Frau alt

Langlebigkeitsforschung

Jugend konservieren mit Spermidin

Die Langlebigkeitsforschung ist dem Alterungsprozess auf der Spur und entdeckt dabei immer mehr Methoden, Abbau-Prozesse zu verlangsamen. Ein Ansatz ist die Ankurbelung eines körpereigenen Detox-Programms namens Autophagie.   

Egal wie alt man ist, man ist zumeist von Älteren umgeben, die einem seine Zukunftsaussichten gehörig verleiden können: „Du wirst sehen, wenn du erst mal 25 bist …!“, „Ab 30 – da geht es bergab“. Und lauscht man so mancher Schilderung, braucht man 40, 50, … erst gar nicht zu werden.

Älter werden und alt sein – das ist mit dem stark leistungsorientierten Weltbild nur schwer vereinbar. Schließlich gilt Altern als eine Art Systemversagen, das mit kontinuierlichem Verfall und Abbau assoziiert ist. Die Vergänglichkeit steht im Dienste der Evolution, wenn man es mit der „Disposable Soma Theory“ hält. Von der „Theorie vom Körper, der gleichsam überflüssig wird“, berichten die Autoren des neuen Ratgebers „Die Jungbrunnen-Küche“, Margit Fensl, P. A. Straubinger und Nathalie Karré. „Der alte Körper wird entsorgt, um neuen, durch geschlechtliche Fortpflanzung verbesserten Körpern Platz zu machen. Organismen verfügen über zahlreiche Reparaturverfahren, um gealterte Zellen oder ganze Organe zu ersetzen. Mit zunehmendem Alter steckt der Körper aber immer weniger Energie in seine Erneuerung, sodass sich die Mechanismen des Alterns so lange entfalten, bis der Körper nicht mehr lebensfähig ist“, so die Autoren. Die Langlebigkeitsforschung hat es sich zum Ziel gesetzt, diesen Mechanismen zu entkommen. Alt werden will niemand, aber alle wollen lange leben – ein langes Leben in voller Kraft, Gesundheit und Wohlbefinden verbringen.

Was uns altern lässt

Ansätze, Alterungsprozesse einzudämmen, gibt es bereits einige. Sie setzen bei der Verhinderung beziehungsweise Reparatur von Zellschäden an, die sowohl interner als auch externer Natur sein können. Viele der Altersbeschleuniger sind alte Bekannte: UV-Licht, Umweltgifte, Konservierungsstoffe, Genussmittel, Stress, wenig Schlaf … In jungen Jahren – und hier schließt sich der Kreis – steckt man vieles weg. Lange (Party-)Nächte, Fast Food & Co.: Als Twen kein Problem. Der Körper ist da nämlich noch ein wahres Regenerationswunder. Doch die körpereigene Reparaturfähigkeit nimmt – beginnend mit etwa Mitte 20 – ab. Systemfehler schleichen sich nach und nach ein.

Regeneration ankurbeln

Die Forschung kennt mittlerweile zahlreiche Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, um Zellen zu schützen und die Zellregeneration lebenslang zu unterstützen. So weiß man um altersbeschleunigende Gewohnheiten Bescheid, die durch einen optimierten Lebensstil (Anm.: natürliche, nährstoffreiche Ernährung, Rauchstopp, Stressreduktion, Bewegung ...) eliminiert werden können.

Mit der Autophagie wurde vor wenigen Jahren zudem die körpereigene Müllabfuhr entdeckt, die nachweislich zellverjüngend und somit erhaltend wirkt. Gerät dieses Recyclingprogramm, das eigenständig zellulären Abfall verwertet und beschädigtes Zellmaterial damit repariert, durch den natürlichen Alterungsprozess ins Stocken, kann es wieder angekurbelt werden. Und zwar ebenfalls durch Lebensstilmaßnahmen: allem voran das Fasten.

