,Privat bin ich ein Lämmchen'

Provokant

,Privat bin ich ein Lämmchen'

(c) Chris SingerDie Proben zu Paulus Mankers Langzeitprojekt „Alma“ laufen auf Hochtouren. Als MADONNA zum Lokalaugenschein ins ehemalige k. k. Telegrafenamt kommt, in dessen verwunschenen Sälen, Höfen und Couloirs die abwechslungsreiche Theatershow am 11. Juli startet, probt der „Impresario“ gerade eine wilde Bettszene mit seinen beiden Almas.

Manker selbst steckt bereits im Kostüm des Maler-„Oberwildlings“ Oskar Kokoschka, den er auch schon in Venedig, Lissabon, Los Angeles und Berlin verkörpert hat. Im MADONNA-Interview – am Tisch mit einigen Darstellern – erläutert er, ob er so autoritär ist, wie sein Ruf besagt.

Wie sehr können sich die Zuschauer in Ihrer „interaktiven“ Alma-Show in Szene setzen?
Paulus Manker:
Mit interaktiv ist gemeint, dass sich die Zuschauer „investieren“ können. Was nicht gestattet ist – sich ins Stück einzumischen, sich für eine Alma-Darstellerin zu begeistern und dann an der „rumzumachen“.

Was darf man tun?
Manker:
Sich benehmen wie eine Fotokamera.
Myriam Schröder: Die Menschen sind in dieser Produktion näher dran und um einen herum. Im üblichen Theater sind sie weit weg.

Man soll sich wie eine Kamera benehmen, fotografieren sollte man während der Vorstellung aber nicht ...
Manker:
Kameras arbeiten schweigend. Sie rauchen nicht. Kameras reden auch nicht mit anderen Kameras. Sie benützen auch keine tragbaren Telefone. Es gibt aber immer wieder Leute, die sind so blöd oder so unverschämt und knipsen während der Vorstellung wild he­rum. Im Burgtheater würden sie den Herrn Voss ja auch nicht fotografieren. Nur bei uns denken sie, das geht alles. Da muss man halt eingreifen. Und wenn ich eingreife, ist das dann etwas härter.

Wie hart?
Manker:
Ich nehme ihnen Handy oder Kamera weg und zerstöre sie. Wir haben auch eine Würde. Mit 95 Euro kann man sich viel kaufen, aber nicht unsere Würde. Ficken lassen wir uns nicht. Noch dazu gibt es in der „Alma“ auch erotische Szenen, sogar Szenen mit nackten Darstellerinnen im Bassin! Da würde mir schon meine Erziehung sagen, dass man da nicht fotografiert. Aber hier greifen dann erfahrungsgemäß auch schon andere Zuschauer ein und zischen: „Hören Sie doch auf!“ Ganz selten kommt es vor, dass einer einmal nicht zu beruhigen ist. Den beruhige ich dann persönlich.

Und wie?
Manker:
Das habe ich schon gesagt – mit körperlicher Gewalt. Da muss man dann hingehen und – auch alle anderen haben diese Anweisung – dem- oder derjenigen das Handy wegnehmen und durchs nächste Fenster pfeffern. Das geht doch nicht an: Der Kokoschka im ersten Weltkrieg und ein Handy. Wie soll das harmonieren?

Sie treten dann aus Ihrer Rolle heraus ...?
Manker:
Nein! Ich bin in der Rolle und drehe völlig durch. Weil normal bin ich ja wirklich wie ein Lämmchen, aber natürlich als Kokoschka ...

Normal ein Lämmchen ...?
Manker:
Der Kokoschka, ein genialer „Oberwildling“ der Kunstszene, war so energiegeladen, dass das Blut aus seinen Fingern spritzte, wenn er auf den Tisch gehaut hat – erzählt die Historie.

Wie ist es, mit Herrn Manker zusammenzuarbeiten?
Schröder:
Ich weiß noch nicht ...
Manker: ... wir haben ja gerade erst angefangen. (Lacht) Sie werden jetzt nichts Schlechtes über mich hören. Auch wenn Sie sich noch so sehr darum bemühen.
Alle Schauspieler: Es ist ganz, ganz toll!
Manker: Das ist Journalistengewäsch! Und wenn es auch tatsächlich „nett“ mit mir ist, dann bitte ich euch, es nicht weiterzuerzählen. Die Journalisten hören viel lieber: „Der spinnt völlig. Der hat dich schon viermal geschlagen und ist kaum auszuhalten!“ Dann freuen sie sich.

Gibt es bei Ihnen auch eine nicht „nette“ Seite?
Manker:
Wenn jemand unsere Arbeit torpediert, dann bin ich vielleicht nicht der Diplomatischste. Es hat halt alles seine Grenzen. Wenn ich weiß, ein Schauspieler kann eine gewisse Höhe erreichen – so wie der Sportler, der 1,80 Meter springen kann, aber nur 1,60 Meter springt – dann werde ich nicht ruhen, bis er 1,80 Meter springt. Wenn einer aber 1,40 Meter springt und nicht weiter kann, dann werde ich ihn sicher nicht quälen, 1,80 zu springen.

Wie viel Privatmensch steckt in Ihrer Kokoschka-Rolle?
Manker:
Das geht Sie bitte jetzt einen Dreck an!

Das interessiert uns aber.
Manker:
Dann finden Sie es halt selber heraus.

Lieben oder hassen die Schauspieler Sie?
Manker:
Ich glaube, ich bin als Schauspieler komplizierter denn als Regisseur. Weil ich als Regisseur eine ganz andere Verantwortung habe! Launisch kann ich als Schauspieler sein. Und Unberechenbarkeit ist ja auch die höchste Kunst des Theaters.

Wie viel Verantwortung haben Sie bei „Alma“?
Manker:
Ich bin Impresario, ich muss Mails beantworten, ich muss mich ums Catering kümmern ...

Aber Sie leben ...
Manker:
... nicht unterbrechen! Das ist ganz schlecht, gerade wenn ich was G’scheites sag. Und das ist nicht so oft. Und jetzt hab ich’s vergessen.

Sie sind sehr autoritär!
Manker:
Das muss sein. Theater ist keine demokratische Kunst. Aber die Zuschauer haben bei uns eh viele Freiheiten. Zuschauer pflegen in unseren Räumen Sex zu haben!

Das ist erlaubt?
Manker:
Natürlich. Ich kenne sogar ein Kind, das vor sieben Jahren in Purkersdorf entstanden ist.

Ihre Spielstätte gehört Vladimir Zagorec, dem kroatischen Ex-Verteidigungsminister und Waffenbeschaffer im Balkankrieg. Ihr Freund?
Manker:
Ihm wird vorgeworfen, dass er sich mit einem Koffer voller Smaragde und Rubine aus dem Staub gemacht hat. In dem Moment wo er kroatischen Boden betritt, wird er erschossen. Dummerweise gibt es auch einen Abschiebungsbeschluss, auf dem nur mehr die Unterschrift der österreichischen Justizministerin fehlt. Dann kommen die Polizisten und holen ihn ab, samt Frau und Kindern. Zagorec ist ein Ex-General, schaut prächtig aus, hat eine tolle Kunstsammlung und viele Kokoschkas zu Hause. Er ist rundum ein netter Mensch, mein Freund und Gönner!
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