Bandscheiben halten enormen Belastungen stand

Wiener Wissenschafter wollen Bandscheiben erneuern

Schon seit langer Zeit sucht die Medizin nach Möglichkeiten, kaputte Bandscheiben zu ersetzen. Die bisher vorhandenen technischen Möglichkeiten sind noch bei weitem nicht ideal. Am Orthopädischen Spital Speising in Wien wollen jetzt Wissenschafter nach neuen Möglichkeiten via Zell-Erneuerung bzw. Zell-Züchtung forschen. Die Initiative wurde am Freitag bei einer Pressekonferenz präsentiert.

Faktum: Die Bandscheiben der Wirbelsäule sind im Lauf des Lebens enormen Belastungen ausgesetzt: So muss z.B. eine einzelne Bandscheibe beim Heben einer Bierkiste einem Druck von 23 bar standhalten (zum Vergleich: In einem Pkw-Reifen herrscht ein durchschnittlicher Druck von 2 bar). Kein Wunder also, dass die Bandscheibe mit der Zeit degenerativen Veränderungen unterliegt: Sie verliert Wasser, schrumpft und reißt schließlich ein, was äußerst schmerzhaft sein kann.

Eine Bandscheibenoperation kann zwar die Schmerzen nehmen, das Voranschreiten der Degeneration aber nicht verhindern. Deshalb sind nun Mediziner des Krankenhauses der Vinzenz-Gruppe auf der Suche nach biologischen Therapiemöglichkeiten. Im gerade neu eröffneten "Zelllabor" wird untersucht, wie aus krankhaft veränderten Bandscheiben - und eventuell auch aus Stammzellen - neues, funktionsfähiges Zellmaterial gewonnen werden kann. Dieses könnte langfristig geschädigtes Bandscheibengewebe ersetzen oder vorbeugend zum Einsatz kommen. Ähnliche Techniken werden etwa bei Knorpelschäden am Knie bereits angewandt, im Bereich der Wirbelsäule steckt die diesbezügliche Forschung erst in den Anfängen.

Claudia Eder, Biologin und Medizinerin, sowie Leiterin der Forschungseinrichtung: "Unser langfristiges Ziel ist es, defektes menschliches Gewebe im Reagenzglas nachzuzüchten und so gesundes Gewebematerial zu schaffen, das dem Patienten als biologisch erneuerte Bandscheibe dienen kann. Die Vorteile einer solchen biologisch regenerierten Bandscheibe liegen auf der Hand: Sie wird im Gegensatz zum Metallimplantat nicht als Fremdkörper wahrgenommen, erzeugt keinen Abrieb und nimmt am Stoffwechsel teil.

Die Entwicklung von biologischen Ersatzteilen ist allerdings auf diesem Gebiet erst Zukunftsmusik. Jahrelange Grundlagenforschung wird erforderlich sein. "Wenn uns in den nächsten Monaten die ersten Schritte im Zelllabor gelingen, erfolgen weitere Experimente und präklinische Studien. Erst danach könnte die Methode erstmals am Menschen angewendet werden", erklärte Michael Ogon, der Leiter der III. Orthopädischen Abteilung in Speising, dem das Zelllabor untersteht. Ähnliche Projekte wären auch zur Reparatur von Knochenschäden denkbar - wenn es gelänge, die Knochenneubildung wieder in Gang zu setzen.