Die Süchte der Österreicher

Sucht ist - auch in Österreich - kein "Randproblem". Abhängigkeit findet inmitten der Gesellschaft statt und behindert Millionen Menschen. Umso erstaunlicher ist, dass Betroffene oft als Kriminelle und "moralisch schwache" Personen stigmatisiert werden. Hier die Zahlen.

Es gibt in Österreich laut Erhebungen rund 1,6 Millionen Nikotin-, 330.000 Alkohol- und 120.000 Arzneimittelabhängige. Die Zahl der i.v.-Drogenabhängigen mit problematischem Suchtmittelkonsum wird auf zwischen 22.200 und 33.500 Personen geschätzt. 97 Prozent aller Todesfälle, die direkt mit Drogenkonsum zu tun haben, wurden im Jahr 2008 auf Mischkonsum - vor allem mit Alkohol - zurückgeführt.

Rund 20 Prozent der Österreicher konsumieren in ihrem Leben Cannabis, die Häufigkeit des Konsums von Ecstasy, biogenen Drogen, Schnüffelstoffen, Amphetaminen und Kokain liegt zwischen zwei und drei Prozent. Die Häufigkeit des Gebrauchs von Heroin liegt laut wissenschaftlichen Untersuchungen über die Lebenszeit hinweg bei 0,6 Prozent. Gerade der Konsum illegaler Drogen ist zumeist nur ein Verhalten in bestimmten Lebensphasen.

"Ziel muss es sein, abhängige Patienten zu entstigmatisieren und ihnen die individuell optimale Therapie zu bieten", sagte vor einiger Zeit Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Wiener AKH. Statt "Trunkenheit als Laster" oder soziale Krankheit ("Elendsalkoholismus") zu klassifizieren, sollte möglichst allen Abhängigen mit einer bestmöglichen Therapie geholfen werden.

Dabei dürften Suchtmittelkonsum und Abhängigkeit in vielen Fällen "nur" eine weitere Ausdrucksform einer sonst noch bestehenden psychiatrischen Erkrankung sein. Sonst hätten nicht bis zu 14 Prozent der Opiatsüchtigen schizophrene Störungen, bis zu 74 Prozent Affekt-und bis zu 68 Prozent Persönlichkeitsstörungen. Schon seit langem bekannt ist, dass Alkohol oft von Depressiven in Form einer falschen "Selbstmedikation" eingesetzt wird, die Betroffenen aber nur noch tiefer in ihr Grundleiden abstürzen lässt.

Doch es sind nicht nur substanzgebundene Süchte, welche viele Menschen in Österreich beeinträchtigen: Rund 50.000 Personen sind Internet-abhängig. Knapp zwei Drittel der Betroffenen halten sich überwiegend in Chatrooms auf, der Rest sind pathologische Computerspieler. Hinzu kommen noch geschätzte 30.000 bis 60.000 Österreicher als pathologische Glücksspieler und 180.000 bis 240.000 von dem Abgleiten in diese Sucht Gefährdete. Nach einer repräsentativen Studie der Arbeiterkammer Wien sind rund 6,1 Prozent der Österreicher stark kaufsuchtgefährdet, bei den 14- bis 24-Jährigen sind es sogar 11,8 Prozent.

Suchterkrankungen sind behandelbar, im Vergleich zu anderen chronischen Krankheiten mit einem nicht wesentlich schlechteren oder besseren Ergebnis. Erfolg muss nicht lebenslange Abstinenz sein. Viel mehr sollte versucht werden, dem Patienten möglichst viel an eigener Kontrollfähigkeit und Autonomie zurückzugeben, hieß es am Freitag beim Suchtkongress des Anton-Proksch-Instituts (bis 30. Jänner) in Wien.

"Ich würde den Menschen als Wesen sehen, das ständig um Autonomie, Erhaltung und Wiedererlangung der Kontrollfähigkeit kämpft. Sucht ist oft ein Abwehrkampf gegen eine als unerträglich empfundene Realität", sagte der Grazer Psychiater Martin Kurz. Idealisierte Ziele wie lebenslange Abstinenz seien eher Projektionen von Ängsten aufseiten von Patienten und Therapeuten. Alte Konzepte wie "Suchterkrankung ist linear", "Früher Tod ist unausweichlich" oder "Alles oder Nichts" oder gar die Erschwerung der Möglichkeiten zur Opiatsubstitution seien eindeutig kontraproduktiv.

Noch dazu kann sich die Suchtmedizin bei weitem nicht alles, was beispielsweise alkoholabhängige Patienten selbst zustande bringen, als "Feder" an den eigenen Hut stecken. Kurz: "In einem Monatsquerschnitt trinken 50 Prozent der Alkoholabhängigen nichts. Innerhalb von ein bis zwei Jahren sind sie durchschnittlich vier Monate total 'trocken'. Die Mehrheit der abstinenten Alkoholiker (53 Prozent, Anm.) erreichen dieses Ziel ohne professionelle Hilfe."

Wenn ein Drittel von Behandelten nach einer zunächst stationären Therapie Alkohol-abstinent bliebe, sei das auch oft auf die Auswahl der Patienten mit den besten Aussichten zurück zu führen. Der Experte: "Den Akademiker mit Familie und einer Zielvorstellung von 7.000 Euro Nettomonatsgehalt bekommen wir zu 90 Prozent abstinent." Das wäre eben nicht die Regel.

Neue Labortests - auch wenn dahinter immer auch ein wenig der angloamerikanische Schuld-Sühne-Überwachungskomplex hervor lugt - können eventuell Abhängige mit einem hohen Rückfallspotenzial besser identifizieren helfen. Der Alkohol-Abbaustoff Ethyl Glucuronide (EtG) im Harn erlaubt die Feststellung sonst nicht nachweisbaren Alkoholkonsums in vorangegangenen Tagen. Im Haar lässt sich sogar eine kumulative Messung der Alkoholmenge über rund drei Monate vornehmen. Und ein hoher Spiegel an dem in Fettzellen produzierten Hormon Resistin scheint bei Alkoholikern auf eine höhere Gefährdung für Rückfälle hinzuweisen, betonte der Salzburger Wissenschafter Friedrich Wurst. Doch Kontrollen etc. ändern nichts am Leid der Betroffenen.