Margit Fischer im MADONNA-Talk

„First Lady? So nennt mich niemand“

Margit Fischer im MADONNA-Talk

Wir haben die 400. Jubiläumsausgabe zum Anlass genommen, Margit Fischer, Gattin des Bundespräsidenten Heinz Fischer (76), zum Interview zu bitten. Denn ein Jubiläum, so Fischer, sei immer auch ein guter Zeitpunkt, um zu reflektieren.  Über die aktuelle, gesellschaftspolitische Situation, Armut in Österreich und die Zukunft. Denn Margit Fischer ist glückliche Großmutter dreier Enkel (Anna, 6, Una, 4, und Julia, 3) und macht sich viele Gedanken über die Zukunft, für die sie auch einen konkreten Wunsch hat. „Frieden.“

Sie haben vor längerer Zeit gesagt, dass Sie den Titel „First Lady“ nicht sehr mögen …  
Margit Fischer
: Mich spricht niemand mehr mit First Lady an. Ich bin die Margit Fischer.

Frau Fischer, auf Fotos, bei Empfängen, Staatsbesuchen lächeln Sie. Von innen heraus. Wie gelingt das?
Fischer:
Indem ich nicht da­ran denke (lacht). Ich möchte mich aber für dieses Interview bedanken und zum MADONNA-Jubiläum herzlich gratulieren. 400 Ausgaben sind eine beachtliche Anzahl, hinter der viel Arbeit und Engagement stecken. Es ist ein Zeitpunkt, wie so oft bei runden Zahlen, um zu reflektieren. Das passt sehr schön in das heurige Gedenkjahr, in dem wir über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 60 Jahre nach dem Staatsvertrag und über 150 Jahre Ringstraße nachdenken. Das waren jeweils große ­Umbrüche. Ich habe heute das Gefühl, das wir in einer Zeit ­leben, in der viele Umbrüche passieren.

Wo genau bemerken Sie diese Umbrüche, und in welche Richtung bewegen sich die Dinge Ihrer Meinung nach?
Fischer:
Für mich war der Bau der Ringstraße vor 150 Jahren ein großer Umbruch, ein städtebauliches, soziales und ökonomisches Projekt mit weitreichenden Auswirkungen. Es war enorm mutig, die Stadtmauern abzureißen und dieses große Projekt zu entwickeln. Man hat in diesem Projekt viele Bevölkerungsgruppen miteinbezogen. Eine große Gruppe waren auch die Juden, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zugewandert sind. Damit sind wir auch wieder in der heutigen Zeit, in der wir viel mit dem Thema Migration konfrontiert sind. Ich würde nicht sagen, dass Migration per se ein Pro­blem ist. Es ist meiner Meinung nach nur ein Problem, wenn man es nicht richtig angeht. Viele Menschen haben die Hoffnung, bessere Lebensbedingungen für sich und ihre Familien zu finden. Wie z. B. auch meine Großeltern und Eltern damals. Es ist jetzt genau 100 Jahre her, als mein Großvater, der einer dieser Einwanderer war, in den Ersten Weltkrieg einrücken musste, im August 1915 gefallen ist und die Familie in Not zurück gelassen hat. Man muss nur ein bisschen in die Vergangenheit schauen, um zu sehen, dass es wichtig ist, Leute aufzunehmen, die sich aufmachen, um eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien zu suchen, oder vor Krieg und Diktatur flüchten.

Die Flüchtlingsströme sind im Moment in Europa ein wirklich großes Thema. Wie, glauben Sie, kann man sich diesem Thema human annähern?
Fischer:
Ihre Frage fordert ­eine politische Antwort, die nicht meine Aufgabe ist. Mein Anliegen ist, den Menschen, die hier gelandet sind, zu helfen sich bei uns zu integrieren und ihnen eine Entwicklungsmöglichkeit zu geben. Es ist auch wichtig, dass wir vor Zuwanderern keine Angst haben,  sondern sie als Bereicherung empfinden. Wir müssen zeigen, dass es für jeden Einzelnen Potenzial gibt, sich zu entwickeln, auch wenn dieses ­Potenzial für viele im ersten Moment nicht erkennbar ist. Für mich ist es besonders wichtig, Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, die Faszination von Wissenschaft und Technik zu entdecken. Die meisten hatten diese Möglichkeit davor nicht. Das ist etwas, das wir im Science Center betreiben. Eine österreichweite Initiative, die ich mit initiiert habe und bei der ich selbst auch die Vorsitzende bin. Wir feiern gerade unser 10-jähriges Bestehen.

