Rollenbilder neu definiert

Schatz, ich zahle!

Rollenbilder neu definiert

Was wenn Frau mehr verdient oder Mann den Haushalt schmeißt? Gleichstellung kann nur durch Umdenken erfolgen.

Wenn am 11. Oktober wieder der Equal Pay Day begangen wird, geht es darum, sich bewusst zu werden, dass die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen immer noch eklatant auseinanderklafft. So kamen laut Daten der Statistik Austria ganzjährig vollzeitbeschäftigte Männer auf ein Einkommen von 48.863 Euro, Frauen hingegen auf 37.935 Euro. Das bedeutet eine Differenz von 22,4 Prozent. Statistisch gesehen, müssen Frauen auch im Jahr 2016 82 Tage länger arbeiten, um das Einkommen der Männer zu erreichen. Im Schnitt bleibt der Mann als Mehrverdiener also in der Versorgerrolle. Doch was, wenn die Frau diejenige ist, die in einer Beziehung das Geld nach Hause bringt?

Die Klischeefalle

Im Fall von Anna B. (Name von der Redaktion geändert) ist das zum Beispiel so. Sie arbeitet als Grafikerin, ihr Mann Thomas ist Netzwerkadministrator, die gehaltliche Differenz zwischen den beiden beträgt monatlich knapp 1.000 Euro netto. Ein gemeinsames Konto haben die beiden nicht, „anfallende Rechnungen werden von dem bezahlt, der eher dazu kommt, nicht wer mehr am Konto hat. Aber wahrscheinlich ich, denn wenn ich mehr angespart habe, tilge ich mehr vom gemeinsamen Kredit“. Haushalterisch folgt der Ausgleich. „Er macht definitiv mehr, ich hasse staubsaugen und koche nicht besonders gerne.“ Eine solche Rollenveränderung kann laut Ingrid Müller-Münch, Autorin des Buches „Sprengsatz unterm Küchentisch“ für Beziehungen problematisch sein.  „Es ist schwer, Frauen zu finden, die über ihre Situation als Allein- oder Hauptverdienerin in der Beziehung sprechen wollen, denn noch immer gehört sich eine solche Umkehrung traditioneller Rollen nicht“, so die Autorin. Sie beschreibt dieses Phänomen des Weiteren als ­eine Art der Pseudoemanzipation, denn laut ihren Befragungen, empfinden die meisten Frauen „einen mit dem Staubtuch wedelnden Mann, wenn er denn diese Rolle übernimmt, bei Weitem nicht so begehrenswert wie einen, der die dicke Kohle nach Hause bringt“.

Interpretation ist alles

Vor allem das Thema Urlaub kann  in solchen Beziehungen dann zu Diskussionen führen. Barbara Hajek (36) ist Managerin in einem Tabakkonzern, ihr Partner Anwalt in einem Hamburger Medienunternehmen. Die 10.000 Euro Einkommensunterschied pro Jahr machen Urlaubsplanung zum „Balance­akt“. „Da stellt sich schon mal die Frage – was gönnt man sich zusammen bzw. was kann man sich gemeinsam leisten? Buchen wir eher was Einfaches und Schlichtes oder investieren wir in ein Luxushotel?“ Hajek führt weiter aus: „Ich bin beruflich erfolgreich und möchte finanziell gut gestellt, unabhängig und abgesichert sein.“ Geld wird in seiner Bedeutung von Männern und Frauen unterschiedlich ausgelegt, wie etliche Studien belegen. Obwohl beide Geschlechter ihr Verhältnis zu Geld mit wichtig beschreiben, konnotieren Männer das Monetäre mit Macht und Stärke, wohingegen Frauen eher die Sicherheit hervorheben, die sie dadurch zu besitzen empfinden. Laut den Erhebungen von Christin Munsch von der University of Connecticut, die Daten einer repräsentativen Gruppe verheirateter Paare im Alter von 18 bis 32 Jahren ausgewertet hat, sehen Männer, die den überwiegenden Anteil am Einkommen der Familie beisteuern, den Broterwerb als Verpflichtung und werden ständig von der Sorge begleitet, dieser nicht dauerhaft gerecht zu werden. Dem­gegenüber sehen Frauen im Geldverdienen eher eine Chance und die freie Wahl, dies zu tun.

Umdenken!

Keine Frau muss heutzutage von ihrem Mann finanziell abhängig sein, die Parameter haben sich in den letzten 60 Jahren massiv geändert. Bildungstechnisch haben Frauen die Nase vorn, rund 51 Prozent weiblicher Personen im Maturaalter stellen sich der Reifeprüfung, bei den Männern 36 Prozent. Und auch in puncto Tertiärabschluss führen die Damen um 3 Prozent (18 % zu 15 %).  Was muss also getan werden, um geschlechtergerechte Paarbeziehungen wirklich leben zu können? Alte Rollenbilder müssen hinterfragt und entsorgt werden (siehe Interview mit Therese Kaiser, Kasten Seite 21). „Und das jeden Tag aufs Neue. Vor allem wenn das erste Kind kommt, traditionalisiert sich die modernste Beziehung sehr schnell. Das sollte jeder für sich ständig mitbedenken.“ Denn Geschlechtergerechtigkeit ist letztlich gut für beide. So die Schlussfolgerung von Christin Munsch. „Bei Männern mit einer Zunahme von finanzieller Verantwortung leidet die seelische Verfassung und der Gesundheitszustand.“  Bei Frauen hingegen steigert sich, laut ihrer Studie das psychische Wohlbefinden, wenn diese die Rolle des Hauptverdieners übernehmen.  Soziologe Michael Kimmel untermauert diese Untersuchungen in einem Ted Talk: „Es hat sich herausgestellt, dass je gleichberechtigter eine Beziehung gelebt wird, desto glücklicher sind beide. Mann und Frau. Das sagen die Studienergebnisse: Wenn Männer sich den Haushalt mit ihren Frauen teilen, dann sind ihre Kinder glücklicher und gesünder. Wenn Männer sich den Haushalt teilen, dann sind auch ihre Frauen glücklicher – und nicht nur das, ihre Frauen sind gesünder und die Männer sind auch gesünder und finally: Wenn sie die Hausarbeit mit ihren Frauen teilen, haben sie mehr Sex.“ Win-win-Situation für alle Beteiligten also.