Ende und Anfang eines Albtraums

Die Tragödie der Meike Schlecker

Ende und Anfang eines Albtraums

Fünf Wörter brauchte Meike Schlecker, um den Mythos einer einst milliardenschweren Unternehmerfamilie zu entzaubern. „Es ist nichts mehr da“, sagt die 38-Jährige mit fester Stimme, eiserner Miene und leerem Blick. Die aparte Blondine muss als Geschäftsführerin für die Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker in der Öffentlichkeit geradestehen – sie wurde vorgeschickt von dem öffentlichkeitsscheuen Vater, Firmengründer Anton Schlecker (67), und von ihrem um zwei Jahre älteren Bruder Lars. Offene Rechnungen über 22 Millionen Euro haben der Familie, die zum Teil persönlich für die Firma haftet, finanziell das Genick gebrochen.

Chronik eines Untergangs

Ein kurzer Rückblick: Der europäische Marktführer, der allein in Österreich über 900 Filialen unterhält und 4.000 Mitarbeiter beschäftigt, ist in Deutschland (Schlecker Österreich ist nicht betroffen) in die Pleite geschlittert. Noch im Oktober hatte das Manager Magazin in seiner jährlichen Schätzung der Superreichen das Vermögen der Familie Schlecker auf 1,95 Milliarden Euro taxiert. Und das waren schon 350 Millionen weniger als im Jahr zuvor. Die Ladenkette mit dem Schmuddelimage steckte seit Jahren in der Krise. Nicht die Nachkommen haben es heruntergefahren. Sie hätten jedoch das Ruder herumreißen und die Kette modernisieren sollen. Sie sind mit ihrem großen Vor­haben, wie es derzeit aussieht, gescheitert.

Stärke zeigen
Die Schleckers hätten angeblich große Teile ihres Privatvermögens bereits in die Restrukturierung der Kette gesteckt. „Das Vermögen meines Vaters war immer das Unternehmen“, sagt Meike Schlecker. Und: „Es ist kein signifikantes Vermögen mehr da, das dem Unternehmen hätte helfen können.“ Mutig und stark wirkte sie bei der ersten Pressekonferenz, die das Unternehmen jetzt seit 20 Jahren gab.

Dabei könnte man meinen, dass gerade Meike Schlecker diejenige sein müsste, die die Öffentlichkeit meidet. Seit 23 Jahren lebt sie mit Erinnerungen, die viele andere gebrochen hätten. Es war der 23. Dezember 1987, als Meike, damals 14 Jahre alt, und ihr Bruder Lars (16) von drei Männern aus dem Haus der Eltern entführt wurden. Sie wurden gefesselt und in einer fünf Kilometer entfernten Hütte als Geiseln gehalten. Die Entführer forderten 18 Millionen D-Mark Lösegeld. Und was macht der Vater, der eiserne Geschäftsmann? Er beginnt zu handeln, drückt das Lösegeld auf 9,6 Millionen (die Summe, über die Schlecker versichert war) runter. Am 24. Dezember übergab ein Prokurist Schleckers das Geld. Lars und Meike Schlecker konnten sich inzwischen selbst von den Handschellen befreien und fliehen. Die Entführer wurden erst 12 Jahre später gefasst.

Eiskalt
Vater Anton Schlecker gilt seit jeher nicht nur als guter Verhandler, sondern auch als eiskalter Geschäftsmann. Die teils skandalöse Personalpolitik hat das Image des Konzerns schwer beschädigt. Lars Schlecker verteidigte in einem Interview im Juni 2001 seinen Vater: „Er wird immer als kalt und herzlos geschildert. Dabei kämpft er wie ein Löwe für jede Filiale.“ Über seine Kindheit sagt er: „Wir hatten anfangs eine normale Kindheit. Mein Vater ist ja erst 1975, ein paar Jahre nach meiner Geburt, groß ins Drogeriegeschäft eingestiegen. Anfangs war es nicht rosig, das Geld war auch mal knapp. Erst Mitte der 1980er-Jahre wuchs Schlecker immer schneller. Da haben wir gemerkt, dass unser Umfeld uns anders wahrnimmt.“ Weiters: „Abends hat mein Vater sich auf uns eingelassen, nach der Schule und Freunden gefragt oder mit uns Fußball gespielt. Jeden Sonntag gab es ein Familienfrühstück. Es dauerte drei Stunden. Bei diesen Frühstücken hat uns unser Vater das Geschäft erklärt, welche Kniffe es gibt, wie er sie gelernt hat.“

Schweigen
Meike Schlecker schweigt hingegen eisern über ihre Kindheit. Sie machte Abitur, tauchte in Barcelona in die Anonymität ab und studierte dort bis 2003 Betriebswirtschaftslehre. Sie lebte laut Insidern zwischendurch auch in London. Denn während des Studiums lernte Meike den Engländer Timothy Cook, später Investmentbanker, kennen. Nach der Hochzeit arbeitete er bei Schlecker im Controlling. Doch 2008 trennte sich das Paar. Kinder hat Meike angeblich keine. Über ihr Privatleben gibt sie nichts preis – nur zu verständlich!

Angst vor Entführungen muss die Familie jetzt allerdings wohl nicht mehr haben. Dieser Albtraum ist vorüber. Dafür beginnt der nächste: der Kampf um Zehntausende Arbeitsplätze und ums Image. Im Gegensatz zu anderen gefallenen Milliardenerbinnen, wie Quelle-Chefin Madeleine Schickedanz oder den Reederei-Erbinnen Gisa und Hedda Deilmann, bewahrt Schlecker stets Contenance. Sagt nur: „Ich will mich nicht beschweren, wir werden zurechtkommen.“ Uns stellt sich die Frage: Ist „nichts“ bei Leuten, die eben noch Milliardäre waren, wirklich nichts?

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