Charlotte Rampling im Interview

"Wollte niemals eitel sein"

Sie ist eine kühle Britin geblieben, auch wenn ihre Filmkarriere vorwiegend im sonnigeren Frankreich stattfand. Charlotte Rampling (62) mustert uns beim Interview im Pariser Grand Hotel zunächst misstrauisch – mit einem wachen Funkeln in den Augen. Sie braucht Zeit, bis sie auftaut, dann aber erzählt die Schauspielerin, die seit 43 Jahren im Geschäft ist, bereitwillig von der Oberflächlichkeit der Amerikaner, von ihrer Ablehnung von Schönheits-OPs und von ihrer (Karriere-) Entscheidung, der Liebe wegen in Frankreich zu bleiben.

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Frau Rampling, Sie haben als Britin in Frankreich Karriere gemacht. Hat es Sie nie gereizt, es in den USA zu versuchen?
Charlotte RAMPLING:
Ich habe in Hollywood drei Filme gedreht, blieb aber wegen der Liebe zu Jean Michel Jarre in Frankreich. Ich kann mit der Filmindustrie in den USA nichts anfangen. Ich bin Europäerin, ich brauche Europa. In Amerika ist alles hohl. Die Gesellschaft besteht nur aus Fassaden, dahinter ist nichts. Von dieser Oberflächlichkeit kommt auch die Eitelkeit vieler Hollywood-Stars was ihr Äußeres betrifft.

Eine Schauspielerin wie Cate Blanchett hingegen sticht aus dieser Oberflächlichkeit heraus. Sie könnte eine ähnliche Karriere haben wie Sie.
RAMPLING: Das sehe ich auch so. Sie traut sich die ganz
großen Rollen zu. Außerdem hat sie Tiefe.

Blanchett lehnt es auch ab, auf Schönheit und Äußerlichkeiten reduziert zu werden ...
RAMPLING: Cate Blanchett ist erst 37 und steht in der Blüte ihrer Schönheit. In zehn
Jahren kann sich das ändern.

Wie stehen Sie persönlich zu Schönheitsoperationen?
RAMPLING: Ich habe das nie gemacht, weil ich keinen Sinn darin sehe, den Menschen etwas vorzumachen. Es ist eine Lüge, wenn man sich künstlich jünger macht. Vor allem als Schauspielerin. Man muss sich entscheiden:
Will ich Schauspielerin sein oder ein Star?

Gibt es in diesem Beruf nicht eine gewisse Grundeitelkeit?
RAMPLING:
Dieser Beruf ist sehr eng mit Eitelkeit verknüpft. Ich wusste aber schon als junge Frau, dass ich diesen Weg nicht einschlagen will. Die Eitelkeit sollte nicht darüber siegen, wie ich mich fühle.
Viele junge Schauspieler sind geradezu fasziniert davon, sich selbst nach einer Szene sofort auf Video anzuschauen und zu beurteilen. Ich habe das nie getan, denn es ist mir egal, wie die Kamera mich filmt, in dem Moment, wo ich spiele. Nicht mein Äußeres auf der Leinwand ist entscheidend, sondern das, was von mir aus meinem Inneren kommt. Nur dann ist eine
Performance wirklich gut.

Ist die Beziehung zwischen Schauspielerin und Regisseur mit einer Ehe vergleichbar?
RAMPLING:
Nein, das ist eher eine Seelenverwandtschaft. Man will für den Regisseur glänzen. Man will aber nicht, dass er sich in einen verliebt. Man will gut sein, will alles für seine Vision geben. Man wartet darauf, dass er jubelt und sagt: „Ja, das war gut!“. Ich brauche dieses Feedback.

Es gibt also zwei Seelen: Die eine sucht Anerkennung, die andere schiebt sie weg?
RAMPLING:
Ob das zwei Seelen sind, bezweifle ich. Als Protestantin ruhe ich mich niemals auf meinen Lorbeeren aus (lacht). Wenn es zu einer Schmeichelei kommt, wische ich das weg und arbeite weiter. Zu einem Kompliment sage ich Danke, und vergesse es dann.

Waren Sie jemals in Ihr Spiegelbild verliebt?
RAMPLING:
Nein, denn ich wusste schon als junge Frau, dass man diesen Fehler nicht begehen darf. Ich sagte mir damals immer: Sei vorsichtig, tappe nicht in diese Falle! Ich habe meine Schönheit niemals verwendet, um Karriere zu machen, Geld zu verdienen oder Männer zu erobern – oder alles drei! (lacht)

Wie reagieren Sie, wenn Sie sich auf der Leinwand sehen?
RAMPLING:
Das vermeide ich. Ich baue zu meinen Rollen
keine Beziehung auf und könnte mich nicht selbst beurteilen. Manchmal dauert es Jahre, bis ich meine Filme sehe. Kürzlich sah ich Luchino Viscontis „Die Verdammten“ und mir wurde klar, was für ein Meisterwerk das ist. Manchmal braucht es Zeit, bis man reif genug ist.

Sind Schauspieler nervös, wenn sie auf einer Bühne stehen?
RAMPLING:
Ja, und wie! Auch Schauspieler haben Ängste. Mit den Jahren gelingt es
einem, die vorbereiteten Worte herauszubringen. Als nicht trainierter Schauspieler wird man noch rot und stottert. Aber die Angst bleibt dieselbe.
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