Ascona erfindet sich neu

Erst kamen die Aussteiger nach Ascona, dann die Rentner, jetzt ist es das internationale Lifestyle-Publikum. Der Schweizer Urlaubsort am Lago Maggiore erlebt eine Renaissance: Das Fischerdorf am Fuße des Monte Verità, auf dem Aussteiger am Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kolonie für Weltverbesserer, Vegetarier und Anhänger der freien Liebe gründeten, erfindet sich mal wieder neu.

Der Unternehmer Stefan Breuer, der junge Star-Koch Ivo Adam und einige Verbündete wie der Hotelier Philippe Fruttiger mischen den Ort in der Südschweiz auf. "Breuer und seine Mitstreiter haben Ascona aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst", sagen die einen. "Er vergewaltigt Dornröschen", schimpfen dagegen lärmempfindliche Ruheständler.

Anders als die meisten anderen Millionäre in dem Städtchen setzte sich der 51-jährige Breuer am "Berg der Wahrheit" nicht einfach zur Ruhe. An der See-Promenade eröffnete er trendige Restaurants und eine Bar. Flaggschiff der Kollektion ist das "Seven", ein Restaurant mit weltstädtischem Design. Hier stimmt der "Lifestyle", von dem Stefan Breuer so gern spricht: Der Laden ist voll, obwohl die Preise hoch, die Portionen klein und manche Gerichte mittelmäßig sind. Am anderen Ende der Uferpromenade liegt das bodenständigere "Seven Easy", in der Altstadt das "Seven Asia" und eine "Seven"-Disco ist auch in Planung.

"Grandissimo!" jubelt das Partyvolk - "nervend" finden es manche Rentner. Breuer ficht das nicht an. Er geht seinen Weg - wenn möglich barfuß. Mit diesem Markenzeichen hätte er zu den Aussteigern auf dem Monte Verità gepasst, die die Asconeser "Balabiott" nannten, "Nackttänzer". Denn in der Zeit um 1900 gründete der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven die Kolonie, deren Mitglieder gerne nackt über die Wiesen des 300 Meter hohen Bergs tanzten.

Und der Gegenwind flaut langsam ab. "Viele haben gemerkt, dass sie von uns profitieren", erklärt Ivo Adam. Bislang sorgte vor allem das Jazz-Festival für internationales Flair. Ansonsten döste die "Perle des Lago Maggiore" vor sich hin. Und trotz des mediterranen Flairs und 2600 Sonnenstunden im Jahr wurde Ascona immer teutonischer. "Man spricht Deutsch" muss hier niemand mehr an die Ladentür schreiben.

Da war es kein Wunder, dass die deutsche Nationalelf während der Fußball-EM 2008 ins Luxushotel "Giardino" zog. Geblieben sind von den Vize-Europameistern ihre in Metall gegossenen Fußabdrücke an der Uferpromenade. "Sein Comeback verdankt der Ort aber auch ein wenig der DFB-Elf", meint Hotelier Fruttiger. Auch er hat sein Hotel verjüngt und neuen Schwung in die Küche gebracht: Im Restaurant "Ecco" regiert mit Rolf Fliegauf der jüngste Sternekoch der Schweiz.

Hinter der Postkartenidyll-Fassade werden auch andere Asconeser immer experimentierfreudiger: So legten sie für ihr geliebtes Risotto im Delta des aus dem urwüchsigen Maggia-Tal kommenden Gebirgsflusses eines der nördlichsten Reisfelder der Welt an. Der Weinmacher Angelo Delea wiederum baute als erster Tessiner-Weine in französischen Barrique-Fässern aus und produziert so heute große Merlots.

Wem der neue Trubel zu viel wird, flüchtet auf den Monte Verità. Rund um das in einem Zen-Garten gelegene Tee-Haus herrscht dort magische Ruhe. Hoch über Ascona und den Brissago-Inseln im silbrig schimmernden Lago Maggiore ist auf dem "Berg der Wahrheit" Platz für alle: die Aussteiger, die Rentner und das neue Lifestyle-Publikum.

INFO: www.myswitzerland.com, www.ticino.ch, www.ascona.ch, www.monteverita.org