Ulrike Lunacek und Mama Elisabeth im Gespräch

MADONNA-Talk

Ulrike Lunacek und Mama Elisabeth im Gespräch

Keine leichte Aufgabe übernahm Ulrike Lunacek mit der Spitzenkandidatur für die Grünen. MADONNA bat die Kämpferin und ihre starke Mutter (87) zum Doppel über Wahlkampf, Respekt und ihr Outing.

Dass dieser Wahlkampf ein harter ist, daraus macht sie kein Geheimnis – ebenso wenig wie daraus, dass es ihre Partei nicht einfach hatte in letzter Zeit. „Aber wir sind auf dem richtigen Weg“, gibt sich Ulrike Lunacek (60) zuversichtlich. Klein beizugeben war nie ihr Ding. Das weiß niemand besser als ihre Mutter Elisabeth Lunacek, unfassbar rüstige 87 Jahre alt, und eine der wichtigsten Unterstützerinnen der Grünen-Spitzenkandidatin – im Wahlkampf, wie auch im Leben.

Dabei „hatte sie es nicht immer leicht mit mir“, gesteht Ulrike Lunacek vor ­Beginn des Interviews, das für Elisabeth Lunacek das erste ist. „Mein Outing damals war schon hart für meine Eltern – aber sie sind großartig damit umgegangen.“ Immerhin zählte Lunaceks Vater Heinrich Lunacek († 2013) als Generaldirektor des Verbandes ländlicher Genossenschaften in Niederösterreich und der Raiffeisen-Warenzentralen zum erzkonservativen Lager. Dass sich seine Tochter als erste österreichische Politikerin als lesbisch outete, sorgte für dementsprechende Reaktionen im Umfeld – wie ­Elisabeth Lunacek im Gespräch mit ­MADONNA verrät.

Frau Lunacek, Ihre Tochter steht mitten im Wahlkampf, einem der härtesten Wahlkämpfe aller Zeiten. Wie ist das für Sie als Mutter?
Elisabeth Lunacek:
Schwierig, weil ich natürlich Anteil nehme – und mir auch ein wenig Sorgen mache, dass ihr das alles zu viel wird. Aber sie ist eine toughe Person. Sie hält es aus. Das freut mich auch. Aber natürlich fiebert man mit.

Sehen Sie sich alle TV-Debatten an – und regt es Sie nicht zu sehr auf, wenn Ihre Tochter dann auch mal heftig attackiert wird?
Elisabeth Lunacek:
Ich sehe mir natürlich alle Debatten an. Anfangs habe ich mich schon geärgert, wenn sie angegriffen wurde, aber man gewöhnt sich dran. Das gehört eben dazu.


Frau Lunacek, haben Sie Ihre Mama darauf vorbereitet, was auf Sie und damit auch auf sie im Wahlkampf zukommt?
Ulrike Lunacek:
Wir haben darüber geredet, was alles kommt – ich habe ihr die Liste gegeben, wann die TV-Konfrontationen stattfinden und wann und wo ich im Wahlkampf in Österreich haltmache. Auch wo es Bekannte oder Verwandte gibt von uns, die ich dann kurz besuche, wie eine Cousine in Ried im Innkreis oder die Verwandten in Salzburg. Und wir telefonieren regelmäßig – dann sprechen wir darüber, wie es mir bei den Duellen ging oder wie ich mich mit meinem Team darauf vorbereite. Oder die Mama ruft mich an und sagt: „Jetzt warst du wieder super.“

Kritisieren Sie Ihre Tochter auch?
Elisabeth Lunacek:
Wenn ich finde, dass sie etwas anders machen könnte, schon, aber das kommt nur manchmal vor.


Was zum Beispiel kritisieren Sie?
Elisabeth Lunacek
: Zum Beispiel, dass sie mit den Händen ruhiger sein und nicht zu viel gestikulieren sollte (legt ihre Hand auf die ihrer Tochter).

Welche Rolle spielt Ihre Mutter in Ihrem Leben und jetzt im Wahlkampf?
Ulrike Lunacek:
Sie ist einfach die, die mich am längsten kennt in meinem Leben. Wir haben eine sehr enge Beziehung. Und ich freue mich darüber, wie gut die Mutti noch beieinander ist mit knapp 88 Jahren. Wir versuchen so viel wie möglich miteinander zu unternehmen, gehen ins Kino, ins Konzert oder essen. Mein Vater ist ja vor vier Jahren gestorben, seither schaue ich schon, dass wir uns mindestens einmal in der Woche sehen, wenn es die Zeit zulässt und ich hier bin. Und wenn ich unterwegs bin, bringe ich ihr immer etwas Kleines mit – so wie sie und mein Vater es früher immer gemacht haben.