„Müllabfuhr“ starten

Durch Perioden ohne Nahrungszufuhr wird der Körper dazu gebracht, zugeführte Energie und durch den Stoffwechsel entstandene Abfallprodukte restlos zu verarbeiten – mit höchst positivem Effekt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass dieses Zellverjüngungsprogramm vor einer ganzen Reihe von Erkrankungen schützen kann. Studien zufolge stärkt es die Herzfunktion, ­Knochen und Knorpel, Muskelfunktion sowie Immunabwehr und wirkt neurodegenerativen Erkrankungen, wie Demenz, entgegen. Damit kann die Autophagie unser Leben um Jahre verlängern. Zudem kann sich der „Fasten-Effekt“ äußerst positiv auf das Gewichtsmanagement auswirken und Übergewicht, das für eine Reihe schwerwiegender Zivilisationskrankheiten (Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) verantwortlich ist, entgegenwirken: Wird die zugeführte Energie restlos verbraucht und brandgefährlicher zellulärer „Müll“ verwertet, läuft auch der Stoffwechsel rund. Nicht nur das Fasten alleine kann die Autophagie samt ihren zahlreichen Vorteilen ankurbeln. Bestimmte Lebensmittel – und zwar solche, die den Stoff Spermidin enthalten – sind in der Lage, den Fasten-Effekt auszulösen. Das Polyamin vermag es ähnlich wie Fasten, die Schranken auf Autophagie zu stellen und damit der Zellalterung entgegenzuwirken – und das trotz Kalorienzufuhr. Spermidin wird vom Körper selbst produziert und ist Bestandteil jeder Zelle. Die Produktion nimmt mit etwa 30 Jahren jedoch ab, was in der Folge auch die Fähigkeit zur Zellregeneration schwächt. Das Zuführen von Spermidin über Nahrung und/ oder Nahrungsergänzung kann diese Lücke schließen. Spermidin kommt in unterschiedlicher Konzentration in Nahrungsmitteln wie etwa Weizenkeimen, Pilzen, Nüssen, aber auch Käse vor, wobei der tatsächliche Gehalt je nach Produkt, Verarbeitung und Lagerung stark schwankt. Wie viel Spermidin notwendig ist, um die Autophagie auszulösen, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von Alter und Ernährungsgewohnheiten. Experten empfehlen als Faustregel möglichst häufig Spermidin zu konsumieren. Das „Mehr ist mehr“–Prinzip gilt übrigens für alle Zellregenerationsunterstützer: Mehr natürliche, mikronährstoffreiche Ernährung, regelmäßige Nahrungskarenzen, mehr Ruhephasen, viel moderate Bewegung und viel Freude und Ausgleich im Leben ist gleich: Jugend möglichst lange konservieren.   

So wirkt Autophagie 

Verbesserung der Herzfunktion
Studien schreiben der Autophagie die Fähigkeit zu, die Herzfunktion zu verbessern. Die Gabe von Spermidin könne vorbeugend auf altersassoziierte kardiovaskuläre Krankheiten wirken und die zelluläre Atmung durch einen erhöhten Mitochondrien-Gehalt in den Herzzellen verbessern. Gut zu wissen: Wenn mit den Wechseljahren der Östrogenschutz nachlässt, sind viele Frauen gefährdet, ein Herzleiden zu bekommen.

Knochen und Knorpel
Spermidin kann die Produktion von Stammzellen steigern und wirkt sich positiv auf die Knochendichte aus.

Unterstützt das Gehirn
Durch die Aktivierung von Autophagie ­lassen sich laut Studien toxische Proteinaggregate in den Zellen entfernen, die für Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) verantwortlich sind. Dies wurde u. a. durch humane Studien belegt.

Haut
Forscher entdeckten vor Kurzem, dass Stoffe, die von bestimmten Bakterien des Mikrobioms der Haut freigesetzt werden, die Elastizität, Struktur und Feuchtigkeit von Hautzellen positiv beeinflussen und damit die Hautalterung verzögern könnten. Diese Bakterien, die übrigens zur Gattung der Streptokokken gehören und die die Forscher vor allem auf der Haut junger Probandinnen fanden, produzieren natürlicherweise Spermidin. Das Wissenschaftsteam testete nun, ob gezielte Gabe von Spermidin auch die positiven Effekte auf Hautzellen hervorruft, und kam zu einem positiven Ergebnis.

Haar
Im Tierversuch konnte eine Verringerung des altersinduzierten Haarausfalls gezeigt werden.  

Nahrung reich an Spermidin 

Gemüse & Obst

Pilze enthalten besonders viel Spermidin. Aber auch Brokkoli, Karfiol und Knollensellerie sind gute Quellen. Obst enthält eher wenig Spermidin, nur Bananen und Avocados enthalten relevante Mengen.

Getreide & Hülsenfrüchte

Weizenkeime sind absolute Spermidin-Champions, Vollkorn enthält moderate Mengen. Hülsenfrüchte sind allgemein spermidienreich, besonders Erbsen und fermentierte Sojabohnen sind hervorzuheben.

Milchprodukte

In gereiftem Cheddar ist extrem viel Spermidin enthalten. In den meisten anderen Käsesorten und Milchprodukten jedoch kaum.

Nüsse

Haselnüsse, Erdnüsse und Pistazien enthalten viel Spermidin.