Glaswischnig

„Mein Weg ins Glück“

Eva Glawischnig im MADONNA-Talk

Von der Spitzenpolitikerin zur – scharf kritisierten – Novomatic-Lobbyistin und jetzt auf völlig neuen Wegen: Eva Glawischnig im ganz persönlichen Interview in ihrer privaten Oase. 

Zwei Schritte zurück – und ein großer nach vorne. So könnte man Eva Glawischnigs Weg in kurzen Worten beschreiben. Passiert ist viel in den letzten Jahren. 2017 der Rücktritt als Bundessprecherin der Grünen nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch in Form eines allergischen Schocks. Dann der viel diskutierte Entschluss, beim Glücksspielkonzern Novomatic für Spielerschutz und Nachhaltigkeit zu sorgen. Nach einem Jahr Bildungskarenz hat die 52-jährige Mutter zweier Söhne (Sebastian, 15, & Benjamin, 11) und Ehefrau von oe24.TV-Anchorman Volker Piesczek nun beschlossen, auch diesen Job aufzugeben und sich selbstständig zu machen. Als Coach möchte sie Frauen auf ihrem Karriereweg begleiten. Auch an einem Buch schreibt sie, von dem sie jedoch mit Blick auf den kleinen See, an dem ihr Traumhaus steht, sagt: „Ich weiß nicht, ob das je wirklich erscheinen wird.“ Das sehr offene Interview in ganz privatem Rahmen:

Sie wollen sich nun dem Thema Nachhaltigkeit, vor allem im Businessbereich, widmen. Wie nachhaltig war denn Ihr Job bei Novomatic aus Ihrer Sicht? Im positiven, aber auch im negativen Sinn …
Eva glawischnig:
Das Positive möchte ich unterstreichen, da es meine Aufgabe war, im Kerngeschäft der Novomatic Nachhaltigkeit voranzutreiben, und das war in erster Linie Spielerschutz. Wir haben bei den wichtigsten Unternehmen – Österreich, Schweiz, Deutschland, Italien, Spanien, Holland – 80 Prozent der Spielerschutzaktivitäten auf international bestem Niveau zertifiziert. Außerdem haben wir Klimaschutz über Energieeinsparungen und PV-Projekte gemacht. Das waren meine letzten Projekte, auf die ich schon stolz bin. Es war natürlich keine leichte Zeit für das Unternehmen. Aber ich bin zufrieden mit dem Erreichten, jetzt kommt was Neues.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
Glawischnig:
Dass große Unternehmen riesige Herausforderungen haben, Nachhaltigkeit zu leben. Als Gesetzgeber bestimmst du, das soll so sein – aber dann gibt es die Zivilgesellschaft und Unternehmen, die dies ausführen müssen. Und das ist eine sehr große Aufgabe, der ich mich gewidmet und dabei sehr vieles gelernt habe. Auch zu begreifen, welcher Unterschied zum Beispiel besteht zwischen dem Beschließen von Klimaschutzzielen und sie dann in der Wirtschaft umzusetzen.

Sie wurden für diesen Job auch sehr angefeindet, vor allem auch von Ex-Kollegen aus der Politik. War das hart für Sie?
Glawischnig:
Ja, aber das habe ich natürlich auch selbst herbeigeführt. Fakt ist: ich habe mich dafür entschieden – auch aus sehr persönlichen Gründen. Und ich habe mich nie dafür geschämt, weil das mein Weg gewesen ist. Aber ich habe daraus auch viel gelernt.