Ihre Mutter sagt, sie macht sich auch ­Sorgen, weil der Wahlkampf doch sehr hart ist – wie hart ist er tatsächlich für Sie?

Ulrike Lunacek: Er ist physisch sehr anstrengend – allein letzte Woche hatte ich von Sonntag bis Sonntag insgesamt sieben Fernsehkonfrontationen bzw. Pressestunden und Wahlkampfauftritte. Das ist eine physische, aber auch geistige Anstrengung – man muss voll konzentriert sein, alles im Kopf haben, klar fokussieren, dass auch alles so rüberkommt, wofür wir Grünen stehen. Das ist freilich anstrengend. Aber das habe ich schon gewusst, als ich zugesagt habe, als Spitzenkandidatin anzutreten.

Haben Sie es schon mal bereut?
Ulrike Lunacek: Nein. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann ziehe ich das auch durch. Ich habe sehr viel Energie – die habe ich auch von zu Hause mitbekommen. Und ich betreibe viel Sport. Jetzt geht sich zwar nicht viel aus, aber Schwimmen, Radfahren und Tanzen geben mir Energie. Ich nehme Hürden sportlich: Ich will sie überwinden. Ans Aufgeben habe ich noch nie gedacht, das ist wirklich nicht meine Art.

War Ihre Tochter immer so zielstrebig?
Elisabeth Lunacek:
So energiegeladen wie heute war sie als Kind eigentlich nicht. Aber du hattest immer schon diesen Perfektionismus in dir. Sie hat die Schule perfekt gemacht, hat viel gelesen, war immer eine von den Besten. Aber diese Kraft und Energie hast du erst entwickelt, als du mit 16 für ein Jahr allein nach Amerika gegangen bist. Ich glaube, da ist dann die Energie, die auch dein Vater hatte, voll zum Vorschein gekommen. Weil du dort erstmals mit allem allein fertig werden musstest.
Ulrike Lunacek: Interessant, darüber haben wir noch gar nie gesprochen. Aber da hast du wohl recht. Ich war ja wahnsinnig jung und damals gab es kein Handy, kein Skype. Ich glaube, wir haben in dem Jahr zwei Mal telefoniert, ansonsten nur Briefe geschrieben. Das war schon hart.


War das Ihre Entscheidung, dieses ­Auslandsjahr zu machen?
Ulrike Lunacek: Ja, ich war damals nicht gerne in Wien. Als ich neun war, sind wir von Amstetten nach Wien gesiedelt – und ich habe mich hier nicht wohlgefühlt. Die Schwester meiner Mutter hat in England gelebt, ein Cousin von meinem Vater in Brasilien, wir sind immer viel gereist und das hat mich immer interessiert. Insofern war das eine Mischung aus: Ich will weg – und ich möchte etwas Neues kennenlernen. Das hat auch geklappt. In dieser Zeit musste ich auch erstmals vor mehreren Leuten Vorträge halten – da habe ich viel gelernt und Scheu abgelegt.

Ihr Ehemann war beim Bauernbund, ein eingefleischter ÖVP-Wähler. Wie war das, als sich Ihre Tochter plötzlich für die Grünen stark machte?
Elisabeth Lunacek:
Also ich habe nichts dagegen gehabt, ich habe das verstanden und eingesehen, aber mit dem Vater hat sie schon Diskussionen geführt.
Ulrike Lunacek: Wir hatten schon heftige politische Debatten, lange bevor es die Grünen gab – als ich noch studierte. Mein Vater war damals Chef der Raiffeisen-­Lagerhäuser. Und ich habe ihn gefragt: „Warum seid ihr so gegen den Biolandbau?“ Das ist gut 35 Jahre her. Aber mein Vater hat sich diesen Debatten immer ­gerne gestellt – und ich habe schon damals gerne diskutiert. Da ging es manchmal schon heiß her zwischen uns. Als ich dann später zu den Grünen kam, war der Vater schon in Pension – das war sicher nicht leicht für ihn. Aber, ich glaube, er war auch stolz, dass ich das mache.
Elisabeth Lunacek: Natürlich war er stolz! Auch jetzt wäre er sehr stolz auf dich. Ich bin es auch.


