Londoner Ausstellung über den "wahren" van Gogh

Durch die Brille der Korrespondenz mit seinem jüngeren Bruder Theo will die RA so einen Einblick in die Gedankenwelt und gepeinigte Seele des berühmten Post-Impressionisten vermitteln und zugleich den "Mythos des an Wahnsinn grenzenden Genies" um van Gogh entlarven.

"Wir entdecken einen hochkultivierten und nachdenklichen Mann - weit entfernt von dem verbreiteten Mythos eines besessenen Künstlers, der sich ein Ohr abschneidet und schließlich selbst umbringt", sagt Ann Dumas, Kuratorin der Ausstellung. Durch die Gegenüberstellung von 65 Gemälden und 30 Zeichnungen mit van Goghs Briefen werde deutlich, dass der Maler sowohl über seine Kunst als auch über seine Schriften definiert werden müsse. Den handgeschriebenen Tinten-Notizen sind häufig Skizzen und Zeichnungen beigefügt, anhand derer van Gogh ausführlich die Auswahl seiner Objekte und Farben sowie den Fortgang seiner Arbeit diskutiert. "Van Gogh war ein berühmter Maler, aber auch ein sehr talentierter Schreiber", sagt Dumas.

Auch die enge Verbundenheit des Künstlers mit der Natur werde deutlich. So schrieb van Gogh 1882 an Theo: "Es ist die Pflicht des Künstlers, die Natur zu studieren und seine ganze Intelligenz und seine Gefühle dafür einzusetzen, sein Werk für andere verständlich zu machen." In einem Brief neben einem Holzschnitt der berühmten "Kartoffelesser" schreibt van Gogh, dass er soeben von den Bauern zurückgekehrt sei, "die ihre mit den Händen ausgegrabenen Kartoffeln im Lampenlicht essen". Er tue sich schwer, die Köpfe nach Zeichnungen zu malen und den richtigen Farbton einer mit Erde bedeckten, "natürlich ungeschälten" Kartoffel zu treffen.

Den großen Einfluss japanischer Kunst auf seine Laufbahn gesteht van Gogh mit dem Satz ein: "Meine gesamte Arbeit beruht bis zu einem gewissen Grad auf japanischer Kunst." Aber die Porträtmalerei sei seine größte Leidenschaft. Über sein berühmtes Selbstporträt aus dem Jahre 1888 schreibt van Gogh an seine Schwester Willemien: "Ein rosa-graues Gesicht mit grünen Augen, aschgraues Haar, Falten an der Stirn und um den Mund...Siehst Du, das ist der Vorteil des Impressionismus, er ist nicht banal und strebt nach einer größeren Ähnlichkeit als das Foto."

Van Gogh, der nach einer verhinderten Pastoren-Laufbahn erst im Alter von 27 Jahren zur Malerei kam, beschreibt seine Liebe zur Literatur mit den Worten: "Bücher und Realität und Kunst sind für mich alle von gleicher Bedeutung. Es gibt die Kunst der Striche und Farben, aber es gibt ebenso die Kunst der Worte, die genau so lange überleben wird."

Klar ist aus den Briefen zu erkennen, dass van Gogh in Arles in der Provence seinen Schaffenshöhepunkt erlebte - gepaart mit Perioden schwerer seelischer Krankheit. Mit großer Begeisterung berichtete er seinem Bruder von den leuchtenden Farben des Südens, dem schillernden Mittelmeer ("wie eine Makrele") und dem "grün-gelben Himmel mit rosa Wolken". Über seine Landschaftsbilder aus der Zeit schrieb van Gogh kurz vor seinem Tod an Theo: "Diese Gemälde werden Dir zeigen, was ich nicht in Worten sagen kann."

Van Goghs Rückkehr nach Auvers-sur-Oise nördlich von Paris, nach dem Aufenthalt in der Irrenanstalt von St. Remy, leitete zugleich die intensivste Phase in der zehnjährigen Schaffensperiode des Künstlers ein. Van Gogh schuf dort in 70 Tagen mehr als 70 Gemälde. Aber auch Unzufriedenheit mit seinem künstlerischen Fortschritt klang an. Er befinde sich "so wenig in Harmonie mit dem, was ich erreichen will", klagt van Gogh. Als er sich am 27. Juli 1890 auf einem Feld bei Auvers erschoss, wurde bei ihm ein mit Blutspuren bedeckter, nicht vollendeter Brief an seinen Bruder gefunden, in dem stand: "Ich habe mein Leben für die Kunst riskiert."

INFO: http://www.royalacademy.org.uk

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