Desirée Treichl-Stürgkh & Eva Glawischnig

Eine Frage des Stils

21.09.2009

In ihrem Buch verrät die Opernball-Chefin wichtige Stilregeln. In MADONNA talkt sie mit Eva Glawischnig über Etikette in der Politik.

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© chrissinger.com
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Manchmal wissen wir nicht, wie wir uns verhalten oder bewegen sollen“, schreibt Neo-Buchautorin Desirée Treichl-Stürgkh (44) im Vorwort ihres soeben erschienenen Werks Lebensstil, mit dem die Opernball-Chefin nun zu eben solchem verhelfen will.MADONNA druckt nicht nur die hilfreichen Tipps ab, sondern bat auch zum ungewöhnlichen Talk zwischen Grüne-Chefin Eva Glawischnig (40) und Desirée Treichl-Stürgkh. Das Thema: „Wie viel Stilschule braucht Österreichs Politik?“

Bedarf es in Österreich denn wirklich einer Stilschule?
Desirée Treichl-Stürgkh: Na ja, das Buch ist keine richtige Stilschule, sondern ein augenzwinkernder Guide, der vor allem aus meinen Erfahrungen der letzten Jahre entstand.
Einerseits mit der Presse und mit dem Job beim Opernball, andererseits aber auch mit der Finanzkrise und mit dem nicht mehr so guten Ton, der immer öfter zwischen den Menschen herrscht.

Frau Glawischnig, in dem Buch geht es um wichtige Stilfragen – wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Eva Glawischnig: Etwas was mich persönlich sehr ausmacht, ist, dass ich immer wieder an gewisse Grenzen gehen muss. Dass ich zwar sehr wohl weiß, wie man sich verhalten sollte, aber mitunter auch eine Spur darüber hinaus gehe. Dadurch polarisiere ich manchmal – Grenzüberschreitungen sind für die Gesellschaft genauso wichtig wie Grenzen.

Frau Treichl-Stürgkh, sind solche Grenzüberschreitungen laut Ihrem Guide denn erlaubt?
Treichl-Stürgkh: Kommt darauf an, wo. Wenn sie notwendig sind, um etwa seiner Meinung Ausdruck zu verleihen und zur eigenen Persönlichkeit passen, natürlich! Ich glaube, dass es bei Frau Glawischnig ganz wichtig ist, dass sie ihren Standpunkt, dass auch Frauen in der Politik ihre Weiblichkeit unterstreichen dürfen, intensiv zeigt.

Werden in der Politik aber nicht oft Grenzen überschritten, die eigentlich nicht überschritten werden sollten?
Treichl-Stürgkh:
Du meine Güte (lacht), ja! Meine persönliche Meinung ist: Politik und Stil haben leider meistens nicht sehr viel miteinander zu tun. Ich freue mich ja so, dass mit Obama jetzt ein neuer Stil aufgekommen ist. In Österreich wird auf politischer Ebene leider so vieles einfach hinausgeschrien, ohne auf menschlicher Ebene auf den anderen einzugehen. Das halte ich für besonders stillos.
Glawischnig: Obamas Stil halte ich auch für spannend. Der macht Dinge, die würde es in Österreich nicht geben. Ein österreichischer Politiker würde nie sagen: „Das ist das Beste, was mir eingefallen ist, aber wenn jemand eine bessere Idee hat, ist er oder sie herzlich eingeladen – die führen wir dann gemeinsam aus.“ In Österreich wäre das völlig unmöglich. Hier ist vieles ritualisiert. Man findet sich immer selbst gut und die anderen schlecht. Ich glaube, dieser Stil geht sehr vielen Menschen auf die Nerven.
Treichl-Stürgkh: Was fehlt, ist, dass man sich im Parlament auch einmal gegenseitig lobt und nicht nur neidig ist. In Österreich regiert ein bisschen die Neidgesellschaft – dem Thema Neid widme ich mich in meinem Buch deshalb auch.
Glawischnig: Das ist das, was ich an Alexander Van der Bellen als Politiker so schätze – dass er sein Gegenüber immer mit Respekt behandelt und bemüht ist, auch Positives zu finden. Verletzende Dinge würde er nie in den Mund nehmen.

© Christian Brandstätter Verlag
Lebensstil heißt das neue Buch von Desirée Treichl-Stürgkh (Verlag Brandstätter, 19,90 Euro), in dem die dreifache Mutter ihr Know-how weitergibt.

Politiker werden ja rhetorisch gecoacht – gibt es auch Coachings für Stilfragen?
Gglawischnig:
Nein, üblich ist nur, die Kommunikation zu trainieren. Ich habe zum Beispiel daran gearbeitet, langsamer zu sprechen und Punkte zu machen.

Frau Treichl-Stürgkh, sehen Sie darin ein Manko, dass Politiker kein Stil-Coaching bekommen?
Treichl-Stürgkh:
Nein, weil ein Politiker nicht über seinen Anzug oder über seine Krawatte wirken sollte, sondern eher über Inhalte. Obwohl: Jeans oder Turnschuhe bei einem Staatsbankett finde ich nicht so prickelnd. Aber sonst im Parlament kann es, denke ich, schon legerer zugehen.

Sie sind beide Mütter von Söhnen – welche Stilregeln möchten Sie ihnen mitgeben?
Treichl-Stürgkh:
Gute Erziehung ist alles. Ich habe viel von meinen Eltern, solange sie noch lebten, und von meiner Großmutter gelernt. Ich musste als Kind gewisse Regeln einhalten – und die versuche ich auch meinen Kindern mitzugeben. Da bin ich schon streng. Ohne Händewaschen zum Tisch oder ohne Zähneputzen ins Bett geht nicht.
Glawischnig: Da krieg’ ich gleich ein schlechtes Gewissen (lacht). Aber: Grenzen zu ­setzen, ist sehr wichtig. Richtig mitreden kann ich noch nicht. Beim Dreijährigen versuchen wir es gerade. Entscheidend für die positive Entwicklung der Gesellschaft ist, dass Kinder Mitgefühl für andere erlernen.
Treichl-Stürgkh: Ja, deshalb habe ich meine Söhne auch in Integrationsklassen gegeben, was anfangs von vielen kritisiert wurde.

Frau Glawischnig, Sie setzen sich vehement für die Gleichstellung von Mann und Frau ein – Desirée Treichl-Stürgkhs Buch bedient aber in Sachen Benimmregeln doch so manches Klischee. Stört Sie das?
Glawischnig: Also, ganz ehrlich: Mir ist das vollkommen wurscht, wer mir die Tür aufhält, solange Frauen gleich viel verdienen wie Männer. Man kann sich vielleicht über solche Themen erzürnen, ich tue das nicht. Mir ist wichtiger, dass über entscheidende Fragen diskutiert wird, wie etwa Gratiskindergärten in ganz Österreich.

Welchen Stil-Fauxpas haben Sie sich schon einmal geleistet?
Treichl-Stürgkh:
Eine verfängliche Frage, die ich wohl jetzt lieber nicht beantworte.
Glawischnig: Mir wurde des Öfteren mein Hochzeits-Outfit (bauchfrei, Anm.) vorgeworfen. Ich würde ganz genauso wieder heiraten, weil ich finde, dass es niemanden auf der Welt etwas angeht, ob man einen Streifen Haut von mir sieht. Und ganz prinzipiell regt mich die Frage auf, was frau darf und was nicht...

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Desirée Treichl-Stürgkh und Eva Glawischnig im Talk mit Daniela Schimke. Bild: (c) chrissinger.com

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