Der Ton in der Politik ist rauer denn je – denken Sie, wären mehr Frauen in der Politik, wäre der Ton ein anderer?
Ulrike Lunacek:
Teilweise ja. Nicht, dass Frauen nicht auch hart miteinander diskutieren können, aber es gäbe bestimmt weniger sexistische Aussagen, Übergriffe in den sozialen Medien, die ja auch Eva Glawischnig zu spüren bekam. Ich habe kein Problem mit harten Auseinandersetzungen – wenn es um Inhalte geht!
Elisabeth Lunacek: Früher war das schon anders: Da haben Kontrahenten miteinander gesprochen, heute ist der Ton viel härter. Und mir kommt vor: Der Respekt ist verloren gegangen.

Was haben Ihnen Ihre Eltern mit auf Ihren Weg gegeben?
Ulrike Lunacek: Das Motto: Wenn du von etwas überzeugt bist, dann mache das! Fürchte dich nicht davor, dass das andere kritisieren. Und: dass man diskutieren kann und einander trotzdem schätzen und lieben kann. Das war eine gute Basis für ­alles, was ich später gemacht habe.
Elisabeth Lunacek: Und uns war immer wichtig, dir zu vermitteln, dass du immer zu uns kommen kannst, egal, worum es geht.
Ulrike Lunacek: Das stimmt! Als ich damals beschloss in die Politik zu gehen und mich von vorneherein öffentlich als lesbisch outete, wusste ich, dass das für meine Eltern nicht ganz leicht wird. Ihr wart damals in Australien auf Urlaub und ich konnte nur ein Fax schicken, in dem ich schrieb, dass ich für den Nationalrat kandidiere – als lesbische Frau. Meine Eltern wussten das schon lange davor, aber dass ich es so öffentlich machen würde, war natürlich ein großer Schritt. Eure Reaktion war wirklich toll. Ihr habt mich am nächsten Tag angerufen und gesagt: ‚Richtig, dass du das so offen machst – du darfst nicht erpressbar sein.‘ Jedes Mal, wenn ich das erzähle, denke ich mir: Ich bin wirklich stolz auf euch! Ich weiß, wie andere Eltern reagieren, noch dazu, wenn man so in der Öffentlichkeit steht.

Wie waren die Reaktionen damals in Ihrem Umfeld, als Ihre Tochter sich als erste ­lesbische Politikerin outete?
Elisabeth Lunacek:
Die meisten haben gar nichts gesagt, das heißt: Sie wollten es wegschieben, waren nicht damit einverstanden. Nur die ganz guten Freunde haben mit uns darüber gesprochen und uns gefragt, wie es uns damit geht. Die ­Ignoranz mancher war eigentlich das Schlimmste. Aber andererseits merkt man dann erst, wer echte Freunde sind.

Und wie war Ihr erstes Outing gegenüber ­Ihren Eltern?
Ulrike Lunacek: Ich habe es ihnen unabhängig voneinander erzählt. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mit der Mama am Donaukanal spazieren ging und es ihr gesagt habe: Im ersten Moment war das nicht einfach für dich. Trotzdem bist du gut damit umgegangen – und meine damalige Freundin und ich konnten zusammen zu euch kommen. Und jetzt mit Rebeca ist das überhaupt ein sehr freundschaftliches Verhältnis geworden. Das ist schön. Meine Eltern waren mit uns auch einmal in Peru, wo ihnen Rebeca ihr ­Zuhause zeigen und ihre Familie vorstellen konnte.

Wie war das für Sie?
Elisabeth Lunacek: Das war eine sehr schöne Reise. Wir waren drei Wochen mit den beiden in Peru – und dann noch alleine vier Wochen in Chile und Argentinien ­unterwegs.

Ihre Lebensgefährtin sieht man im Wahlkampf nie an Ihrer Seite. Will sie das nicht?
Ulrike Lunacek: Sie lebt und arbeitet in Brüssel – und will nicht im österreichischen Wahlkampf auftauchen. Sie ist ja auch nicht oft hier und steht nicht so gerne in der Öffentlichkeit. Das respektiere ich.

Viel Zeit für Ihre Beziehung ist derzeit nicht.
Ulrike Lunacek: Nein, aber wir haben ja schon öfter eine Fernbeziehung geführt. Das ist okay. Und nach der Wahl haben wir wieder etwas mehr Zeit füreinander. Vor allem zu Weihnachten.


Was wünschen Sie Ihrer Tochter für die Wahl und die Zeit danach?
Elisabeth Lunacek:
Dass die Grünen mehr Stimmen kriegen, als in den Umfragen abgebildet sind. Und: dass sie nachher wieder ein bisschen mehr Zeit hat – nicht nur für mich, sondern auch für sich.