Interview

Maria Vassilakou im Talk

24.01.2014

Maria Vassilakou hat sich mit dem Projekt Mariahilfer Straße nicht nur Freunde gemacht. Am 17. Februar startet die Umfrage.Das Interview.

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© Singer
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In drei Wochen ist es endlich so weit: rund 50.000 WienerInnen dürfen zwischen 17. und 21. Februar ihre Meinung kundtun, ob die Mariahilfer Straße zur Fußgängerzone werden soll. Harte Zeiten für Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (44), die mit ihrem Vorhaben polarisiert. Die Grünen-Politikerin im MADONNA-Talk über ihr Herzensprojekt Mahü, Kritikfähigkeit und die durchwachsenen Emotionen der BürgerInnen.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die Umfrage?
Maria Vassilakou:
Ich gehe von einem knappen Ergebnis aus. Umso mehr bin ich dieser Tage hoch motiviert, möglichst viele Menschen zu erreichen, die im sechsten und siebten Bezirk wohnen. Ich möchte sie davon überzeugen, dass die verkehrsberuhigte Mariahilfer Straße mehr Lebensqualität für Familien, für Kinder und für die ganze Stadt bringt.

Sie ernten sehr viel Kritik, weil allein die Umfrage
1,4 Millionen Euro kostet.
Vassilakou:
Ich denke, dass dieses Geld gut investiert ist, denn 850.000 Euro dieser Summe werden für eine Informationskampagne verwendet. Die vielen Gespräche, die ich in den letzten Monaten hatte, haben nämlich hervorgebracht, dass es ein großes Bedürfnis nach mehr Information gibt. Die Leute wollen wissen, welche neuen Regelungen gelten und wie es künftig auf der Mariahilfer Straße aussehen wird, wenn die Fußgängerzone kommt. Außerdem war es der Wunsch der Bevölkerung, mitentscheiden zu dürfen. Das kostet eben Geld, direkte Demokratie ist auch mit Kosten verbunden.

Viele fragen sich ohnehin, ob es sich auszahlt, so viel Geld in nur eine Straße zu investieren.
Vassilakou:
Oh, Wien nimmt viel Geld in allen Bereichen in die Hand, um die Nase vorne zu haben. Man kann hier für einen Euro pro Tag mit den Öffis unterwegs sein und der Kindergarten ist kostenlos. Da können sich viele Städte und Länder eine Scheibe abschneiden. Worum es geht, ist: in den zentralen Bezirken, die unter starkem Verkehr leiden und kaum Grünflächen und Freiraum haben, die Verkehrsberuhigung voranzutreiben. Das Geld für die Mariahilfer Straße wird unmittelbar in die Lebensqualität von 50.000 WienerInnen investiert, die dort wohnen und 220.000, die jede Woche mit ihren Familien auf dieser Straße spazieren gehen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man es als Stadt besser anlegen könnte.
Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Vorhaben für derartiges Aufsehen sorgen wird?
Vassilakou: Ja, das ist bei Veränderungen im Verkehrsbereich eigentlich immer so. Bei der Kärntner Straße ist das ja seinerzeit auch alles andere als glimpflich abgelaufen.

Wäre es nicht einfacher gewesen, die Bevölkerung im Vorhinein zu befragen?
Vassilakou:
Nein. Denn die Bürger sollen sehen und erfahren können, was genau eine Veränderung bringt. Viele Städte sind bei verkehrspolitischen Vorhaben dieser Dimension dazu übergegangen, immer eine Testphase einzuräumen und dann erst zu befragen. Das Problem, wenn man das schon im Voraus macht, ist, dass das Ergebnis einfach die Summe aller Hoffnungen und Befürchtungen widerspiegelt.
Wollen Sie sich mit der Fußgängerzone auch ein persönliches Denkmal setzen?
Vassilakou: Nein, ich verbinde das keinesfalls mit meiner Person. Aber ich bin ein Mensch wie jeder andere und wenn ich dann im Spätsommer auf der Mariahilfer Straße spazieren war, hat es mir Freude bereitet zu sehen, dass die Leute diesen Freiraum wirklich genießen. Aber mit Denkmal hat das weiß Gott nichts zu tun. Denkmäler kriegen in Wien ohnehin nur die Toten.   

