DariaDaria: "Status bedeutet mir nichts"

Bloggerin im Talk

DariaDaria: "Status bedeutet mir nichts"

Madeleine Alizadeh (27) hat vom Social-Media-Zirkus genug und beschließt, die Spielregeln zu ändern. Das Gespräch über ihren Weg aus der Shitstorm-Spirale.

Sobald du merkst, dass du dich im Kreis drehst, ist es Zeit, aus der Reihe zu tanzen“, mit diesem Zitat schließt Bloggerin Madeleine Alizadeh das Posting, das eine Zäsur für ihre bereits sechs Jahre bestehende Website „DariaDaria“ bedeutet. Denn aufgrund von immer häufiger auftretenden Shitstorms und beleidigenden Hasskommentaren ihrer Person gegenüber, erachtete die 27-Jährige es für ihr „Seelenheil“ als notwendig, die Kommentarfunktion auf ihren Plattformen zu entfernen. Ein drastischer Schritt für die digitale Vorreiterin, wo doch ein Blog auch durch den steten Austausch mit seinen Lesern lebt.      


Offen. Im MADONNA-Talk verrät Alizadeh, deren Name vor allem mit Themen wie Flüchtlingshilfe, Veganismus und Green Living in Verbindung steht, was es bedeutet, von Fremden scheinbar unbegründet angefeindet zu werden, inwiefern Neid in diesem Kontext eine Rolle spielt und warum es sie nicht stören würde, nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen.


Hast du schon mal ans Aufhören gedacht?
Madeleine Alizadeh:
Ja, in den letzten Monaten sehr oft.  


Was hat dich dann doch zum Weitermachen angetrieben?  
Madeleine Alizadeh: Einerseits weil der Blog gewissermaßen meine Existenz ist, andererseits auch weil ich sehr viel Arbeit da ­hineingesteckt hab. Letztlich wäre es wohl impulsiv und vielleicht unbedacht gewesen, alles zu löschen.


Wie ging es dir zwischenzeitlich, als du die diversen Hass-Kommentare auf deiner Seite last?
Madeleine Alizadeh: Ich habe immer versucht, diplomatisch zu sein, aber natürlich gibt es Dinge, die einen zum Weinen bringen, und Dinge, die einen wütend machen. Problematisch ist, dass das immer persönliche Kritik war und nicht Kritik am Sachverhalt. Denn wenn ich ­etwas geschrieben habe, wurde meist nicht der Artikel ­kritisiert, sondern vielmehr hieß es „du bist …“ oder „alles was du machst ist …“. Es ging vom Hundertsten ins Tausendste.


Jemand, der über Lifestyle im klassischen Sinne bloggt, muss vergleichsweise viel weniger Kritik einstecken. Woher kommt dieser Hass, der dir entgegengeschlagen ist?

Madeleine Alizadeh:  Ich denke, dass dadurch, dass ich Themen anspreche, die Menschen unbequem sein können, sich manche Leser dadurch angegriffen gefühlt haben. Dieses Gefühl haben sie dann auf mich pro­jiziert und mir vorgeworfen, eine Heuchlerin zu sein, weil ich ein altes paar Nikes oder Secondhand-Ware aus Leder trage.  


Hass im Netz scheint aktuell ein großes Problem unserer Gesellschaft zu sein.
Madeleine Alizadeh:  Wenn wir jetzt ein Streitgespräch führen würden, hätten wir so viele Kompo­nenten mehr, die im Netz nicht gegeben sind. Die Stimme, die Gestik, die Tatsache, dass man sich in die Augen schaut, all das hat man im Internet nicht. Ich finde das sehr gefährlich, denn das lässt unglaublich viel Spielraum für Interpretation. Denn die User haben mein ­Gesicht, und das, was ich schreibe, aber alles dazwischen fehlt.


Inwiefern ist Neid auch ein Teilaspekt?
Madeleine Alizadeh:  Viele Leute packen es nicht, wenn ein fesches Mädel über Lifestyle bloggt. Meist kommentieren sie dann, „ja, sie ist fesch, aber vielleicht ein bisschen dumm und verwöhnt“, um sich des schlechten Gefühls zu entledigen, dass sie das alles nicht haben. Ich denke, viele fühlen sich davon eingeschüchtert. Und dann wird nach irgendwelchen Fehlern an der Person gesucht.   

© Fürtbauer

Im Wiener Lokal „Hafen­junge“ traf sich MADONNA-­Redakteurin Julia Lewandowski
mit Bloggerin Madeleine Alizadeh, um über die Problematiken des digitalen Lebens zu sprechen.


Aus diesem Grund hast du also für dich die Spielregeln geändert. Hättest du dir eine solche Situation  vor sechs Jahren ausgemalt, seit es nun deinen Blog gibt?
Madeleine Alizadeh:  Nein, natürlich nicht, man wächst ja mit seiner Aufgabe. Und klar, am Anfang findet man es toll, wenn man irgendwo erkannt wird, aber ich bin jetzt an dem Punkt, an dem ich sage – ich will nicht bekannter werden als jetzt. Ich schätze mein Privatleben sehr und ich denke, ich konnte jetzt ein wenig in eine gewisse Art von „Bekanntheit“ reinschnuppern,  aber es reicht. Und wenn ich schon so viel Druck erlebe, wie muss das dann erst für Menschen wie Beyoncé sein? Das ist doch irre! Und ich habe auch gelernt, dass man viel in seinen Status reininterpretiert. Gerade als Blogger scheint die Option, zurückzugehen und „nischiger“ zu werden, als No-Go. Mir bedeutet dieser  Status nichts, Privatsphäre steht an erster Stelle.


Inwieweit kann man als Blogger überhaupt von Privat­sphäre sprechen, wenn man doch mit der Öffentlichkeit des eigenen Alltags sein Geld verdient?  
Madeleine Alizadeh:  Es gab sicher Zeiten, in denen ich gedacht habe, ständig Content schaffen zu müssen. Aber ich habe gelernt, das zu trennen, das Handy manchmal komplett abzudrehen. Mittlerweile habe ich Kernarbeitszeiten, in meiner Privatzeit arbeite ich nicht. Man tendiert, sehr lax damit umzugehen, weil es einerseits ja das Hobby ist und man auch manchmal denkt, ständig für die Privilegierung dieses Jobs dankbar sein zu müssen. Aber es ist ja mein Job. Ich bin dankbar, dass ich das machen darf, was ich mache, aber ich weiß auch, dass das nicht nur Glück war, das mich so weit gebracht hat, sondern viel harte Arbeit.