Nur noch ein Jahr Karenz?

Debatte

Nur noch ein Jahr Karenz?

Bis zu 26 Prozent verdienen Frauen hierzulande weniger als ihre männlichen Pendants – trotz gleicher Arbeit und gleicher Qualifikation. Der Thinktank Agenda Austria hat sich der Problematik nun mit der Studie „Mind the Gap“ angenommen und versucht herauszufinden, wie man die enorme Lohnschere endlich zum Schrumpfen bringen kann.  

Radikal?
Die Forscherinnen wollen der monetären Ungerechtigkeit mit einer Reihe von Maßnahmen den Kampf ansagen, eine davon hat für mächtig Wirbel gesorgt: Agenda Austria schlägt vor, die maximale Karenzzeit von bisher drei auf ein Jahr zu beschränken – sechs Monate für jeden Elternteil. Konkret bedeutet das, wenn etwa der Vater auf sein halbes Jahr beim Kind verzichtet, entfällt dieser Anspruch. „Kinderbetreuungsgeld über drei Jahre ist im europäischen Vergleich sehr lange. In den meisten EU-Ländern wird es viel kürzer ausbezahlt, etwa ein Jahr. Dort wäre unser Vorschlag nicht radikal“, erklärt Studienleiterin Monika Köppl-Turyna im MADONNA-Talk (s. unten). Sie identifiziert die lange Auszeit vom Job sowie Teilzeitarbeit aufgrund der Kinderbetreuung als große Treiber des Gender-Gap.

Scheck.
Köppl-Turyna und ihre Kollegen Michael Christl und Anna Stürgkh schlagen ergänzend einen Betreuungsscheck für jedes Kind ab dem Alter von einem Jahr vor – für öffentliche und private Bildungseinrichtungen. Mögliche Höhe: 500 Euro, die geschätzten Betreuungskosten für ein Kind in Österreich. In Frankreich gibt es dieses Modell bereits. Das würde zu einem Wettbewerb und somit zu einem größeren Angebot führen, so das Argument der Forscher. Denn: In kaum einem anderen EU-Land, lediglich in Polen, werden weniger Kleinkinder von Dritten betreut als in Österreich. Das liegt u. a. an den fehlenden Möglichkeiten außerhalb der Städte.


50:50.
Doch zurück zur Karenzzeit: Agenda Austria stößt sich vor allem am bei der Entlohnung gängigen „Senioritätsprinzip“: Lange Betriebszugehörigkeit wird mit Erfahrung gleichgesetzt. Männer, die im Beruf bleiben, klettern automatisch in der Lohnentwicklung nach oben – Frauen, die länger die Betreuung der Kinder übernehmen, bleiben zurück. Beim vorgeschlagenen Modell würde das Karenzgeld 80 Prozent des Letztgehalts betragen. Und: Männer in Karenz, sollen durch das verpflichtende 50:50-Prinzip endlich Regel statt Ausnahme werden.


Nein der Politik.
ÖVP-Familienministerin Sophie Karmasin spricht sich gegen den Vorschlag aus: „Die Karenzzeit so radikal zu verkürzen, würde ich als Einschränkung empfinden.“ Durch die seit März geltende Kindergeld-Reform sei aber schon viel getan: Das neue System biete keinen finanziellen Anreiz mehr, länger zu Hause zu bleiben. Daher würden sich Frauen in Zukunft ohnehin eher für die zweijährige Variante entscheiden.

Studienleiterin Monika Köppl-Turyna im Interview:

Liest man sich Ihre Studie durch, bekommt man fast den Eindruck, die Regierung könnte die Lohnschere ganz einfach schließen …
Monika Köppl-Turyna:
Wir zeigen in der Studie, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Karenzzeiten und längere Teilzeitarbeit bei Frauen gehören zu den größeren. Dann gibt es noch andere Faktoren: Frauen entscheiden sich etwa öfters für Berufe, die leider schlechter entlohnt sind. Sie wählen oft Jobs im Handel, in der Bildung oder in kleinen Unternehmen, die schlechter entlohnen als große. Technische Berufe, die tendenziell höhere Löhne anbieten, wählen Frauen dafür seltener.

Sie haben vorgeschlagen, die maximale Karenzzeit radikal auf ein Jahr runterzukürzen. Halten Sie es für realistisch, dass die Politik auf Sie hört?
Köppl-Turyna:
Kinderbetreuungsgeld über drei Jahre ist im europäischen Vergleich sehr lange. In den meisten EU-Ländern wird es viel kürzer ausbezahlt, etwa ein Jahr. Dort wäre unser Vorschlag nicht radikal. Wir wollten zeigen, dass das ein großer Treiber des Gehaltsunterschieds ist und dass andere EU-Länder das anders organisieren.

Essenziell bei diesem Vorschlag ist vermutlich auch das 50:50-Prinzip? Jeder darf sechs Monate in Anspruch nehmen, tut einer der Partner das nicht, verfällt sein Teil …
Köppl-Turyna:
Das ist ein sehr wichtiger Teil des Ansatzes. Nach wie vor übernehmen wir Frauen in Österreich großteils die Hausarbeit. Das ist in nordischen Ländern wie Island, Schweden und Norwegen ein bisschen anders. Dort teilen sich die Partner die Hausarbeit besser auf. Das würde dazu führen, dass Frauen weniger Lohneinbußen haben.  

Sie haben bei Ihren Untersuchungen entdeckt, dass Frauen oft unterhalb ihres Qualifikationsniveaus arbeiten …
Köppl-Turyna:
Ja, das ist definitiv so. Ob das direkt mit der Karenz zu tun hat, können wir aus den Daten aber nicht herauslesen.

 

ÖVP-Familienministerin Sophie Karmasin über den Vorschlag

 

Agenda Austria empfiehlt, die Karenzzeit radikal auf maximal ein Jahr zu kürzen. Ist das für Sie denkbar?
Sophie Karmasin:
Nein, unser Ziel ist es, den Familien maximale Wahlfreiheit zu geben. Wir haben das mit der Reform des Kindergeldes jetzt auch sehr individuell umsetzbar gemacht. Innerhalb dieses einen Betrags, der bis zu 16.500 Euro ausmacht, kann man sich unabhängig von der Bezugszeit sehr flexibel bewegen. Wir wollen nicht von oben herab vorschreiben, was wir für sinnvoll erachten. Die Karenzzeit so radikal zu verkürzen, würde ich als Einschränkung empfinden.

So radikal? Eine weniger radikale Kürzung, z. B. auf zwei Jahre, wäre für Sie denkbar?
Karmasin:
Wir haben sie ja bereits leicht verkürzt auf 35 Monate. Unsere Studien haben uns zudem gezeigt, dass durch dieses neue System – das keinen finanziellen Anreiz mehr bietet, länger zu bleiben – die zweijährige Karenz in Zukunft die präferierte Variante ist.

Sie haben einen Partnerschaftsbonus von 1.000 Euro eingeführt. Die Studie schlägt nun vor, das 50:50-Prinzip eher durch „Bestrafung“ zu forcieren …
Karmasin:
Das machen wir ja seit der Reform auch. Ein Anteil von 25 Prozent ist für den zweiten Elternteil reserviert. Wenn er den nicht in Anspruch nimmt, verfällt er.   

Könnten Sie sich vorstellen, 50 Prozent daraus zu machen?
Karmasin:
Nein! Dann wären Alleinerzieherinnen ex­trem benachteiligt.

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