Beim Schlaganfall sofortiges Handeln notwendig

Rund 20.000 Menschen erleiden in Österreich pro Jahr einen Schlaganfall. 60.000 leben mit den Folgen, vor allem Invalidität. Mit den modernsten Behandlungsmöglichkeiten - medikamentöse Auflösung des Blutgerinnsels im Gehirn oder gar ein Kathetereingriff - lassen sich bleibende Schäden verhindern.

Doch dabei kommt es allein darauf an, dass im Akutfall schnellstens reagiert wird, erklärte Mittwochabend Johann Willeit von der Universitätsklinik für Neurologie bei der Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Saalfelden (bis 5. März).

Die statistischen Daten: Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache. Er ist genauso häufig wie der Herzinfarkt. Willeit: "Das kumulative Erkrankungsrisiko für den Einzelnen beträgt 25 Prozent. Bei 50 Prozent besteht danach eine Behinderung, bei 15 Prozent Pflegebedürftigkeit. Innerhalb von 30 Tagen beträgt die Mortalität 15 Prozent, nach fünf Jahren 44 Prozent. Zehn Prozent der Patienten sind unter 50 Jahre alt." Gleichzeitig hat jemand, der schon einen Schlaganfall überstanden hat, das neunfache Risiko, noch einmal eine solche Attacke zu erleiden.

Täglich 30 Minuten Sport, Nichtrauchen, eine "mediterrane Ernährung", Normalgewicht und wenig Alkohol würden als Lebensstilfaktoren die Schlaganfallgefährdung um 80 Prozent verringern. Doch so spielt sich das Leben in der westlichen Industriegesellschaft bei vielen Menschen nicht ab.

Bleibt die möglichst optimale Versorgung im Akutfall bzw. ein präventives Eingreifen bei Hochrisikopatienten (Blutdruckkontrolle bei Hypertonikern, Cholesterinsenkung etc.). Im Fall des Falles ist jedenfalls der sofortige Ruf nach dem Notarzt entscheidend. Wenn jemand Symptome wie halbseitige Lähmungen (Arme, Beine, einseitige Lähmung im Gesicht), Sprachstörungen etc. auftreten, sollte sofort gehandelt werden. 25 Prozent dieser Insulte ereignen sich übrigens in den Morgenstunden.

Der Innsbrucker Experte: "Wir können mittlerweile in der Magnetresonanz bei einem Gefäßverschluss im Gehirn unterscheiden, was im Gehirn direkt geschädigt wurde und was noch zu retten ist. Wenn es hier einen 'Mismatch' (Hinweis auf noch rettbares Gewebe, Anm.) gibt, setzen wir alle Thrombolytika ein, die wir haben."

Thrombolytika sind Arzneimittel, mit denen akut aufgetretene Blutgerinnsel aufgelöst werden können. Sie wurden ursprünglich für die Behandlung des akuten Herzinfarkts entwickelt. In den vergangenen Jahren kamen die Neurologen dahinter, dass man Substanzen wie rt-PA auch Schlaganfall-Gerinnsel auflösen kann. Entscheidend ist aber die sofortige Einlieferung des Patienten in eine spezialisierte Abteilung, eine "Stroke Unit". Willeit: "Österreich hat hier eine vorbildliche, nahezu flächendeckende Versorgung. 39 solcher Behandlungseinheiten in Spitälern sind vorgesehen, 34 eingerichtet." Die schnelle Wiederherstellung der beim Schlaganfall unterbrochenen Blutversorgung in den betroffenen Arealen im Gehirn ist die einzige Möglichkeit, Spätschäden zu verhindern.

Am besten sind die Aussichten der Patienten, wenn eine Thrombolysebehandlung binnen eineinhalb Stunden nach dem Auftreten erfolgt. In der "Stroke Unit" sind alle Abläufe auf Schnelligkeit optimiert: Der Patient kommt nach klinischer Untersuchung sofort in die Computertomographie, eventuell auch zur Magnetresonanz-Untersuchung. Gibt es Therapiechancen, wird sofort der Gerinnselauflöser rt-PA injiziert. Funktioniert die Gerinnselauflösung nicht, kann das mit einem Katheter auch direkt im Gehirn erfolgen.

Der Innsbrucker Neurologe Johann Willeit bei der Apothekertagung in Saalfelden: "Die Thrombolysetherapie erfolgte bisher in einem Zeitraum von höchstens drei Stunden (ab Beginn der Symptome, Anm.). Eine Wirksamkeit gibt es aber bis zu einem Zeitraum von viereinhalb Stunden." Neue Medikamente für diese Anwendung könnten allerdings in Zukunft dieses "Therapiefenster" auf bis zu neun Stunden ausdehnen. Allerdings gibt es keinen Weg um das Faktum herum, dass bei einem Schlaganfall im Gehirn schon binnen Minuten Zellen abzusterben beginnen und unrettbar verloren sind.

Wegen der nach einem ersten Schlaganfall extrem hohen Gefährdung, eine weitere derartige Attacke zu erleiden, sollte jedenfalls eine intensive Sekundärprophylaxe betrieben werden. Die Behandlung einer Hypertonie senkt das Risiko allein schon um 30 Prozent, ebenso Cholesterinsenker (Statine). Hinzu kommen noch Medikamente, welche die Funktion der Thromben-bildenden Blutplättchen hemmen.

Hoch effizient ist auch die "Blutverdünnung", sollte ein Risikopatient Vorhofflimmern haben (Risikoreduktion: 70 Prozent). Hier gibt es mit der Substanz Dabigatran neuerdings ein Arzneimittel, das in Tablettenform eingenommen werden kann, bei dem aber keine regelmäßige Kontrolle der Gerinnungshemmung im Labor notwendig ist. Das Beseitigen von Atherosklerose-bedingten Engstellen in der Halsschlagader durch Operation oder eine Gefäßstütze reduziert das Risiko eines erneuten Schlaganfalls um 60 Prozent.