Ballett-Tanz der Tränen

Betroffene über den Missbrauchs-Skandal

Ballett-Tanz der Tränen

E s sind traurige Enthüllungen, die im 150. Jubiläumsjahr der Wiener Staatsoper durch die Medien gehen. Denn in der dazugehörigen Ballettakademie sollen, wie die Stadtzeitung „Falter“ kürzlich publik machte, Misshandlungen und übergriffige Trainingsmethoden an der Tagesordnung stehen – oder: gestanden haben, wenn es nach der Staatsopernleitung wie auch der Kinder- und Jugendschutzanwaltschaft geht, die seit Herbst 2018 in der Causa ermittelt.   
 
Machtcluster. Der Großteil der Vorwürfe betrifft Ballettlehrerin Bella R., die zuletzt die achte Klasse der Akademie unterrichtete und dabei verletzend agiert haben soll: So berichteten Schülerinnen im ­„Falter“ von verbalen Demütigungen, aber auch davon, dass sie von R. im Unterricht blutig gekratzt und an den Haaren gerissen worden seien. Die Ballettlehrerin – die ihren Schülerinnen stets „gute Ergebnisse gebracht“ haben soll – wurde im Jänner gekündigt,  seither hat Akademie-Direktorin Simone Noja ihre Klasse übernommen. Noja war diejenige, die Bella R. 2012 erneut an die Schule geholt hatte, obwohl diese bereits einmal dort gekündigt worden war. Laut der Presseabteilung der Wiener Staatsoper sei die Russin 2003 von dem damaligen künstlerischen Leiter der Ballettschule, Renato Zanella, aufgrund „sprachlicher Probleme“ entlassen worden. Bis zu ihrer Wiedereinstellung habe Bella R., die dazwischen auch an der Mailänder Scala unterrichtete, eine Lehrerfortbildung absolviert, die sie für Noja offenbar restitutionswürdig machte. Abseits ihres Statements bei der ersten Pressekonferenz vergangene Woche zeigte sich die Akademie-Direktorin derzeit jedoch zu keinen weiteren Interviews bereit. Sie wolle sich nun um „ihre Schüler und Schülerinnen“ kümmern, wie André Comploi, Pressechef der Wiener Staatsoper, erklärte.  Doch die „Staatsopern-Tragödie“ lässt sich nicht nur an einer gewalttätigen Lehrerin und einem angeblichen Missbrauchs-Fall (die Staatsanwaltschaft ermittelt) festmachen, sondern zeigt systemische Grundproblematiken auf, denen sich die elitäre Ballettwelt nun stellen muss.          
 
Regimewechsel. „Es gab schon Klassen, vor denen man sich gefürchtet hat“, erzählt uns Gabriela M. (Name von der Redaktion geändert), die Anfang der 2000er fünf Jahre lang ihre Ausbildung an der Akademie genoss. Darunter fielen keinesfalls nur die der berüchtigten Bella R.  Auch wenn sie selbst keine körperliche Gewalt erlebt hat, erinnert sich Gabriela M. an eine Lehrerin, die in den Trainings schon mal einen ihrer Charakterschuhe (Anm. der Red.: Tanzschuhe mit Absatz) ausgezogen hat, um  eine Mitschülerin damit zu maßregeln. Verbale Demütigungen sollen gang und gäbe gewesen sein: „Ich kann mich erinnern, dass ich in einer Einheit die Choreografie mehrfach nicht geschafft habe, worauf mir die Lehrerin dann gesagt hat, dass ich in die Integrationsklasse rübergehen möge, wo die Kinder mit geistigen Behinderungen tanzen.“ 
 
Ähnliches berichtet Laura Fischer, die ebenfalls an der Akademie ausgebildet wurde, mit vierzehn jedoch aus der Schule ausscheiden musste. „Ich war immer im Mittelfeld, nicht bei den Besten, aber auch nicht im unteren Leistungsbereich. Aber nach dem Führungswechsel bat mich die Direktorin zu einem Einzelgespräch. Ich weiß noch genau, wie sie zu mir sagte, dass ich nie eine Tänzerin werden kann, weil ich nicht den Körper dafür habe. Ich solle lieber Schwimmerin werden.“ Sie erinnert sich daran, dass mit dem Führungswechsel von Renato Zanella zu Jolantha ­Seyfried, ein autoritärer Wind in die Akademie wehte. Sie verlangte von ihren Schülern und Schülerinnen, dass sie „knicksen“ sollen, außerdem mussten sich die Eleven wöchentlich auf die Waage stellen. „Wer zu schwer war, durfte kein Pas de deux machen und wurde vom Unterricht ausgeschlossen.“ Mit verpflichtender psychologischer oder ernährungswissenschaftlicher Unterstützung konnten die pubertierenden Jugendlichen jedoch nicht rechnen. Mitunter ein Grund, warum Fischer sich ein wenig über Seyfrieds aktuelles Auftreten irritiert zeigt. So behauptete diese u. a. bei „Im Zentrum“, während ihrer aktiven Zeit „kein Gehör“ für Strukturänderungsvorschläge gefunden zu haben. So fordert sie von der Politik eine „verpflichtende Ballettpädagogenausbildung“. Bis jetzt wurden die Schüler und Schülerinnen vornehmlich von Lehrpersonen unterrichtet, die selbst als Tänzer Kar­riere gemacht haben, aber nicht zwingend pädagogisch ausgebildet wurden.           

