Simonetti

„Mama, ich bin schwul“

Riccardo Simonetti und seine Mutter Anna im Talk

Star-Entertainer & Influencer Riccardo Simonetti hat sein drittes Buch geschrieben – zusammen mit seiner Mama Anna erzählt der 28-Jährige offen über sein Coming-out.   

Wir widmen dieses Buch allen Eltern, die ihre Kinder mehr lieben als die Meinung anderer“, schreiben Riccardo und Anna Simonetti in „Mama, ich bin schwul“. In dem soeben erschienenen Buch erzählen der deutsche Star-Entertainer (derzeit in der RTL-Show „Das Supertalent“ zu sehen) und seine Mutter berührend, wie sie beide das Coming-out von Riccardo erlebten, mit den teils brutalen Reaktionen anderer umgingen – und was all das mit ihrer Mutter-Sohn-Beziehung machte. Das Interview.

Frau Simonetti, Ihr Sohn hat bereits zwei Bücher geschrieben – bei diesem dritten wirkten Sie zum ersten Mal mit. Haben Sie sofort zugestimmt, über dieses sehr persönliche Thema öffentlich zu sprechen?
Anna Simonetti:
Wir haben lange dar­über gesprochen, ob wir dieses Buch gemeinsam machen wollen. Ich reiße mich nicht darum, in der Öffentlichkeit zu sein und trotzdem finde ich es eine schöne Möglichkeit, durch dieses Buch vielleicht anderen Menschen zu zeigen, dass am Ende nur eines zählt: Die Liebe zu­einander. Der Prozess, dieses Buch zu schreiben, war sehr intensiv, es war aber auch eine bereichernde Erfahrung für mich. Und ich bin letztendlich sehr froh, dass wir es gemacht haben.

Riccardo, warum war es Ihnen so wichtig, Ihre Mutter dabei zu haben?
Riccardo Simonetti:
Weil dieses Buch nur so funktioniert. Wir erzählen unsere gemeinsame Geschichte, natürlich möchte ich also auch den Blickwinkel meiner Mutter hier abbilden. Und die Sicht meiner Mutter war und ist mir immer wichtig. Also hätte es sich für mich nicht komplett angefühlt, nur meine Geschichte zu erzählen. Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Mama, dass sie sich bereit erklärt hat, bei diesem Projekt mitzumachen.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zueinander beschreiben – früher und heute?
Riccardo:
Wir hatten immer ein enges Verhältnis, meine Mutter war immer der wichtigste Mensch für mich. Aber wir mussten voneinander lernen. Es war nicht immer einfach, aber wir sind heute inniger denn je.
Anna: Die Liebe zueinander hat sich nicht verändert. Aber ich habe das Gefühl, dass heute nichts mehr zwischen uns steht. Dass es keine unausgesprochenen Gefühle mehr gibt.

Anna, Sie erzählen sehr ehrlich darüber, wie schwer es für Sie war, Ihre eigenen Prägungen aus der Kindheit zu überwinden – wann haben Sie erkannt, dass Sie, obwohl Sie diese längst ablegen wollten, diese noch sehr verinnerlicht haben?
Anna:
Ich habe immer wieder gefühlt, dass meine Kindheit mich sehr geprägt hat. Das merke ich bis heute. Und das ist auch grundsätzlich nichts Schlimmes. Ich kannte viele Dinge einfach nicht, ich wurde anders an Dinge herangeführt. Natürlich musste ich also lernen, dass es auch in Ordnung ist, wenn etwas vielleicht anders ist, als mir das mit auf den Weg gegeben wurde. Heute weiß ich, dass es wunderschön ist, Neues kennenzulernen, offen zu sein und dass man seinen eigenen Weg gehen sollte und nicht nur den Erwartungen der eigenen Eltern folgen sollte.

Wann, würden Sie sagen, haben Sie vielleicht falsch reagiert bzw. würden Sie anderen raten, anders zu reagieren?
Anna:
Ich kann anderen Müttern nur raten immer empathisch zu sein, verständnisvoll und die eigenen Erwartungen hintanzustellen. Wir alle lieben unsere Kinder, ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Mutter ihr Kind nicht liebt, weil es sich anders entwickelt als erwartet. Es ist auch oft die Angst davor, dass ein Kind es schwer haben könnte, wenn es nicht so wird, wie man sich das vielleicht gewünscht hat. Aber dieses Gefühl muss man beiseite legen und sein Kind dafür akzeptieren, was es ist. Und das hat mir Riccardo beigebracht.

Riccardo, wann haben Sie realisiert, dass Sie homosexuell bist?
Riccardo:
Ich habe immer das Gefühl, dass alle um mich herum das viel früher wussten als ich. Zumindest wurde mir das Label „schwul“ schon sehr früh gegeben. Schon zu einem Zeitpunkt, zu dem ich noch längst nicht damit beschäftigt war, meine Sexualität zu erforschen. Ich war ein Junge auf dem Land, der so ganz anders war als alle anderen Jungs dort. Ich falle ja selbst heute in einer großen Stadt noch auf, man kann sich also vorstellen, wie das in einer bayerischen Kleinstadt gewesen ist. Und auch wenn ich noch nicht wusste, ob ich schwul bin oder was ich denn bin: Ich wusste, dass ich einen Platz in der Gesellschaft finden muss, wo ich reinpasse. Wo ich für die Eigenschaften gelobt werde, für die ich permanent kritisiert wurde.

Anna, Ihr Sohn hat auch einen hohen Preis dafür gezahlt, dass er offen zu sich stand, wurde ganz schrecklich von anderen behandelt. Was haben Sie in solchen Momenten empfunden?
Anna:
Er hat mir das gar nicht immer ­erzählt. Aber die Dinge, die ich wusste, haben mich natürlich schrecklich belastet. Vermutlich hat er genau deshalb auch oft Dinge für sich behalten. Weil er mich nicht noch zusätzlich belasten wollte. Wenn ich aber von Dingen erfahren habe, habe ich mich natürlich schrecklich gefühlt – ich bin eine Mutter, die ihr Kind über alles liebt. Ich will nur, dass es ihm gut geht. Immer.
   

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Riccardo Simonetti und seine Mutter Anna im Talk
× Riccardo Simonetti und seine Mutter Anna im Talk

Das Buch „Mama, ich bin schwul“, von Riccardo und Anna Simonetti ist soeben im Goldmann-Verlag (um 12 Euro) erschienen.  

Auf Wien-Besuch: Als LGBT-Sonderbotschafter des Europäischen Parlaments übernimmt Riccardo Simonetti in diesem Jahr die Funktion des Markenbotschafters des Vienna Awards for Fashion & Lifestyle, der am 1. Dezember in Wien stattfindet und ganz im Zeichen von Diversity und Selbtsliebe steht.
Mehr Infos unter viennaawards.at