 wurde sie zur gehorsamen „Mafia-Soldatin“ und mit 25 stand sie als erste „Ehrenfrau“ dem organisierten Verbrechen vor. Giuseppina Vitale, heute 38 Jahre alt, war die erste Bezirkschefin mit Befehlsgewalt in der Geschichte der sizilianischen Mafia. „Ich bin“, so die zweifache Mutter, „als jüngstes von fünf Geschwistern einer Bauernfamilie aufgewachsen und durch meinen Vater und meine Brüder schon früh mit der Cosa Nostra in Berührung gekommen.“ Sie war der verlängerte Arm ihrer gewalttätigen Brüder und als auch der letzte ins Gefängnis musste, wurde sie zum Oberhaupt des grausamsten Clans in Partinico, eine Provinz Palermos in der Region Sizilien, ernannt.

Todesangst
„Ich führte die Geschäfte und das Leben meiner Brüder weiter, bis ich 1998 selbst im Gefängnis landete“, so die Italienerin. Aus Liebe zu ihren Kindern entschied sich Vitale, als Kronzeugin gegen die Mafia und gegen ihre Familie auszusagen. Seitdem lebt sie mit ihren Kindern versteckt in einem Kronzeugenschutzprogramm und in ständiger Angst vor dem Tod. In ihrem Buch Ich war eine Mafia-Chefin packt sie über die mächtige Organisation aus.

...Giuseppina Vitale über ihre Kindheit als „Mafia-Soldatin“ ihrer älteren Brüder.
Als Mafia-Soldaten werden diejenigen bezeichnet, die die Drecksarbeit erledigten. Mafia-Clans sind wie Armeen organisiert, geführt von dem Clanchef. Ich wurde langsam zu so einer Soldatin und übernahm nach und nach die Aufgaben meiner Mutter. Meine Brüder brachten mir das Schießen bei. Ich war acht oder neun Jahre alt. Zur Schule ging ich nicht mehr. Nach der achten Klasse wollten meine Brüder nicht, dass ich weiter den Unterricht besuchte.

...über ihren Aufstieg zu einer der mächtigsten Frauen nach dem Tod ihres Vaters und der Inhaftierung ihrer Brüder.
Alles blieb an mir hängen: die Landwirtschaft mit allem, was dazu gehörte, mein Vater war schließlich nicht mehr da; alle zehn Tage gingen vierzig Millionen Lire durch meine Hände; es war sauberes Geld, aber zu dieser Zeit begann ich auch, mich um das schmutzige zu kümmern, jenes, das nicht über die Banken ausgezahlt wurde, und zwar sehr eilig. Das Geld stammt von Händlern, die sich mit uns „arrangierten“. Meine Aufgabe war es, das Geld den Familien derjenigen zukommen zu lassen, die im Gefängnis saßen, oder Umschläge vorzubereiten, die ich im Auftrag meiner Brüder Vito und Nardo irgendwohin bringen musste oder für unvorhergesehene Gelegenheiten aufbewahrte. Ich versteckte das Geld bei mir zu Hause in der Zwischendecke und an Orten, die mein Mann nicht kannte. Er wusste von all dem nichts.

...über ihr Leben als erste „Ehrenfrau“. Auf der Straße drehten sich die Leute weg, um meinem Blick nicht zu begegnen, oder aber sie lächelten übertrieben.
Beim Einkaufen gewährte man mir unaufgefordert riesige Rabatte, oder ich bekam die Waren gleich geschenkt. Schon unser Familienname versetzte die Leute in Angst und Schrecken. Wir waren der Fardazza-Clan, über den man die furchtbarsten Dinge erzählte. Selbst ich fragte mich manchmal, ob das, was über meinen Bruder im Umlauf war, wirklich stimmte. Ich wusste natürlich, dass er als blutrünstig galt und angeblich schießen konnte wie ein Gott. Für mich war er einfach Vito, mein Bruder, und nicht der grausame Mensch, als den die Zeitungen ihn titulierten.

...über ihre rasche Verhaftung am 25. Juni 1998.
Es war nicht nur mein Nachname, der mir zum Verhängnis wurde, sondern es waren auch die Abhöraktionen während meiner Besuche im Gefängnis. Ob ich damit gerechnet hatte? Nein, denn wenn man in Gefahr ist, denkt man nicht darüber nach, weil man sonst gelähmt ist. Ich tat immer, was man mir sagte, arbeitete, plante, traf Vorkehrungen... Aber ich legte mir nie Rechenschaft ab über das, was ich tat. Ich lebte wie in einem Film, der nicht der meine war, sondern der meiner Brüder.

...über ihre Zeit im Gefängnis.
Als die Giuseppina, die ich vorher war, fühlte ich mich immer stark; jetzt während ich mich fragte, wer ich war, fühlte ich mich hundeelend und schwach, konnte mir weder für mich noch meine Kinder eine Zukunft vorstellen. Für mich galten verschärfte Haftbedingungen, ich hatte also keinerlei zuverlässige Kontakte, und außerdem versetzten sie mich ständig ohne Vorwarnung von einem Knast in den nächsten. Ich versuchte, meine Würde zu bewahren, aber an den meisten Tagen saß ich wie versteinert auf meiner Pritsche, aß nicht, schlief nicht.  

...über ihre Entscheidung, als Kronzeugin auszusagen.
Ein Kronzeuge war für mich ein Verräter, und ich hoffte noch immer, meine Anwälte würden mich herausboxen. Im Juli 2004, ich war zweiunddreißig Jahre alt, fand die erste Begegnung mit dem Staatsanwalt von Palermo statt. Am 20. März 2005, als man mir mitteilte, dass meine Kinder endlich mit in das Schutzprogramm aufgenommen worden waren, konnte ich aufatmen. Der Albtraum, der mein bisheriges Leben bestimmt hatte, war vorbei.

...über ihr neues Leben in Angst vor der Familie.
Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mir die Reaktion meiner Brüder nicht wehgetan hätte. Ich habe Zeitungsausschnitte mit ihren Äußerungen aufbewahrt. „Ich habe“, so mein Bruder Leonardo, „erfahren, dass eine frühere Blutsverwandte von mir mit der Justiz kollaboriert. Wir sagen uns von ihr los, ob lebendig oder tot, was sie hoffentlich bald sein wird.“

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Autor: Nina Fischer
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