Sie engagieren sich auch umfangreich für die Volkshilfe.
Fischer:
Am 29. Juli 2015 wird die Volkshilfe Gala im Rathaus stattfinden, für die wir ein tolles Programm ent­wickelt haben. Menschen, die der Volkshilfe Geld geben, sollen das nicht als Einbahnweg empfinden. Es geht jeden etwas an, wenn Menschen in Not sind. Und ich möchte  jetzt gar nicht definieren, wer aller in Not ist. Es kann in Wahrheit jeden treffen. Es kann uns ­allen passieren, das wir darauf angewiesen sind, dass uns jemand hilft.

Wie beobachten Sie den gesellschaftlichen Wandel. Die Schere zwischen Arm und Reich?
Fischer:
Ich empfinde diese aufgehende Schere als eine große Gefahr für die Demokratie, den Frieden und die Sicherheit in Österreich, aber auch weltweit. Die auseinanderklaffende Schere des Habens und Nichthabens ist der Auslöser für viele Krisen innerhalb Europas, aber auch außerhalb unserer Grenzen.  Für mich ist es wichtig, an dieser Bewusstseinsbildung zu arbeiten.  Nur darüber zu reden und auf andere zu zeigen – die sollen etwas machen –, das reicht nicht.

Statt anderen Kulturen fair und mit Neugier zu begegnen, wird die Angst vor dem Fremden geschürt. Wie kann man positiv auf die Menschen einwirken?
Fischer:
Das Kennenlernen ist wichtig! Früher sind die ­Österreicher nach Italien auf Urlaub gefahren. Vor Italienern haben sie nun keine Angst mehr. Jetzt fahren sie weiter weg. Wenn man z. B. die Sprache nicht kann, dann hat man oft Angst, sich im Land selbstständig zu bewegen. Man sollte den Leuten Mut machen, sich die Kultur anderer Menschen und Länder anzuschauen, zu vergleichen und zu ­reflektieren.

Was haben Sie diesbezüglich Ihren beiden Kindern versucht mit auf den Weg zu geben?
Fischer:
Wir sind viel gereist. Man kann es nur vorleben. Ich glaube, es geht nicht anders. Man darf Kinder nicht abschotten und ihnen Angst machen. Meine Kinder durften viel ausprobieren. Wenn ich die Kinder zur Beschäftigung nur vor den Fernseher setze,  dann kann ich als Erwachsener nicht mitgestalten oder abfangen, wenn sie sich fürchten, und nicht helfen, Neues zu verarbeiten. Wenn ich eine Geschichte erzähle und ich währenddessen in das Gesicht eines zweijährigen Kindes blicke, dann sehe ich, was sich in seinem Kopf abspielt. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen und sich mit Kindern zu beschäftigen. Wenn sich Eltern nicht oder zu wenig mit ihren Kindern beschäftigen, kann das schwierig werden. Gemeinsam im Wald spazieren kostet zum Beispiel nichts. Freizeitverhalten, Zeit und Empathie füreinander brauchen Kinder, um sich entwickeln zu können. Daher sind auch gute und erschwingliche Kindergärten so wichtig.

Margit Fischer im ausführlichen Gespräch mit Alexandra Stroh.
Fischer © Wolfgang Wolak


Was wünschen Sie der Generation Ihrer Enkel?
Fischer
: Ich glaube, es gibt nur ein Wort, das fast alles umfasst, und das ist: Frieden. Wenn Frieden herrscht, gibt es auch mehr soziale Ausgeglichenheit, Möglichkeiten, sich zu entwickeln, zu reisen und zu kommunizieren. Im Frieden ist vieles möglich. Und es ist so viel Gutes erreicht worden: Dass man – wie in Österreich  zum Beispiel – als Frau alleine auf die Straße gehen kann, ist nicht überall selbstverständlich. Es ist in Österreich in den letzten Jahrzehnten unglaublich viel Positives geschaffen worden. Mir wird dies zunehmend bewusst, und ich bin ­dafür sehr dankbar.

Wird es uns in den nächsten Jahren gelingen, dass Frauen für die gleiche Arbeit genauso viel verdienen wie Männer?
Fischer:
Daran müssen wir arbeiten.

Sie haben drei Enkelkinder und nehmen sich viel Zeit für die Mädels.  
Fischer
: Ja, das ist mir auch sehr wichtig. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit ein Sommerfest für unsere Enkelkinder und die Enkelkinder unserer Freunde veranstaltet. Da gab es viele Aktivitäten, und es war eine große Freude, die übernächste Generation zu beobachten und sich mit ihnen zu beschäftigen.

Zum Schluss darf ich noch fragen, was Sie vorhaben, wenn Ihr Mann als Bundespräsident in Pension geht …
Fischer
: Wir haben noch mehr als ein Jahr Zeit, uns da­rauf einzustellen.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit danach?
Fischer
: Wir lassen die Zeit nachher in aller Ruhe an uns herankommen. Wir haben sehr viel erlebt und dürfen uns wirklich nicht beklagen. Wir haben ein sehr interessantes Leben gehabt, und ich denke, dass auch die nächsten Jahre interessant werden.

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