Werden Sie oft angesprochen, wenn Sie auf der Mariahilfer Straße unterwegs sind?
Vassilakou:
Und wie! Ein durchschnittlicher Spaziergang auf der Mariahilfer Straße dauert bei mir ziemlich lange (lacht). Ich werde dabei sowohl von Menschen angesprochen, die begeistert sind, als auch von solchen, die sehr viel zu kritisieren haben. Da bekomme ich es mit jeder Menge positiven, wie auch negativen Emotionen zu tun. Bekanntlich macht der Wiener aus seinem Herzen ja keine Mördergrube (lacht).

Gibt es auch in Ihrer Familie und Ihrem Freundeskreis Kritiker?
Vassilakou:
Ich kann mich nicht entsinnen, in all den Jahren, in denen ich in der Politik bin, je etwas getan zu haben, das wirklich alle vorbehaltlos gut fanden. So auch jetzt!

Die Nationalratswahlen 2013 sind für die Grünen nicht ausgegangen wie gewünscht. Könnte es sein, dass die Grünen an dem vorbeiarbeiten, was die Bürger wirklich bewegt?
Vassilakou:
Warum? Die Grünen waren Gewinner dieser Wahl. Ich denke, dass wir auf dem richtigen Weg sind und gehe zuversichtlich in die bevorstehende Wien-Wahl. Aber klar, mein Weg ist einer, der immer für Kontroversen sorgt. Vieles, das ich in Wien verändern möchte, ist auf den ersten Blick nicht populär. Aber auf lange Sicht gesehen, sind das alles gute Maßnahmen, mit denen wir unser Leben gesünder, unsere Luft besser und unsere Stadt lebenswerter machen.  

Könnte eine dieser Maßnahmen künftig auch Kennzeichen für Radfahrer sein?
Vassilakou:
Städte, die Kennzeichen eingeführt haben, haben das wieder rückgängig gemacht. Das Problem ist, dass die Kennzeichen sehr klein und kaum sichtbar sind. Zudem sind sie mit einem sehr hohen Verwaltungsaufwand verbunden, der in keiner Relation zum Nutzen steht. Oft gibt es Probleme, weil einige, die mit dem Rad unterwegs sind, das nie richtig gelernt haben. Sie wissen gar nicht, was erlaubt ist und was nicht. Deshalb wollen wir den Radausweis für 10-Jährige flächendeckend anbieten. Denn was man als Kind richtig gelernt hat, kann man als Erwachsener.

Ebenfalls für viel Diskussionsstoff haben die neuen Parkgebühren gesorgt. Kritiker bezeichnen sie als Abzocke...
Vassilakou:
Würde man die Parkgebühren sehr günstig machen, wäre der Vorwurf der Abzocke tatsächlich gerechtfertigt. Denn die Stadt hätte zwar Einnahmen, aber der Effekt für die Anrainer wäre gleich null. Die Parkgebühren müssen hoch genug sein, damit es ein Motiv gibt, vielleicht etwas anderes als das Auto zu nutzen. Die Zahlen belegen, dass der Effekt eindrucksvoll ist. Aber natürlich ist es nicht populär, wenn man plötzlich für etwas zahlen muss, das bis gestern noch kostenlos war.

Stichwort populär: In den Umfragen liegt HC Strache zurzeit ganz weit vorne...
Vassilakou:
Jeder Einzelne von uns Politikern – würde er es tatsächlich darauf anlegen – könnte es leicht schaffen, beliebt zu sein. Das geht, indem man Emotionen aus der Bevölkerung aufgreift und verstärkt. Ohne sich darum zu scheren, ob etwas machbar ist und welche Konsequenzen es haben könnte. Das ist der leichte Weg, die meisten von uns gehen aber den schwierigen. Es ist als Politiker wichtig, den Bürgern reinen Wein einzuschenken und zu erklären, dass es hin und wieder auch unbeliebte Maßnahmen braucht. Politiker wie Strache bieten aber für die Ängste der Menschen nur billige Lösungen an, die unsere Welt bei genauerem Hinsehen weder gerechter, noch freier machen.

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