Pädagogisch verwerflich. Ein enormes Problem, wie Sportpsychologin Mag. Andrea Engleder konstatiert: „Die Leistung darf niemals psychische und körperliche Gewalt rechtfertigen. Das Problem ist, dass TrainerInnen oftmals aus Mangel an Wissen/Erfahrung über Alternativen, wie man SportlerInnen motiviert bzw. zu Höchstleistungen pusht, agieren, wenn sie zum Mittel der Angst greifen. Man darf nicht vergessen, dass die TrainerInnen unter einem genauso hohen Leistungsdruck stehen wie ihre anvertrauten SportlerInnen. Die eigene Karriere und Reputation, meinen sie, hängt von der Leistung ihrer Schützlinge ab. Aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit und dem Erfolgsdruck kommen sie in eine ausgesprochen innerpsychische Not und greifen auf das Mittel der psychischen und/oder körperlichen Gewalt zurück. Auch kennen TrainerInnen mitunter diese Trainingsform aus der eigenen Ausbildungszeit. Und in einer verdrehten Art und Weise rechtfertigt dieser Erfolg von damals oftmals das Mittel, es selbst so an die eigenen SportlerInnen weiterzugeben.“ Die Debatte rund um die Ballettakademie der Wiener Staatsoper eröffnet auch die generelle Frage, wo im Profi-Sport Grenzen liegen. Engleder zieht die Grenze klar dort, „wo die Würde und ­körperliche Unversehrtheit der Person in irgendeiner Weise verletzt wird, und dies altersunabhängig“. „AusbildnerInnen haben sich bewusst zu machen, dass sie mit ihrem Verhalten einen sehr großen Einfluss auf die Entwicklung der Körperwahrnehmung, des Selbstbewusstseins und der Identitätsfindung von Heranwachsenden haben. Sie verinnerlichen diese Bilder der Bewertung ihres Körpers, Essens, Persönlichkeit in dieser Entwicklungsphase und nehmen dies auch nach dem Karriereende mit.“ 
 
Mag. Andrea Engleder © Foto: BARBARA E. GRABENBAUER
Mag. Andrea Engleder ist Klinische und Gesundheitspsychologin und Leiterin des sportpsychologischen Kompetenzzentrums Wien. 
 
    
Lebenswege. Im Kontrast zu den zahlreichen Vorwürfen gegenüber der Ballettakademie behauptet Natascha Mair, die ebenfalls an der Akademie ausgebildet wurde und vergangenen Dezember zur ersten Solo-Tänzerin an der Wiener Staatsoper aufstieg, keinerlei Übergriffe erlebt oder mitbekommen zu haben. Die 24-Jährige habe in ihrer Zeit „nur gute Erfahrungen“ gemacht, auch mit Bella R., die für sie und ihren Tanzpartner Jakob Feyferlik eine Choreografie konzipiert hatte, sei sie gut zurechtgekommen (das Interview im Kasten unten). „Ich mochte sie eigentlich gerne. Sie hat viel von uns verlangt, aber nur deswegen konnten wir auch viel lernen.“ Sie sei auch nie handgreiflich gegenüber ihr und Feyferlik geworden, dennoch wolle sie die Anschuldigungen anderer Schüler und Schülerinnen nicht in Frage stellen. Für Laura Fischer hingegen hätte es, wie sie im Gespräch betont, nach dem Rauswurf von der Akademie nicht besser laufen können. Die 28-Jährige wechselte ans Konservatorium Wien und wurde danach an der Oper Graz engagiert. Entgegen den Worten von Jolantha Seyfried ist sie Tänzerin geworden und lebt ihre Leidenschaft in freischaffenden Produktionen und als Teil des ImpulsTanz-Festival-Organisations-Teams. „Es ist wichtig, dass jetzt tatsächlich Reformen umgesetzt werden, und gerade junge Menschen verstehen lernen, dass sie auch abseits des klassischen Tanzes ihren Weg gehen können.“ 

Die Aufklärungsarbeit beginnt
Krisenreaktion. Angesichts der Missstände in der Ballettakademie der Staatsoper beauftragte Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) vergangene Woche die Bundestheaterholding mit der Einrichtung einer Sonderkommission. Mittlerweile sind drei Mitglieder bekannt: Brigitte Bierlein, Martina Fasslabend und Ulrike Sych. 
 
