Wie sich Frauen  seelisch stärken können

Mut zum NEIN

Wie sich Frauen seelisch stärken können

Es ist eine traurige Tatsache: Frauen erkranken weltweit doppelt so häufig an Depressionen wie Männer. Seit Jahrzehnten hat sich an diesem Phänomen nichts verändert.


Beziehungsprobleme.
Die Ursache dafür sucht man meist bei den Hormonen oder Genen. Das mag eine Rolle spielen. Doch die deutsche Psychotherapeutin Ursula Nuber macht dafür in erster Linie die Lebensumstände sowie die Art und Qualität weiblicher Beziehungen verantwortlich: „Befragt man depressive Frauen, dann erzählen sie mehrheitlich von Problemen in der Partnerschaft, vom Unglücklichsein, von sich nicht Aufgehoben-, nicht Geborgenfühlen“, erklärt Therapeutin Nuber in ihrem außergewöhnlichen Ratgeber Wer bin ich ohne dich? (Campus).
Sie stellt darin fest: Frauen leiden sehr viel deutlicher als Männer unter schlechten Beziehungsverhältnissen. Nuber zeigt, dass Frauen anders gestresst werden als Männer und dass Frauen sich fast immer selbst die Schuld geben, wenn zwischenmenschlich etwas schiefläuft.

Expertin im Health-Talk: ,Wer Nein sagt, zeigt Profil!‘ 1/7
Abgrenzung. Frauen tun sich immer noch schwer damit, ein klares Nein zu äußern. Therapeutin Ursula Nuber erklärt, warum das aber so wichtig ist.Frauen tappen oft in die „Nettigkeitsfalle“. Warum sollten wir öfter Nein sagen?
Ursula Nuber:
Ein klares Nein öffnet die Tür zu mir selbst. Es bedeutet: Ich grenze mich ab. Das wiederum heißt: Ich habe ein gesundes Selbstbewusstsein. Ich weiß, was mir guttut, und kann auch Ablehnung aushalten.
In welchen Bereichen sollten Frauen denn Nein sagen?
Nuber:
Es ist wichtig, Nein zu Destruktivem zu sagen: etwa zu einem Mann, der mir schadet. Zu einem Job, der mich auslaugt. Zu einer schlechten Gewohnheit. All diese Neins ermöglichen letztlich einen positiven Neustart.
Fällt es Männern leichter, sich abzugrenzen, als Frauen?
Nuber:
Ja, weil Männer von klein auf zur Autonomie und Abgrenzung erzogen und ermutigt werden. Frauen entwickeln eher ein „Beziehungsselbst“: Sie sind also sehr darauf bedacht, mit anderen Menschen in einer guten Beziehung zu sein. Im Nein sehen sie etwas Bedrohliches. Sie neigen auch dazu, das Nein des anderen persönlich zu nehmen und fragen sich, was an ihnen nicht stimmt. Deshalb sagen Frauen oft Ja, obwohl sie eigentlich Nein meinen.
Was sind die Konsequenzen?
nuber:
Wer immer wieder darauf verzichtet, seinen Willen kundzutun, kommt mit seinen Bedürfnissen zu kurz. Das führt zu Ärger und Aggressionen. Wobei diese Gefühle auch wieder nicht gezeigt werden, weil Konflikte vermieden werden sollen. So beginnt ein Teufelskreis. Wer seine Wut ständig runterschluckt, kann auf Dauer erkranken.
Wie äußert sich das?
Nuber:
Erste Signale sind Schlafstörungen, Nervosität, Erschöpfung bis hin zum Burnout. Typische Folgen sind auch seelische Verstimmungen bis hin zu Depressionen.
Und Frauen sind dafür besonders anfällig?
Nuber:
Ja. Es werden heute immer noch doppelt so viele Frauen wie Männer depressiv. In meinem Ratgeber Wer bin ich ohne dich? gehe ich der Frage nach, warum das so ist. Und da spielt gerade das Neinsagen eine große Rolle.
Wie kann ich lernen, Grenzen zu setzen?
Nuber:
Indem ich trotz meiner Verlustängste mein Nein ernst nehme. Und ausprobiere, ob meine Befürchtungen wirklich eintreten. Wird der andere nicht mehr mit mir reden? Stellt eine Frau fest, dass ihre Ängste unbegründet sind, kann sie immer mutiger Nein sagen.


Der Stress der Frauen.
Frauen wollen, dass Beziehungen funktionieren, und glauben auch, dass sie für dieses Funktionieren verantwortlich sind. Doch genau das führt bei ihnen zu Stress. Oft kommen dann noch andere belastende Faktoren hinzu, wie etwa Zeitmangel oder der Druck, alles perfekt machen zu müssen. „Das alles führt noch nicht in die Depression“, weiß Expertin Nuber. Diese trete erst dann auf, wenn eine Frau das Gefühl hat, dass sie nichts zurückbekommt: Sie gibt und gibt, kann aber nur wenig nehmen.


Mut zur Wut. 
Besondere Gefahr ist in Verzug, wenn belastete Frauen noch in die „Nettigkeitsfalle“ tappen: Sie versuchen alles richtig zu machen, schlucken viel und stellen sich um des lieben Friedens willen zurück (siehe Interview rechts).Psychotherapeutin Nuber sieht in der Depression eine Aggressionserkrankung: Dabei richten sich die Aggressionen, die eigentlich jemand anderem gelten, gegen sich selbst. Die Expertin rät daher den Frauen in dieser Situation, die Stimme zu erheben, den Ton lauter zu stellen und in ihren Beziehungen deutlicher „Ich“ zu sagen – und möglicherweise ein bisschen weniger „Wir“. Dazu ist freilich oft professionelle Hilfe notwendig. Ob alleine oder mit Unterstützung: Das Wichtigste ist immer, dass das eigene Selbstwertgefühl wieder gestärkt wird.

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