Todes-Engel in Chanel

Eiserne Liebe

Todes-Engel in Chanel

Sie galt als „Wüstenrose“ und „Lichtquell in einem „Schattenland“. So feierte zumindest die US-Vogue Asma al-Assad vor knapp einem Jahr ab. Eine Geschichte, die kurz nach dem Ausbruch der Proteste in Syrien aus dem Online-Archiv des Luxusmagazins spurlos verschwand. Kein Wunder. In Syrien gilt die 36-jährige Ehefrau von Bashar al-Assad mittlerweile als „Todesengel“ – als „Frau ohne Gewissen“. Seit 11 Monaten sterben in Syrien täglich nicht nur bewaffnete Aufständische, sondern auch unbewaffnete Frauen und Kinder. Die Welt – US-Präsident Barack Obama und Europa – fordern Asmas Ehemann Bashar al-Assad auf, „seine Todeskampagne zu stoppen“.

Eisern hinter ihrem Mann
Und Asma? Sie steht eisern hinter ihrem Mann. Dass in Syrien laut Uno-Schätzung mittlerweile 5.500 Menschen getötet wurden, dass das Regime ihres Mannes Tausende Oppositionelle einsperren ließ und gewaltsam gegen Aufständische vorgeht, scheint die Finanzfachfrau nicht zu kümmern.

Bewunderer
Beim ÖSTERREICH-Lokalaugenschein in Syrien spürt man dennoch, dass die groß gewachsene Brünette nach wie vor auch Bewunderer hat. „Sie hat studiert und versucht, das Land zu modernisieren“, behauptet etwa eine 30-jährige Businessfrau aus Damaskus. Sie hatte „hier in Damaskus Angelina Jolie und Brad Pitt empfangen“, berichten andere stolz. Als Asma 2000 den Augenarzt, der Syriens Präsident wurde, geheiratet hatte, erwarteten sich viele von der britischen Staatsbürgerin Reformen. Sie startete eine Internet-Initiative, schulte junge Syrer persönlich ein. War ihr auch klar, dass genau jenes Internet von Anfang an vom gefürchteten syrischen Mukhabarat (Geheimdienst) überwacht und zensuriert wurde?

Mit ihrer Vorliebe für Chanel-Kleider und Louboutins-Schuhe verzauberte sie wohl mehr den Westen als ihr eigenes Land. Sie war in Londons High Society ein ebenso gern gesehener Gast wie Saif al-Islam Gaddafi. Seit 2011 ist das freilich endgültig vorbei. „Ich habe bereits nach einem Jahr gemerkt, dass Bashar und Asma keine Reformer sind“, sagt die 24-jährige Aktivistin Aisha. „Wieso lasst Ihr euch immer so leicht täuschen?“, fragt sie vorwurfsvoll.

Frau ohne Gewissen?
Aber sie habe damit „gerechnet, dass Asma zumindest jetzt ihren Mann verlässt. Immerhin ist sie Sunnitin aus Homs.“ In Homs findet seit Monaten der blutige Bürgerkrieg mit voller Wucht statt. „Wie kann sie als Mutter so gewissenlos , so ohne Mitleid sein?“, fragt Aisha.
Dort sterben Tag für Tag Menschen – von beiden Seiten. Und Asma, die Mutter von drei Söhnen (10, 8 und 6)? „Sie trifft die Alawiten aus Homs, die Angehörige verloren haben.“ In Syrien tobt schließlich auch ein Religionskrieg: Bashar al-Assad gehört der alawitischen Minderheit an. Einer Sekte im Islam, die von den Islamisten nicht anerkannt wird.

„Wollt Ihr alle Kopftücher tragen?“ Bashar – der Alawit – und Asma – die Sunnitin – hätten beweisen sollen, dass die zwei muslimischen Religionszweige sich lieben können.

Das Ungläubige schlechthin
Asma verkörpert mit ihren offenen Haaren, den Minikleidern und Stöckelschuhen freilich „das Ungläubige schlechthin“, erklärt ein einflussreicher Geschäftsmann aus Damaskus. Sie fragte die Frauen offen: „Wollt Ihr etwa alle wieder gezwungen werden, Kopftücher zu tragen?“ Dabei sollte Asma vielleicht einmal das eigene Hinterland besuchen: Nur 15 Kilometer von Damaskus entfernt – in den umkämpften Vororten der 3,5-Millionen-Hauptstadt – tragen fast alle Frauen Kopftücher. Dort wissen die Frauen weder was Chanel, noch was Louboutins sind. Die Farbe Rot assoziieren sie mit Blut.

Von dieser Armut, von der unerbittlichen Brutalität, mit der der Geheimdienst ihres Mannes gegen Menschen vorgeht, weiß Asma vielleicht gar nichts. Sie lebt im gut bewachten Diplomatenviertel in Damaskus – nur zwei Minuten von der mittlerweile geschlossenen US-Botschaft entfernt.

Montessori-Schule statt Kalaschnikows
Ihre drei Söhne besuchen die Montessori-Schule, 20 Minuten vom Zentrum entfernt. Die Kalaschnikows, die in Syrien mittlerweile so allgegenwärtig sind wie Militär und Geheimdienst, sehen sie nur als Schutz. Im Unterschied zu den Kindern in den Vorstädten, den Kindern in Deraa oder Homs: Denn dort stehen Snipers auf den Dächern, Snipers, die immer wieder auch Kinder im Gefecht treffen und töten.

Und Asma? Sie „mische sich eben nicht in Politik ein“, sagt eine Freundin. 2009 tat sie es doch, da beschuldigte Asma Israel, „unbarmherzig“ gegen Palästinenser vorzugehen. Damals meinte die „First Lady“ Syriens: „Als Mutter und Mensch rufe ich zum Ende der Gewalt auf. Das ist das 21. Jahrhundert. Wo in der Welt könnte so etwa passieren?“.

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