Die neue Lust reifer Frauen

Frauen im Alter über Sexualität

Die neue Lust reifer Frauen

Runder Tisch. MADONNA bat fünf Frauen zum offenen Talk über Sexualität in reifen Jahren. Plus: Machen Sie hier den Beziehungscheck

(c) Kernmayer Machen Sie hier den Beziehungscheck (c) sxc
Endlich hat sich mal einer darüber gewagt und einen Film gedreht, in dem ältere Leute beim Sex zu sehen sind“, freut sich Schriftstellerin und Schauspielerin Beatrice Ferolli. Nachsatz der quirligen Endsechzigerin: „Damit ist eines der letzten Tabus gebrochen. Auch wir verlieben uns, sind leidenschaftlich und ja, es stimmt: Auch wir haben und genießen Sex.“

In dem Film „Wolke 9“ (Kinostart 14. November) verliebt sich eine seit 30 Jahren glücklich verheiratete Frau Hals über Kopf in einen knapp 80-Jährigen und landet mit dem rüstigen Rentner im Bett. Von diesem Augenblick an verändert sich ihr und auch das Leben ihrer Familie.

Lesen Sie dazu in MADONNA (aktuelles Heft) das Interview mit der bekanntesten US-Sexualtherapeutin und Autorin Ruth K. Westheimer.

MADONNA bat fünf Frauen zum offenen Talk:

Wird der Sex mit den Jahren tatsächlich besser?
Brigitte Karner:
Der Wechsel hat etwas Befreiendes und macht die Frauen sinnlicher und lebenslustiger. Das war bei mir so und ich habe es auch bei Freundinnen erlebt. Vor allem, wenn sie schon erwachsene Kinder haben, kriegen sie eine herrliche Leichtigkeit. Unbewusst haben wohl viele Frauen ein schlechtes Gewissen, wenn sie verhüten, wenn sie gegen die Natur arbeiten.

Andrea Mayrhofer: Man wird gelassener. Es entsteht eine neue Freiheit, die es einem erlaubt, sich wirklich zu öffnen. Und man schafft es immer besser, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Man hat nicht mehr die Hektik und den Druck und kann die Zeit genießen. Es fällt vielen leichter, sich auf einen Mann einzulassen, sowohl körperlich als auch seelisch.

Karner: Natürlich häufen sich die Tage, an denen man sein Spiegelbild nicht so mag. Aber man hat erkannt, dass man für sein Aussehen, natürlich auch im seelischen Sinn, selbst verantwortlich ist. Man weiß, wie man sich als erotische Frau fühlt, und weiß auch, was man zu tun hat, um sich wieder zu spüren. Ich finde, dass Frauen um die vierzig, fünfzig sehr erotisch sind. Man hat die Liebe zu sich selbst gefestigt, die Liebe zum Leben, die Liebe zum Dasein.

Ingeborg Jakubuff: Erotik hat absolut keine Altersbeschränkung.
Karner: Ich gönne mir erst seit Kurzem, stressfrei und ohne Hektik zu leben. Und das wirkt sich äußerst positiv aus. Auch auf die Sexualität.

Jakubuff: Die Hektik gibt uns doch auch etwas! Es gibt Menschen, denen die Hektik egal ist. Und es gibt Frauen, die sexuell wie Männer vorgehen.

Mayrhofer: Dann haben wir es mit einer sexuell stimulierten Atmosphäre zu tun. Oft geht es da nur mehr um die körperliche Ebene und nur darum: Wie kommen wir zur Sache. Wenn allerdings die Weiblichkeit nur mehr im Ausdruck der Männer stattfindet, dann ist man nicht mehr in der weiblichen Intuition, sondern lässt sich beeinflussen durch das, was man glaubt, dass Männer zu sehen wünschen.

Jakubuff: Dann wird man zum Klischee und kleidet sich völlig unpassend und agiert auf unerotische Weise. Man kommt nicht umhin, die eigene Weiblichkeit zu leben, wenn man authentisch sein möchte.

Arlette Leupold:
Selbstbestimmt und fremdbestimmt! Das haben wir in den 68ern thematisiert. Das ist vor allem eine Frage der Abhängigkeit, der sexuellen und der materiellen und um die Mischform dieser Abhängigkeit. Ich glaube, dass die Glücksfähigkeit in der Sexualität damit zusammenhängt, wie weit wir autonom sein können.

Mayrhofer: Und wie weit man mit sich selbst im Reinen ist und mit seinem Körper.

Leupold: Es ist ein Universum, das uns ermöglicht wird. Maßgeblich für die sexuelle Erfüllung ist jedoch, sich selbst zu lieben. Nur wer sich selbst liebt, kann jemand anderen lieben. Hinzu kommt: Die Wertschätzung dem eigenen gegenüber und dem anderen. Dann bekommen diese Fragen eine Alterslosigkeit. Ich habe wahnwitzig lange gebraucht, um zu mir selbst zu finden. Und ich weiß von meinen Kindern, dass auch sie kämpfen.