Auch, wer Ihre wahren Freunde sind?
Glawischnig:
Natürlich. Es gab Menschen, die haben mich als politische Person gesehen, andere wiederum als Eva, ihre Freundin. Da gab es natürlich Unterschiede, das ist aber auch total okay. Ich werfe da niemandem etwas vor. Ich glaube, es ist sehr wichtig, zu sich selbst zu stehen und zu seinem eigenen Lebensweg – und nicht irgendwelche Abzweigungen zu nehmen, nur weil es jemand von einem erwartet. Jeder hat seine eigene Biografie und Familiengeschichte … Aus dem heraus seinen Weg zu gehen, ist etwas ganz Individuelles. Es gibt diesen Spruch: „Wenn du jemanden verstehen willst, musst du in seinen Mokassins gegangen sein.“ Das habe ich bei mir oft vermisst: So viele meinten zu wissen, was gut und was schlecht für mich ist …

Woher kommt diese Sicherheit, nicht abzuzweigen, sondern weiter in den eigenen Mokassins den eigenen Weg zu gehen?
Glawischnig:
Das war schon auch ein Lernprozess. Aber durch meine Mutter und meine Großmütter wurde mir schon etwas in die Wiege gelegt in Sachen Selbstständig-Werden-Wollen und -Sein in all den Umständen, die damals in Oberkärnten geherrscht haben. Als Frau zu versuchen, möglichst selbstbewusst zu sein – damit bin ich groß geworden.

Haben die gesundheitlichen Probleme, die letztlich das Ende Ihrer politischen Karriere eingeläutet haben, an diesem Selbstbewusstsein gekratzt?
Glawischnig:
Ja, sicher, weil du glaubst, du schaffst alles und bist unbezwingbar. Dass der Körper dich dann zwingt aufzuhören, ist keine schöne Erfahrung. Ich möchte es nicht noch einmal erleben, dass der Körper die Stopptaste drückt. Aber es war eben so, und ich bin dankbar dafür, dadurch einiges gelernt zu haben.

Das werden Sie vermutlich unzählige Male gefragt: Haben Sie wirklich nie daran gedacht, eines Tages ein Polit-Comeback zu feiern?
Glawischnig:
Nein, gar nicht! Ich bewundere wirklich alle, die dort Groß­artiges leisten. Das ist ein 24-Stunden-Sieben-Tage-die-Woche-Job, ich habe größte Hochachtung vor allen, die das machen. Viele Dinge verstehe ich nicht, und ich will sie auch nicht mehr verstehen (lacht), weil ich auch nicht mehr im System bin. Und viele Dinge sind systemimmanent, die man als Konsumentin einfach nicht verstehen kann.

Der anfängliche Enthusiasmus vieler ­Politiker, wie ihn etwa der neue Gesundheitsminister jetzt noch hat, wurde letztlich von den Mühlen der Systemimmanenz zermahlen …
Glawischnig:
Wenn man sich auf das einlässt, muss man wissen, worauf man sich einlässt, und man muss auch wissen, wo die Grenzen sind – und darf keine Versprechungen machen. Das hat Wolfgang Mückstein ja auch noch nicht gemacht. Aber es ist mit Sicherheit frustrierend, wenn du dich aus der Privatwirtschaft, als Arzt und als jemand, der sich aktiv um Dinge kümmern möchte, in die Politik begibst und glaubst, das geht dann auf Knopfdruck. Das ist nicht so.

Wie intensiv und aus welchem Blickwinkel beobachten Sie das politische Geschehen?
Glawischnig:
Eine Zeit lang habe ich mich komplett ausgeklinkt und dachte, ich kann ohne auch gut leben, nur meine Tulpen pflanzen und mein Basilikum, das nicht wachsen will (lacht). Aber durch den Beruf meines Ehemanns habe ich wieder verstärkt begonnen, die Berichterstattung zu beobachten. Wenn ich jetzt auf die Regierungsarbeit blicke, wünsche ich mir einfach mehr Aktion und weniger Gerede. Es gibt wirklich viele Menschen, die jetzt echte Probleme haben und Hilfe brauchen.

Denken Sie, Sie würden es als Mitglied der Regierung besser hinbekommen?
Glawischnig:
Nein, sonst hätte ich es damals ja gemacht. Das ist immer eine Frage des Zeitpunkts, und ich will jetzt auch keine guten Ratschläge geben. Aber zu den Wurzeln zurückzukehren und Menschen helfen zu wollen, ist der Auftrag, den man in der Politik hat. Nicht nur noch Hickhack im Tagesgeschäft.

