Engagement in Traiskirchen

Bloggerin Dariadaria: Offener Brief ans Innenministerium

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Wiener Bloggerin Dariadaria appelliert an das Bundesministerium für Inneres: Lasst mich helfen!

Seit Wochen fährt die Wiener Bloggerin Madeleine Alizadeh, besser bekannt unter ihrem Blognamen Dariadaria, nach Traiskirchen um zu helfen. Neben zahlreichen Sachspenden ist es der 26-Jährigen gelungen, private Unterkünfte für obdachlose Flüchtlinge zu organisieren. Doch die Bürokratie stellt ihr Steine in den Weg.

Obwohl sie unweit von Traiskirchen ein privates Zimmer für eine der Familie gefunden hat, wird die Übersiedlung nicht genehmigt. Drei Menschen, für die es ein Zuhause gebe, müssen weiterhin im Freien schlafen. In einem offenen Brief hat sich die Bloggerin an das Bundesministerium für Inneres gewandt. Darin schildert sie die unmenschlichen Zustände vor Ort und erzählt von den amtlichen Hürden, mit denen Helfer zu kämpfen haben.

Am Donnerstag zeigte sich dann, dass der Aufschrei Erfolg hatte. Die Familie konnte untergebracht werden. Dariadaria postete auf Facebook: "Ich freue mich euch mitzuteilen, dass ich die irakische Familie soeben in ihre neuen Unterkunft gebracht habe. Sie sind erschöpft, krank und haben vorerst endlich das was sie verdient haben: Frieden."

Hier Madeleine Alizadehs Brief:

Sehr geehrte Beamtinnen, sehr geehrte Beamten,

ich, österreichische Staatsbürgerin, möchte mich mit diesem Schreiben an Sie wenden, da Sie uns ÖsterreicherInnen am 17. August 2015 um Hilfe gebeten haben. Sie haben an unsere konstruktiven Kräfte appelliert, von einem seriösen und sachlichen Dialog gesprochen. Sie sprachen von Zusammenarbeit.

Ich heiße Madeleine Alizadeh, bin 26 Jahre alt und seit einigen Wochen fahre ich fast täglich von Wien nach Traiskirchen. Ich kenne die Menschen dort beim Vornamen, weiß welches Kind welche Süßigkeiten gerne isst. Ich habe syrische Freunde gefunden mit denen ich am Sonntag essen gehe, während sie mir Schnitzel kauend arabische Wörter beibringen und ich ihnen versuche zu erklären wieso ich kein Fleisch esse. Ich whatsappe täglich mit Menschen die in Zelten schlafen, ich schicke ihnen Fotos vom Sofa Zuhause, sie schicken mir Selfies aus dem Zelt. Sobald es zu regnen anfängt wird mir übel, weil ich weiß dass das bedeutet dass meine Freunde jetzt frieren. Ich erkenne Telefonstimmen vom Diakonie Wohnservice schon beim Namen, oft schmunzeln wir wenn wir zum 4. mal in Folge an einem Tag telefonieren und ich „kenne“ die Menschen am Telefon schon so gut, dass ich mich nicht mal mehr schäme wenn ich vor lauter Verzweiflung ins Telefon schluchze. Ich übersetze Arabisch mit Google Translate und ärgere mich einmal mehr dass mein iranischer Vater nie Farsi mit mir gesprochen hat, weil ich meine afghanischen Freunde nicht verstehe. Meine Wohnung ist ein Lager aus Männerschuhen in Größe 40 bis 43 (ja, Syrer haben kleinere Füße als Österreicher), Schlafsäcken, Trolleys (Flüchtlinge brauchen auch Gepäck) und Dingen die ich vorher nicht kannte (Milchpulver für Babies? Was ist das?). Ich habe meinen Job liegen gelassen, beantworte seit mehreren Wochen fast keine Mails mehr und widme mich nur mehr der Flüchtlingsthematik, weil meine Eltern mir beigebracht haben nicht wegzuschauen wenn jemand in Not ist.

