Pamela Rendi-Wagner im MADONNA-Talk

Die rote Hoffnung

Pamela Rendi-Wagner im MADONNA-Talk

Vermutlich hatte so mancher Chef einen sanfteren Einstieg, als ihn Pamela Rendi-Wagner in den vergangenen sechs Wochen erlebt hat. Die studierte Medizinerin und ehemalige Frauen- und Gesundheitsministerin übernahm die SPÖ kurzerhand in sehr turbulenten Zeiten: Ex-Kanzler Christian Kern – er holte Rendi-Wagner vergangenes Jahr nach dem Tod von Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser in die Politik – verkündete überraschend seinen Abgang. Praktisch über Nacht musste Rendi-Wagner übernehmen: Intern hätten seinen Schritt viele in der SPÖ als irritierend empfunden, verrät sie im oe24.TV-Interview. „Jetzt liegt es an mir, die Irritationen wieder auszuräumen und zur Normalität in der Partei zurückzukehren“, so  die designierte Chefin. 
 
Back to work. Nun gehe es für die SPÖ darum, sich „an die Arbeit“ zu machen. Das wird sie wohl spätestens nach dem Parteitag in knapp zwei Wochen, am 24. November, tun. Da wird die zweifache Mutter von den Roten auch ganz offiziell zur ersten Frau an der Spitze in der 130-jährigen Parteigeschichte gewählt. Kämpferisch gibt sie sich aber bereits im Talk: Beim umstrittenen Gesetz zum 12-Stunden-Tag könne es nur „zurück an den Start“  heißen. Die SPÖ-Chefin fordert die türkis-blaue Regierung auf, sich zurück an den Verhandlungstisch zu setzen.
 
Die Frage, die wohl jedem auf der Zunge brennt: Warum tun Sie sich das an?
Pamela Rendi-Wagner: Die Frage wurde mir letztes Jahr schon gestellt, als ich als Frauen- und Gesundheitsministerin nachgefolgt bin. Aber ich habe viele Jahre politiknah im Ministerium gearbeitet und gesehen, was  Politik bewirken kann. Warum würde ich da, wenn ich selbst die Chance habe, etwas zu verbessern, den Sprung nicht wagen? Als Ministerin konnte ich etwa die Wartezeiten bei Computertomographien reduzieren. Man kann etwas verändern, wenn man den Willen hat. Deswegen bin ich jetzt auch hier. 
 
Sie haben also Blut geleckt?
Rendi-Wagner: Eines hat mich sehr geprägt: Dass mein Leben so nicht möglich gewesen wäre und ich keine Ministerin ­geworden wäre, hätte es die vielen sozialdemokratischen Errungenschaften unter Bruno Kreisky nicht gegeben: Ich bin im Gemeindebau mit meiner Mutter groß geworden, im 10. Bezirk in die Schule gegangen, dann die freie Uni. Ich hatte die Möglichkeit des Aufstiegs, ich war bereit, meine Leistung zu erbringen. Und ich hab im Beruf als Ärztin ein Thema schätzen gelernt: die Gerechtigkeit. Das ist es, was ich als Maßstab im politischen Dasein anlege. 
 
Sie sind die erste Frau an der Spitze der SPÖ in der 130-jährigen Geschichte der Partei. Bricht eine neue Ära an?
Rendi-Wagner: Es ist ein großes Zeichen der Offenheit seitens der SPÖ, die erste Frau nach 130 Jahren als Vorsitzende vorzuschlagen. Da gehört Stärke dazu – und damit möchte ich mutig vorangehen und Wahlen gewinnen.    

Wie soll sich die SPÖ nun im Konflikt um den 12-Stunden-Tag verhalten?
Rendi-Wagner: Für mich ist ganz klar, dass es bei diesem Gesetz nur „zurück an den Start“ heißen kann. Der verpflichtende 12-h-Tag und die 60-h-Woche führen bei den Menschen zu weniger Geld in der Brieftasche und gefährden die Gesundheit. Die Regierung soll sich mit den Sozialpartnern an einen Tisch setzen und eine neue, bessere Regelung vorlegen.
 
Sie standen hinter dem Anti-Raucher-Volksbegehren und würden es bis zur Volksabstimmung durchkämpfen oder?
Rendi-Wagner: Mit dem Rauchverbot in der Gastronomie vermeiden wir viele Krankenhausaufenthalte und Tote – international sind wir in Europa da Schlusslicht. Kein Arzt der Welt würde sich dagegen aussprechen und es gibt fast 900.000 Unterschriften von Österreichern, die sich klar für ein Verbot aussprechen. Die Regierung kann das nicht ignorieren, denn es geht hier um die Gesundheit unserer Kinder. Da hat parteipolitischer Hickhack nichts zu suchen. Wenn ÖVP und FPÖ sich hier nicht einigen können, dann sollen sie den Weg zu einer Volksabstimmung frei machen und die Menschen entscheiden lassen. 

Ebenfalls unterschrieben haben Sie das Frauenvolksbegehren: Heißt das, Sie sind auch für die darin geforderte 30-Stunden-Woche?
Rendi-Wagner: Ein Volksbegehren wie dieses hat eine visionäre Perspektive. Natürlich, eine 30-Stunden-Woche kann man nicht von heute auf morgen umsetzen. Aber bei der Forderung geht es um gerechte Verteilung – darum, dass Frauen oft gezwungen sind, Teilzeit zu arbeiten, weil sie keine ganztägige Kinderbetreuung am Land finden und Männer dafür Überstunden ohne Ende machen. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das gestalten.

Also eine 30-Stunden-Woche ist Ihr Ziel?
Rendi-Wagner: Man muss, ob der Herausforderungen von Fortschritt und Digitalisierung, diese Überlegungen sowieso anstellen, weil menschliche Arbeitskraft zunehmend von Maschinen ersetzt wird. Das ist eine Frage, die sich nicht nur Österreich, sondern die ganze Welt stellen muss. So oder so müssen wir heute beginnen, die Arbeitswelt von morgen zu gestalten.   
 
Sie werden am Parteitag am 24. November offiziell zur neuen Vorsitzenden gewählt.  Welche Latte haben Sie sich dafür gelegt?
Rendi-Wagner: Ich lasse mich nicht auf Zahlenspiele und Prognosen ein. Für mich kommt es darauf an, dass ich die größtmögliche Zustimmung erhalte. Vom Parteivorstand wurde ich einstimmig vorgeschlagen – diese Kraft, die ich spüre, nehme ich in den Parteitag mit. 

Wie werden Sie die SPÖ ändern?
Rendi-Wagner: Gerechtigkeit, Zusammenhalt, Miteinander – das sind immer die Grundwerte der Sozialdemokratie gewesen. Meine Aufgabe ist es nun, das für die Menschen herunterzubrechen, damit das in ihrem Alltag ankommt. 
 
Aber was wird sich für die Partei ändern?
Rendi-Wagner: So ein starkes 130-jähriges Fundament, mit solidarischen Grundwerten, braucht keine Neupositionierung. 

Sebastian Kurz hat damals eine Bewegung aus der ÖVP gemacht … 
Rendi-Wagner: Das ist ein guter Marketing-Gag. Davon halte ich mich fern. 
 
Sie wollen 2022 die erste Bundeskanzlerin Österreichs werden?
Rendi-Wagner: Mein Ziel ist, dass die Sozialdemokratie etwas für die Menschen bewirken kann. Dazu müssen wir in die Regierung. 
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