© Kernmayer
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Nun möchten Sie beruflich wieder neu durchstarten. Gab es ein Schlüsselmoment für Ihre Entscheidung, die Novomatic zu verlassen?
Glawischnig:
Ich habe dort viel gelernt und kann mich nur bei den Kolleginnen und Kollegen bedanken. Weil es ein wirklich vielseitiges Unternehmen ist. Aber für mich war jetzt einfach der Zeitpunkt da, etwas Neues zu machen. Ich möchte gerne Menschen begleiten, die in ähnlichen Situationen sind, wie ich es war und in Führungspositionen Unterstützung brauchen – wenn es um Nachhaltigkeit, Energiemanagement, aber auch Führungsqualitäten geht.

Wer hat Sie damals unterstützt?
Glawischnig:
Von Alexander Van der Bellen habe ich sehr viel gelernt. Etwa, immer alles zu hinterfragen.

Hinterfragen Sie sich auch selbst immer?
Glawischnig:
Ja (lacht). Natürlich frage ich: Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Welche Fehler habe ich gemacht? Das fragt sich wahrscheinlich jeder. Genauso wie: Bin ich eine gute Mutter? Eine gute Partnerin?

Auf welche Antworten kommen Sie?
Glawischnig:
Ich habe da so ein juristisches System: Zu dem damaligen Zeitpunkt, also zum Eingabeschluss, konnte ich nicht anders handeln (lacht). Das hilft mir dann, ein wenig über eigene Fehler hinwegzusehen.

Stichwort: Kinder und Karriere. Haben Sie das Gefühl, in letzter Zeit Ihre Rolle als Mutter besser „erfüllt“ zu haben?
Glawischnig:
Ja, ich habe das sehr genossen und vieles wettgemacht. Auch wenn meine Söhne mir leidtun, dass sie durch Corona ihre sozialen Kontakte sehr vermisst haben. Aber ich konnte dadurch vieles aufholen, was ich früher nicht an Zeit mit ihnen hatte.

Ihr Ehemann hat Sie durch sämtliche ­Höhen und Tiefen begleitet. Was macht ihn für Sie zum Traumann?
Glawischnig:
Eigentlich alles an ihm. Er hat mich durch so viele Tiefen begleitet, dafür bin ich ihm so dankbar. Er hat die Eva Glawischnig geheiratet, die ­supertoll war – aber er hat mich dann, als es mir schlecht ging, auch begleitet und mich nicht einfach verlassen.

Hatten Sie manchmal Angst davor, dass er sie verlässt?
Glawischnig:
Natürlich. Wenn du nicht mehr so bist, was du warst, kann das natürlich passieren. Niemand ist selbstverständlich. Aber er war immer da.


Was macht umgekehrt Sie zu seiner Traumfrau aus Ihrer Sicht?
Glawischnig:
Ich bin gescheit (lacht). Gescheit ist sexy. Das sagt Volker auch immer – und das finde ich auch. Deshalb lautet auch mein Rat an alle Frauen, ­ihrem Kopf viel Freiheit zu geben.

Sie sind jetzt 52 Jahre alt. Spielt Alter ­eine Rolle für Sie?
Glawischnig:
Wenn ich in den Spiegel schaue, eigentlich nicht – da sehe ich immer dieselben Augen. Aber wenn man sich die Chancen von Frauen über 50 in der Gesellschaft ansieht, habe ich im Moment große Sorge. Mehrfachbelastungen, wenig Geld, Unsicherheit. Ein Thema für die Politik.

Abschließend: Was möchten Sie eines Tages über Ihr Wirken sagen können?
Glawischnig:
Dass mein Basilikum endlich wächst (lacht). Im Ernst: Ich möchte, dass Frauen stolz auf sich sind, egal welche Wege sie gegangen sind.

Worauf sind Sie stolz?
Glawischnig:
Auf meine Söhne natürlich. Und auf meinen Mut, immer wieder etwas Neues zu wagen – auch wenn manche auf mich sauer waren. Das verstehe ich auch, aber es war und ist mein Weg.