Sie, das Bundesministerium für Inneres, haben sich an mich gewendet. Ich nehme Ihre Worte ernst, so wie es sich für eine devote und obrigkeitshörige Bürgerin gehört. Und weil ich Ihr Schreiben vom 17. August 2015 so ernst genommen habe, habe ich eine Unterkunft organisiert. Für eine irakische Familie. Eine Familie, deren Haus und Garten im Irak zerbombt wurde. Eine Familie, die einen Fußmarsch durch sämtliche osteuropäischen Länder hinter sich hat. Ein Vater, dessen Bruder erschossen wurde. Eine Mutter, die bereits zwei Fehlgeburten hinter sich hat. Ein Sohn, dem ein besseres Leben ermöglicht werden soll. Eine Familie, die in Traiskirchen nach dem Aufnahmestop angekommen ist und 3 Tage in einem Bus festgehalten wurde. Eine Familie, die täglich von der Polizei vor Ort beschimpft und bedroht wird. Eine Familie für die ich eine Lösung finden wollte. Weil Sie uns BürgerInnen um Lösungen gebeten haben.

Diese Familie hat ein Zuhause das sie nicht beziehen kann. Ein warmes Bett im Haus einer österreichischen Familie, die sie aufnehmen würde. Seit Tagen telefoniere ich mehrmals täglich, schreibe E-Mails, fülle Anträge aus, weine, schreie, fühle mich gelähmt und innerlich zertsört. Weil ich helfen möchte und nicht kann. Ich bin der deutschen Sprache mächtig, habe einen Hochschulabschluss, kenne mich als Selbstständige mit dem österreichischen Bürokratiedschungel ganz gut aus und bin sehr belastbar. Und trotzdem wird es mir unmöglich gemacht zu helfen.

Wie Sie bereits geschrieben haben: pro Woche suchen 1600 Menschen Schutz in Österreich.  Sie schreiben: „In den nächsten Monaten – vor allem vor Einbruch des Winters – muss alles unternommen werden, um Obdachlosigkeit zu vermeiden.“ Sie schreiben auch, dass konstruktive Bemühungen, Quartiere zu realisieren und damit Menschen ein festes Dach über den Kopf zu geben, teils auf unterschiedlichen Ebenen auf Widerstand stoßen.

Den einzigen Widerstand auf den ich stoße sind Sie, liebes Bundesministerium für Inneres.
Als österreichische Staatsbürgerin hatte ich bisher eine ganz gute Beziehung zu meinem Heimatland. Doch wir stecken in einer nachhaltigen Beziehungskrise. Es liegt nicht an mir, es liegt an Ihnen. Ich habe in dieser Beziehung mein Bestes gegeben: kommuniziert, respektiert, vertraut. Alles was man in einer gut funktionierenden Beziehung halt so berücksichtigt. Ich versuche mit allen Mitteln Ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen, doch Sie ignorieren mich und die Hilfe, die ich anbiete.

Familie K. aus dem Irak schläft während ich diese Zeilen schreibe in einem komplett durchnässten Zelt in der Akademiestraße in Traiskirchen. 60 km entfernt steht Frau V. in dem Haus das ich vermittelt habe vor einem leeren Zimmer. Die Betten sind frisch bezogen, drei Handtücher liegen drauf: eines für die Mutter, eines für den Vater und eines für den Sohn. Jeden Tag schreibe ich Herr K.: „Bitte lassen Sie den Kopf nicht hängen. Ich finde eine Lösung.“

Ich bin an dem Punkt angelangt wo ich nicht mehr weiß ob diese Lösung tatsächlich existiert. Ich bin an dem Punkt angelangt wo ich nicht mehr weiß ob Souveränität real oder ob nur ein abstrakter Begriff ist, den ich mal im Gymnasium aufgeschnappt habe.
Ich bin an dem Punkt angelangt wo ich nicht mehr weiß was ich tun soll.

Denn ich bin verzweifelt. Weil ich helfen möchte und Sie mich nicht lassen.

Hochachtungsvoll,
Madeleine Alizadeh.


Unterkünfte organisieren
Wollen Sie helfen? Bitte wenden Sie sich an die Wohnberatung der Diakonie NÖ oder gehen Sie auf www.fluechtlinge-willkommen.at

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