22. Dezember 2017 15:18
Advent-Klassiker
Gedichte für Weihnachten
Zum Vorlesen oder Auswendiglernen.
Gedichte für Weihnachten
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Knecht Ruprecht

Von drauß’ vom Walde komm ich her;

ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
All überall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen;
und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Und wie ich so strolcht’ durch den finstern Tann,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
„Knecht Ruprecht“, rief es, „alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan.
Alt’ und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
und morgen flieg ich hinab zur Erden;
denn es soll wieder Weihnachten 
werden!
 
Ich sprach: „O lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist;
ich soll nur noch in diese Stadt,
wo’s eitel gute Kinder hat.“
„Hast denn das Säcklein auch bei dir?“
Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier:
Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern
essen fromme Kinder gern.“
„Hast denn die Rute auch bei dir?“
Ich sprach: „Die Rute, die ist hier;
doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten.
Christkindlein sprach: „So ist es recht!
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!“
Von drauß’ vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hier drinnen find!

Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?

-Theodor Storm

 

Ein Winterabend
 
Wenn der Schnee ans Fenster fällt, 
Lang die Abendglocke läutet, 
Vielen ist der Tisch bereitet 
Und das Haus ist wohlbestellt.
 
Mancher auf der Wanderschaft 
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden. 
Golden blüht der Baum der Gnaden 
Aus der Erde kühlem Saft.
 
Wanderer tritt still herein; 
Schmerz versteinert die Schwelle. 
Da erglänzt in reiner Helle 
Auf dem Tische Brot und Wein.
 
 
-Georg Trakl

 

Die heilige Nacht
So war der Herr Jesus geboren
Im Stall bei der kalten Nacht.
Die Armen, die haben gefroren,
Den Reichen war’s warm gemacht.
Sein Vater ist Schreiner gewesen,
Die Mutter war eine Magd,
Sie haben kein Geld besessen,
Sie haben sich wohl geplagt.
Kein Wirt hat ins Haus sie genommen;
Sie waren von Herzen froh,
Dass sie noch in Stall sind gekommen.
Sie legten das Kind auf Stroh.
Die Engel, die haben gesungen,
Dass wohl ein Wunder geschehn.
Da kamen die Hirten gesprungen
Und haben es angesehn.
Die Hirten, die will es erbarmen,
Wie elend das Kindlein sei.
Es ist eine G’schicht für die Armen,
Kein Reicher war nicht dabei.
 
 
-Ludwig Thoma