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Hat die sexuelle Revolution doch nicht den erwünschten Erfolg gebracht?
Mayrhofer:
So kann man das nicht sagen. Die Mütter haben die Tore geöffnet.

Jakubuff:
Das erlebe ich anders. Die sind genau so verklemmt, wie wir es waren. Zwischen der selbstbewussten, toughen äußeren Hülle und dem zittrigen, unsicheren Inneren liegen Welten.

Beatrice Ferolli: Ich war keine Sekunde meines Lebens verklemmt. Mit 16 bin ich mit einem Mann, der 30 Jahre älter war, durchgegangen, den nächsten habe ich geheiratet und, als der dann starb, war ich 36 Jahre lang mit meiner großen Liebe zusammen. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich mich selbst nicht lieben könnte. Seit fünf Jahren bin ich mit einem Mann zusammen, der sechs Jahre jünger ist als ich. Alle anderen Männer waren mindestens 20 Jahre älter als ich. Das ist eine neue Erfahrung. Ich habe nie an mir selbst gezweifelt und ich verzweifle auch nicht am Älterwerden. Ich denke gar nicht daran.

Mayrhofer: Da kommt der Aspekt der Bindung dazu.

Ferolli:
Mir passiert Sexualität nur in einer Bindung. Ich kann mich aber auch für kurze Zeit binden. Ich hatte auch kürzere Geschichten. Bei einem Kuraufenthalt und bei einer Kreuzfahrt etwa. Und ich liebe immer mit meinem ganzen Herzen. Wenn ich liebe, dann zittern die Bäume im Wald! Eine meiner Freundinnen hingegen nimmt sich alle Männer, die ihr gefallen. Und wenn dann einer zu oft anruft, dann macht sie sofort Schluss.

Leupold: Es gibt nicht nur eine Form der Sexualität. Das erlebt man im Alter noch viel ausgeprägter. Wohl weil man immer intensiver zu sich selbst kommt. Man ist nicht mehr so fixiert auf Rollen oder Bilder und kann den Augenblick, wie er kommt, genießen. Das ist intensiv und herrlich. Man hat keine Zeit mehr zu verlieren.

Die Narrenfreiheit des Alters?
Jakubuff:
Ein älteres Paar, das schmusend an der Theke hängt, wird immer noch ziemlich blöd angegafft.

Karner: Ach Blödsinn! Wer in unserem Alter abhängig ist von der Meinung anderer, hat es noch nicht geschnallt.

Leupold:
Auch wenn das alles am Aufbrechen ist und mittlerweile auch ältere Menschen als sexuelle Wesen wahrgenommen werden, sind viele doch noch darin gefangen, akzeptiert sein zu wollen.

Ferolli:
Das beeinträchtigt das persönliche Wachstum. Man muss sich seine Narrenfreiheit nehmen. Geschenkt bekommt man sie nicht.

Leupold:
Es gab immer schon Frauen, die sich lustvoll außerhalb der gesellschaftlichen Norm bewegt haben. Sie hatten wenig Möglichkeit, zu ihrem eigenen Genuss zu kommen. Dieses Recht mussten wir uns erkämpfen.

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Sehen Sie sich als Vorbild?
Karner:
Für junge Frauen ist es wunderbar, wenn sie ältere Frauen kennen, die ihnen einen Weg weisen.

Einen Partner zu finden ist nie einfach. Wird es schwieriger?
Leupold:
Das bestimmt. Ich bin durch eine Krise durch gegangen. Durch die Liebe von Frauen habe ich meine Selbstachtung wieder gewonnen.

Ferolli:
In Krisenzeiten passt oft ein Mann gar nicht rein, weil man mit sich selbst beschäftigt ist und lernt.

Mayrhofer: Das stimmt auf persönlicher Ebene. In der Gesellschaft wirkt sich das Fehlen eines Mannes negativ aus.

Ferolli: Viele senden, wenn sie über 50 sind, keine Signale mehr aus. In Frankreich hat jede 80-Jährige einen Lover. Dort ist das völlig normal. Ich habe meine Mutter, die sehr verklemmt war, immer sehr bedauert. Du arme Frau, habe ich mir gedacht, dir ist etwas Großartiges ent­gangen.

Jakubuff: Meine Mutter war immer schon eine völlig unverklemmte Frau. Und eine, die auch heute in hohem Alter noch sexuell sehr aktiv ist. Für mich war es nicht erstrebenswert, was meine Mutter gelebt hat. Wenn meine Mutter einen Raum betritt, ist auch heute noch ihr erstes Wort: Sex!

Leupold-Löwenthal:
Wirklich befriedigend ist Sexualität erst dann, wenn man merkt, dass Körper und Geist keineswegs Gegensätze sind.

Ferolli: Man darf sich halt auch nicht gehen lassen und sollte auch im Alter Wert auf Pflege und Schönheit legen. Wer sich attraktiv findet, wird auch von Männern so wahrgenommen. Krampfhaft zu suchen, bringt keinen Erfolg.

Jakubuff: Eines scheint bei Frauen in allen Altersgruppen gleich zu sein: Wer nicht suchet, der findet.