Wachstumshilfe für gerissene Nerven

Wachstumshilfe für gerissene Nerven, der Zwerchfell-Nerv lässt den Bizeps schwellen: Im AKH Wien findet derzeit das "3rd Vienna Symposium on Surgery of Peripheral Nerves" statt. Experten aus 18 Ländern diskutieren die Fortschritte in der Nervenchirurgie. Federführend in der Organisation ist der Doyen der Plastischen Chirurgie in Österreich, Hanno Millesi.

Der Experte, Leiter des Millesi Center für Chirurgie peripherer Nerven an der Wiener Privatklinik (WPK), am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien: "Grundlagenforscher sollen von uns Klinikern hören, was wir von ihnen brauchen. Umgekehrt erfahren wir, was Grundlagenforscher bereits herausgefunden haben, und welche Behandlungs-Optionen sich daraus ableiten."

Ein Beispiel ist die Entwicklung künstlicher Nervenimplantate. Prof. Millesi: "Diese wären vor allem für größere Distanzen nötig, weil körpereigene Nerven nur langsam nachwachsen. Dazu gibt es vielversprechende Ergebnisse der Grundlagenforschung."

Schließlich möchte das Symposium dazu beitragen, dass die enormen Fortschritte der Nervenchirurgie möglichst vielen Patienten zu Gute kommen - was leider heute noch immer nicht der Fall sei. Wurde zum Beispiel vor einigen Jahrzehnten einem Motorradfahrer bei einem Unfall das Nervengeflecht für den Arm ("Plexus brachialis") aus dem Rückenmark gerissen, wurde der Arm mangels Alternative zumeist einfach amputiert. Millesi: "Heute hingegen können wir den Arm und seine Funktion nervenchirurgisch bereits so weit herstellen, dass ein Patient danach zwar nicht Klavierspielen, aber immerhin wieder Türen öffnen kann und weniger Schmerzen erleidet."

Medizinisch und ethisch problematisch sei allerdings, dass öffentliche Krankenhäuser die aktuellen hohen chirurgischen Behandlungsstandards - nämlich das Erreichen von funktionell nützlichen Bewegungsmöglichkeiten - nicht anwenden. Eine aktuelle Studie (2008) hätte gezeigt, dass funktionell verbessernde Eingriffe in Österreich nahezu gar nicht durchgeführt wurden. Nur 34,6 Prozent der Patienten mit "Plexus brachialis"-Abrissen erhielten eine Untersuchung der Nervenleitfähigkeit, 13,6 Prozent eine MRT-Untersuchung. Hier sei auch eine entsprechende Qualitätskontrolle notwendig.

Millesi: "Außerdem werden noch immer veraltete Methoden angewendet, werden Methoden falsch eingeschätzt, weil sie mit ihren oft problematischen Vorgängern verwechselt werden, und werden sinnvolle Methoden falsch oder gar nicht eingesetzt. All dies zum Nachteil von Patienten."

Wiener Nervenchirurgen werden auf dem Symposium einige spektakuläre Neuigkeiten präsentieren können, berichtete der Nerven-und Rekonstruktions-Chirurg Robert Schmidhammer, auch Leiter der Abteilung für Neuroregeneration des Ludwig Boltzmann Instituts für Traumatologie: "Eine Herausforderung besteht darin, dass gerissene Nervenverbindungen nur etwa einen Millimeter pro Tag nachwachsen. Wir haben herausgefunden, dass modifizierte Stoßwellen diesen Prozess wesentlich - im Tierexperiment um etwa das Dreifache - beschleunigen können." Weitere Forschungsergebnisse zeigen, dass ein ähnlicher Effekt durch Lichtstimulation mittels Laser oder durch Elektrostimulation erzielt werden kann.

Ein Fortschritt, der vom Millesi Center in Zusammenarbeit mit dem Austrian Cluster for Tissue Regeneration erzielt wurde, so der Experte: "Wir können Patienten, bei denen unfallbedingt der für die Nervenversorgung des Arms zuständige 'Plexus brachialis' ganz oder überwiegend ausgerissen ist, die Bizeps-Funktion wiedergeben, ohne dafür andere wichtige Nervenfunktionen opfern zu müssen."

Bisher wird in solchen Fällen häufig einer der beiden für die Atmung wichtigen Zwerchfellnerven zum Oberarm umgeleitet. Das führt jedoch bei vielen Patienten zu Problemen, weil ihre Atemmuskulatur dann nur noch einseitig funktioniert. Man kann aber auch bloß Fasern des Zwerchfellnervs abzweigen und in den Arm verlegen. Nach kurzer Zeit, in der jeder intensive Atemzug auch den Arm bewegt, lernt das Gehirn diese Bewegungen auseinanderzuhalten.