In Hainan gibt es noch menschenleere Strände

Hainan ist das Hawaii des Fernen Ostens

Pro Jahr 300 Sonnentage, durchschnittlich 25 Grad im Schatten, kilometerlange weiße Strände, dazu Orchideen und Kokospalmen. Das klingt wie Hawaii? Ist es aber nicht. Nein, es geht um Hainan, Chinas größte Tropeninsel, die im Süden des "Reichs der Mitte" liegt. Völlig aus der Luft gegriffen ist der Hawaii-Vergleich aber nicht.

Erstens vergleicht sich das chinesische Eiland selbst gern mit der US-Inselgruppe im Pazifik. Zweitens ist das Klima ähnlich, drittens gibt es hier wie dort Massentourismus: Auf Hainan wurden 2008 rund sechs Millionen Besucher gezählt. Viertens sehen sich Hawaiis Hauptstadt Honolulu und Sanya, die Touristenmetropole im Süden Hainans, recht ähnlich: Hochhäuser direkt am Strand, viel Verkehr, viele Hotels, viele Fast-Food-Restaurants.

Fünftens geht die Hawaii-Verehrung so weit, dass sogar das Hawaiihemd imitiert wird: So gut wie alle chinesischen Touristen auf Hainan kaufen sich ein solches Stück Stoff. Die farbenfrohen Hemden werden allerdings irgendwo in einer chinesischen Textilfabrik hergestellt. Den Chinesen ist es ziemlich egal, ob sie ein Original am Leib tragen oder eine Fälschung: Hauptsache, die Urlaubsoptik stimmt.

Sechstens: Hawaii und Hainan sind gleichermaßen Einwandererinseln, die ursprüngliche Bevölkerung ist längst in der Minderheit. Auf Hawaii werden Touristen, die sich für die alte polynesische Kultur interessieren, in folkloristische Hula-Shows geschickt, und wer auf Hainan das ursprüngliche Leben kennenlernen will, muss das Volk der Li im Inneren der Insel besuchen. Es lebt hier noch in Hütten aus Reisstroh und geht mit Pfeil und Bogen auf die Jagd.

Ein großer Unterschied ist allerdings sofort zu erkennen: Während die Strände auf Hawaii oft voll sind, sind sie auf Hainan erstaunlich leer. Was nicht daran liegt, dass es hier zu wenig Sand gibt. Doch die meisten chinesischen Hainan-Touristen buchen zwar Strandurlaub, aber am Baden im Meer sind sie nicht interessiert, genauso wenig wie am Sonnenbaden. Lieber geht man hier mit einem Sonnenschirm spazieren und begibt sich allenfalls bis zu den Knien ins Wasser.

Wer nicht den gesamten Urlaub am Strand verbringen will, vertreibt sich die Zeit in Sanya - mit Einkaufen und Essen. Die lokale Spezialität sind frittierte Seidenraupen. Hauptsehenswürdigkeit in der Stadt ist der Luhuitou-Park, ein begrünter Hügel, auf dem das Denkmal eines Rehs, das den Kopf dreht, steht. Weniger die Skulptur als vielmehr das Verhalten balzender Chinesen ist hier interessant zu beobachten - das Denkmal gilt als Glücksbringer für Verliebte. Vor den Toren Sanyas lockt das neu gebaute Nanshan-Kloster mit einer 108 Meter hohen Buddhastatue viele Touristen an. Im benachbarten Tempelrestaurant werden vegetarische Gerichte aufgefahren, die aus Tofu geformt sind, aber wie Fleischspeisen aussehen.

Als jüngste Touristenattraktion wurde 2008 der Yanoda-Nationalpark eröffnet, ein Urwald, der eine knappe Autostunde von Sanya entfernt ist. "Yanoda" ist die Grußformel der einheimischen Insulaner, weshalb die Parkmitarbeiter jedem Besucher ein lautstarkes "Ya! No! Da!" zurufen, wo auch immer sie ihm begegnen, selbst auf der Toilette. Den Park kann man nicht individuell erkunden, vielmehr schließen sich die Urlauber einer Tour an, die auf perfekt ausgebauten Fußwegen unter Baumriesen und Riesenfarnen entlangführt, vorbei an Wasserfällen, Orchideengärten, über Felsschluchten und Hängebrücken.

Hainans Hauptattraktion ist das Ende der Welt, ein von großen runden Felsbrocken geprägter Strand an der Südküste. Der Name rührt daher, dass an diesen Ort schon vor rund 1.000 Jahren Beamte verbannt wurden, die bei der Obrigkeit in Ungnade gefallen waren. Damals war Hainan der Außenposten des "Reichs der Mitte", wer hier lebte, war abgeschnitten vom Rest der Zivilisation. Heute geht es am Ende der Welt dagegen hoch her: Chinesische Touristen fallen in Heerscharen ein, kaufen Souvenirs und Wassereis, bestaunen den Strand, die Felsen und die westlichen Touristen, die sich hierher verirren.