Welche Risiken Brustimplantate wirklich bergen

Das sagt der Experte

Welche Risiken Brustimplantate wirklich bergen

Eine aktuelle Meldung aus Frankreich sorgt derzeit für große Verunsicherung. Brustimplantate mit einer „texturierten, rauen“ Oberfläche stünden laut Gesundheitsbehörde in Zusammenhang mit einer „bedeutenden Zunahme“ an Krebsfällen. Seit diesem Jahr seien unter rund 500.000 Trägerinnen von Brustimplantaten in Frankreich 56 Fälle einer seltenen, aggressiven Krebsform – des anaplastischen großzelligen Lymphoms (ALCL) – registriert worden. Frankreich zieht deshalb einige Modelle aus dem Verkehr. Eine Empfehlung, gewisse Implantate austauschen zu lassen, gibt es bis dato jedoch nicht. Was ist also dran an der Schockmeldung? Und müssen sich Trägerinnen Sorgen machen? gesund&fit fragte beim Leiter des Brustgesundheitszentrums der Medizinischen Universität Wien, Prof. Dr. Florian Fitzal, nach. 
 
Herr Professor, müssen sich Trägerinnen in Österreich sorgen machen? 
Prof. Florian Fitzal: Frauen auf der ganzen Welt sollten sich insofern keine großen Sorgen machen, da das Risiko sehr gering ist. Sie müssen sich keinesfalls einer Explantation unterziehen. Die derzeitigen Daten – erhoben über die letzten 20 Jahre – zeigen, dass eine von circa 10.000 Frauen mit Brustimplantaten so eine seltene Lymphomart entwickeln kann. Doch auch, wenn das Risiko als gering einzustufen ist, ist eine Aufklärung sehr wichtig. Denn Tatsache ist, dass es sich hier um eine  Krebserkrankung handelt, die unmittelbar durch Implantate verursacht wird.  
 
Was raten Sie Trägerinnen sogenannter ­texturierter Implantate?
Prof. Fitzal: Generell sollten Implantatträgerinnen regelmäßig eine Magnetresonanz-Untersuchungen in einem zertifizierten radiologischen Zentrum durchführen lassen (Anm.: Liste aller rund 180 Einrichtungen auf www.frueh-erkennen.at). Ich rate – vor allem Frauen ab 40 – zu einer einmal jährlichen Untersuchung. Mit der MR-Mammografie ist die Trägerin auf der sicheren Seite, da Veränderungen rechtzeitig entdeckt und somit gut behandelt werden können. Achten sollte man dabei vor allem auf Kapselverdickungen, auch Serome genannt. Das sind Flüssigkeitsansammlungen im Bereich der Kapsel, die sich um das Implantat bildet. Im schlimmsten Fall, wenn sich z. B. über längere Zeit Veränderungen zeigen, muss das Implantat  ausgetauscht werden.   
Worauf können beziehungsweise sollten Frauen, die einen Eingriff planen, in Sachen Implantatwahl achten?
Prof. Fitzal: Ein Muss in der EU ist eine CE-Zulassung  – sprich eine Marktzulassung für das Produkt. Zudem muss es für jedes Implantat einen Pass geben, der nach dem Eingriff ausge­händigt wird. Nach diesem kann man sich im Vorfeld erkundigen. Weiters sollte der Chirurg beim Vorgespräch unterschiedlichste Produktgruppen vorzeigen und die Vor- beziehungsweise Nachteile der diversen Modelle beschreiben können. 
 
Sollten man Ihrer Meinung nach von rauen ­Modellen Abstand nehmen?
Prof. Fitzal: Wir haben das Gefühl, dass raue Implantate ein höheres Risiko als glatte vorweisen. Dennoch ist es aus wissenschaftlicher Sicht verfrüht, gewisse Modelle zu verbannen. Vor allem, da raue Modelle – u. a. in Sachen Halt – große Vorteil gegenüber den glatten haben.  

Welchen Patientinnen  würden Sie generell vom Einsatz von Implantaten abraten? 
Prof. Fitzal: Es gibt Hinweise darauf, dass der Einsatz von Fremdgewebe nicht ideal ist bei Frauen, die eine gewisse Systemerkrankung aufweisen –  wie z. B. Morbus Crohn oder das Sjögren-Syndrom. Es könnte durch den Einsatz zu einer überschießenden Immun­reaktion kommen. Andere Risikofaktoren und -gruppen betreffend liegen uns noch zu wenig Daten vor.   
 
Der Einsatz von Brustimplantaten ist Teil der onkologischen Brustbehandlung geworden. Welche Innovationen gibt es im Bereich der ­Rekonstruktion nach Brustentfernung? 
Prof. Fitzal: Hervorzustreichen sind die neuesten Entwicklungen im Bereich der Texturierung. Implantate sind weicher, formstabiler und haltbarer geworden. Das Angreifgefühl hat sich stark verbessert. Ob der Verbesserungen erzielt man bessere ästhetische Ergebnisse und muss nicht – wie früher üblich – zum Eigengewebe greifen. Innovativ sind auch die ultraleichten Implantate, die sich zudem sehr weich anfühlen. Die neuen Implantate ermöglichen zudem eine schonendere Einbringung. Diese kann mittlerweile direkt unter der Haut erfolgen. Der Brustmuskel bleibt unangetastet. Das reduziert die postoperativen Schmerzen und das Ergebnis fällt weitaus natürlicher aus als bei einer – wie früher üblich – Einbringung unter dem Brustmuskel.     

Abschließend: Was raten Sie Frauen, die sich einer Brustoperation unterziehen wollen?  
Prof. Fitzal: Suchen Sie sich einen erfahrenen Chirurgen aus, der Sie umfangreich aufklärt. Und ganz wichtig: Lassen Sie die Nachsorge immer beim Spezialisten durchführen. 
 
Prof. Dr. Florian Fitzal
Prof. Dr. Florian Fitzal, MBA FEBS ist Facharzt für Allgemeine Chirurgie und Viszeralchirurgie. Er ist Leiter der Brustchirurgie im  Brustgesundheitszentrum der Medizinischen Universität Wien und führt zwei Ordinationen in Wien; www.fitzal.at

News aus der Chirurgie
Bessere Implantate
– Neue Texturierungen: „Brustimplantate“, so Prof. Fitzal, „haben sich im Bereich der Texturierung stark verbessert. Sie sind weicher geworden, halten besser, greifen sich wie Eigengewebe an und wachsen schneller ins Gewebe ein, wodurch das Risiko sinkt, dass sie verrutschen. Hervorzustreichen sind hier die Polyurethan-Brustimplantate.“
– Weniger Gewicht: die Ultraleichtimplantate empfiehlt Prof. Fitzal ab einem Gewicht von ca. 400 Gramm.  
 
Neue Methoden
Der Trend sowohl bei der Rekonstruktion als auch beim rein ästhetischen Eingriff: Es wird nicht mehr hinter dem Brustmuskel implantiert, sondern vor dem Brustmuskel (Präpektorale Implantateinlage) – also direkt unter der Haut.  Dies ist weniger invasiv (Patientin verspürt nach dem Eingriff  weniger Schmerzen) und sorgt für ein natürlicheres Ergebnis (harmonischer Übergang, keine „Hügelbildung“). Möglich wird diese schonendere Einbringung  durch die neuen, sehr weichen Implantate, die sich besser integrieren und kaum verrutschen. „Durchgesetzt“, so Prof. Fitzal, „hat  sich der Schnitt in der Brustumschlagsfalte. Er bietet das geringste Risiko.“ 
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