Expertenrunde. Brigitte Bierlein, Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes, wurde für den Bereich Recht und Opferschutz nominiert – und Martina Fasslabend, Präsidentin des Kinderschutzpreises MYKI, für den Bereich psychologische Fachexpertise. Ulrike Sych, Rektorin der Universität für Musik und darstellende Kunst, wird für den Bereich Pädagogik zuständig sein. Sie hatte vor genau ­einem Jahr einen Cello-Professor fristlos entlassen, weil er seine Macht in sexueller Hinsicht missbraucht haben soll. Ziel sei einerseits die „lückenlose und transparente Aufklärung aller Vorwürfe“ und andererseits die Erstellung ­eines Maßnahmenplans, um 
Wiederholungsfälle auszuschließen. Mag. Ercan Nik Nafs von der Kinder- und Jugendschutzanwaltschaft „begrüßt“ die Einrichtung einer Sonderkommission zu den Vorfällen, findet es aber schade, „dass wir nicht Teil der Kommission sind“.

 

Natascha Mair (24) im Talk
 
Natascha  Mair © Viktoria Andreeva

„Für manche ist das nichts“ 

 
Sie sind seit dem vergangenen Dezember erste Solotänzerin der Wiener Staatsoper, haben dafür, seit Sie sieben Jahre alt sind, an der Ballettakademie gelernt. Wie haben Sie die Enthüllungen rund um die Schule wahrgenommen bzw. wie haben Sie Ihre eigene Ausbildungszeit erlebt?  
Natascha Mair: Seit ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, habe ich natürlich nicht mehr so viel von der Schule mitbekommen. Ich kann nur für die Zeit sprechen, zu der ich selbst dort war. Sexueller Missbrauch ist natürlich ein absolutes ­No-Go. Was die Lehrerin betrifft, kann es natürlich von den Schülern unterschiedlich aufgefasst werden. Ich will sie nicht verteidigen. Aber es gibt bestimmte Momente im Ballett, wo man jemanden angreifen muss, um ihn zu korrigieren.    
 
Kann man Ihrer Meinung nach im Ballett auch ohne Drill an die Spitze kommen? 
Mair: Im Großen und Ganzen kommt man mit Kuschelpädagogik im Ballett nicht weit. Es ist ein harter Job, man muss ständig Hochleistungen bringen, egal wie man sich an gewissen Tagen fühlen mag. Wenn Kinder in der Ausbildung das nicht verkraften, dann wäre es natürlich nicht schlecht, ihnen psychologische Betreuung anzubieten, für manche ist es aber vielleicht auch einfach nichts. Man muss in diesem Beruf sehr viel aushalten, keine psychischen Attacken, aber man braucht schon ein starke Persönlichkeit. Ein abendfüllendes Ballett zu tanzen,  drei oder vier Akte durch, ist unglaublich anstrengend.     
    
Als Schülerin der Akademie ist man oft Teil der  Opern-Produktionen. Eine Ex-Schülerin sagte in einem ORF-Interview, dass sie für eine ganze abendfüllende Vorstellung sieben Euro bekommen hat, für die Proben noch weniger. Finden Sie das gerecht?  
Mair: Für uns als Schüler war das eine ­große Ehre, auf der Bühne zu stehen. Und meiner Meinung nach ist eine solche Erfahrung unbezahlbar. Das ist eine enorme Chance, schon in jungem Alter tatsächlich Bühnenerfahrung zu sammeln.  
 
Aktuell wird seitens der Akademie darauf gepocht, das Fach Body Awareness verpflichtend einzuführen. Hatten Sie damals Unterricht in diese Richtung?       
Mair: Wir hatten das damals sogar. Ich weiß nicht, anscheinend ist es in den letzten Jahren vom Lehrplan verschwunden. Dort habe ich gelernt, meinen Körper bewusster wahrzunehmenen, um auf ihn auch achten zu können. 
Diesen Artikel teilen:

Posten Sie Ihre Meinung

Kommentare ausblenden
Diese Website verwendet Cookies
Cookies dienen der Benutzerführung und der Webanalyse und helfen dabei, die Funktionalität der Website zu verbessern, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Impressum  
Hier anmelden
Dauert nur 10 Sekunden
Impressum
X