AIDS 2010: Millionen Kranke haben keine Therapie

AIDS 2010: Millionen Kranke haben keine Therapie

Aids ist nicht heilbar, mit einer guten Behandlung aber eine chronische Erkrankung. Erforderlich ist die ständige Einnahme eines Arzneimittel-Cocktails, dessen Verabreichung aber in den vergangenen Jahren deutlich vereinfacht wurde. Damit wird das HI-Virus am besten unter die Nachweisschwelle im Blut gehalten.

Doch Millionen Menschen haben weltweit derzeit noch immer keine Chance, zu diesen Behandlungsmöglichkeiten zu kommen. Michel Sidibé, Exekutivdirektor von UNAIDS, sagte vor kurzem in Wien: "Derzeit befinden sich 4,7 Mio. Menschen in Behandlung. Elf Millionen weitere von HIV Betroffene warten auf Zugang zu den Medikamenten. Vor fünf Jahren waren aber erst 400.000 Infizierte in Therapie. Wir konnten die Zahl der Behandelten verzehnfachen. So etwas hat noch kein anderes medizinisches Programm bisher geschafft." Statt ehemals weniger als fünf Mrd. US-Dollar (3,64 Mrd. Euro) (pro Jahr) stünden derzeit zur Bekämpfung von Aids bereits mehr als 16 Mrd. US-Dollar (11,66 Mrd. Euro) zur Verfügung.

An sich wären die mächtigsten Staaten der Erde schon vor Jahren überein gekommen, allen von HIV und Aids-Betroffenen mit dem Jahr 2010 Zugang zu Betreuung und Behandlung zu verschaffen. Doch dieses Ziel wird sich wohl noch nicht erreichen lassen.

Eine große Problematik liegt darin, dass nur eine konsequent zur Verfügung gestellte und dann auch eingenommene Medikation zum Ziel der Lebenserhaltung auf lange Sicht führt. Eine effiziente Therapie hat aber auch weitere Vorteile: Die Übertragungsrate wird drastisch reduziert. Das Erhalten von Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit bremst oder verhindert vielleicht sogar die sozialen und wirtschaftlichen Effekte der Immunschwächekrankheit - speziell in den Entwicklungsländern. Sidibé: "Frauen, die infiziert sind und behandelt werden, bleiben ihren Kindern erhalten. Diese können in Familien aufwachsen." Die Betroffenen blieben damit durch die Behandlung auch der Gesellschaft erhalten.

Die Logistik mit Verteilung und Bereitstellung der Medikamente ist eine Sache. Die andere sind die Restriktionen, denen sich besonders ärmere Länder beim Zugang zu den Arzneimitteln gegenüber sehen. Die Frage, wie weit Pharmakonzerne ihre Patente auf von ihnen entwickelte Substanzen aufgeben sollen und damit die Medikamente für die Nachahmeproduktion freigeben können, ist seit mehr als einem Jahrzehnt heiß umstritten.

Einen aktuellen Fall stellt hier Indien dar, das in den vergangenen Jahren zu einem weltweit gefragten Anbieter von Generika-Medikamenten geworden ist. Laut "Ärzte ohne Grenzen" finden in diesem Monat Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Land statt. Dabei geht es auch um Patentrechte.

"Wir protestieren, um die indische Regierung aufzufordern, keinen Vertrag auf Kosten unseres Überlebens abzuschließen", erklärte beispielsweise Loon Gante, Präsident des Delhi-Netzwerkes für Positive Menschen (Delhi Network of Positive People, DNP+). "Eine lebenslange Behandlung gegen HIV/Aids erfordert einen kontinuierlichen Zugang auch zu modernen Aids-Medikamenten. Internationale Handelsabkommen haben bereits jetzt einige neue Medikamente so verteuert, dass sie nicht mehr finanzierbar sind. Wir fordern nun, dass Indien keine Bestimmungen akzeptiert, die den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten weiter behindern würden."

"92 Prozent aller Aids-Medikamente, die in ärmeren Ländern verwendet werden, stammen aus Indien. Indien gilt als Apotheke der Armen. Die Auswirkungen der laufenden Verhandlungen betreffen also bei weitem nicht nur Indien", sagte dazu Leena Menghaney von Ärzte ohne Grenzen in Indien.

"Ärzte ohne Grenzen" in einer aktuellen Aussendung: "Zu den Forderungen der EU gehören eine erschwerte Zulassung von Generikaprodukten und die Verlängerung des Patentschutzes, der bislang in Indien 20 Jahre beträgt. In der Vergangenheit wurden bereits häufiger in Indien hergestellte Medikamente auf dem Weg nach Lateinamerika oder Afrika beschlagnahmt. Die indische Regierung soll nun ihr Einverständnis dazu geben, dass Medikamente im Rahmen des neuen Freihandelsabkommens legal beschlagnahmt werden können."