Klaus Heidegger:

,Ich möchte ein tabu brechen‘

26.04.2013


My American Dream. Kompromisslos rechnet Ex-Skistar und Businessman Klaus Heidegger mit seiner bewegenden Vergangenheit ab. 

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S ein Leben ist DIE österreichische Erfolgsgeschichte schlechthin. Klaus Heidegger (55) machte sich als Skistar einen großen Namen und nach Beendigung seiner sportlichen Karriere baute er als Geschäftsführer gemeinsam mit seiner Frau die Beautymarke Kiehl’s zu einem Kosmetikimperium auf.  
Beichte. Jetzt kehrte der dreifache Vater (Nicoletta, 22, Hannah und Maxi, 16) und Multi-Millionär, der auf einer Ranch in Kalifornien lebt, in seine einstige Heimat zurück, um seine Biografie „My American Dream“ zu präsentieren.   MADONNA traf den gebürtigen Tiroler zum Interview, in dem er auch offen über den erlebten Missbrauch und seine Eheprobleme sprach.  

In Ihrem Buch schreiben Sie schonungslos offen über Ihr Leben. Warum gerade jetzt?
Klaus Heidegger: Ich hatte es nie geplant, eine Biografie zu veröffentlichen, doch in dem Moment hat es sich einfach richtig angefühlt. Ich bin mit mir selbst ins Reine gekommen und hoffe, dass ich mit meiner Ehrlichkeit anderen helfen kann. Und warum jetzt? Man weiß ja schließlich nicht, wie lange man lebt (lacht).  
Im Buch thematisieren Sie erstmals den Missbrauch, der Ihnen als 11-jähriger Bub widerfahren ist. Wieso haben Sie den Weg der Veröffentlichung gewählt?   
Heidegger: Ich bin im „heiligen Land Tirol“ aufgewachsen. Da spricht niemand über Sex, geschweige denn über Missbrauch und sexuelle Nötigung. Als 11-jähriger Junge war mir nicht klar, dass das, was mir angetan wurde, falsch ist. Ich war ein Kind – naiv und ahnungslos. Mein Vater war zwei Jahre zuvor gestorben und der nette, ältere Junge vom Fußballplatz, der sich als mein Freund ausgab, wusste diese Situation auszunutzen...  
Sie beschreiben seine Person sehr genau, doch den Namen verschweigen Sie. Gab es aus Ihrem Heimatdorf Götzens bereits Resonanzen auf Ihre Beichte?
Heidegger:
Ja, natürlich. Einige meiner Schulkollegen , die eigentlich wissen sollten, wer das war, haben sich bei mir gemeldet. Wer weiß, vielleicht ist manchen von Ihnen dasselbe widerfahren. Ich glaube jedoch, dass die meisten diese Geschichte einfach vergessen und verdrängen wollen.  
Warum denken Sie das?
Heidegge
r: Leider ist es in unserer Gesellschaft immer noch verpönt, von Missbrauch und Vergewaltigung zu sprechen. Ich bin das Opfer und der Täter ist der Andere, doch das zu thematisieren, ist nicht leicht und wird als persönlicher Schandfleck gesehen. Hier muss sich unbedingt etwas verändern und unsere Gesellschaft muss umdenken. Mit meiner Beichte geht es mir auch darum, ein Tabu zu brechen. Ich selbst bin daran gewachsen und wenn ich durch diese Geschichte etwas bewirken kann , dann habe ich damit etwas Gutes getan.
Wie konnten Sie diese dunkle Episode Ihres Lebens überhaupt verarbeiten?  
Heidegger:
Nun, anfangs  hatte ich den Ski-Sport, in den ich meine ganze Frustration und aufgebaute Aggression stecken konnte – das war für mich ein wichtiges Ventil. Doch ich merkte natürlich, dass mich diese Sache unterbewusst beeinflusste. Meine ersten sexuellen Erfahrungen und zwischenmenschlichen Beziehungen waren eher problematisch, da ich keine wirklichen Emotionen aufbauen konnte. Erst bei meiner Frau Jami konnte ich mich öffnen und mit ihr auch eine, wie man nach 28 Jahren Ehe sieht,  funktionierende Beziehung eingehen. Der Missbrauch verfolgte mich jedoch noch sehr lange. Erst mit 52 Jahren habe ich geschafft, meiner Frau davon zu erzählen.  
Wie hat sie darauf reagiert?
heidegger: Sie war natürlich schockiert. Doch sie hat davor schon gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt, da ich in dieser Zeit von einer tiefen Depression geplagt wurde. Ich konnte es lange verdängen, doch wenn man älter wird, fängt man an, über gewisse Sachen nachzudenken. Jami hat entsprechend reagiert und mir eine Psychologin empfohlen, die mir half, meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Jetzt geht es mir endlich besser.
Sie sind seit über 30 Jahren mit Ihrer Frau zusammen, das ist eine sehr lange Zeit. Wie schafft man das heutzutage?
Heidegger:
Eine Beziehung, die so lange hält, kennt natürlich nicht nur Sonnenseiten. Ups and Downs gibt es in jeder Ehe und irgendwann verliert sich die Leidenschaft zueinander. Kurzzeitig hatte ich sogar eine Affäre mit einer anderen Frau. Doch mithilfe einer Eheberaterin und der Besinnung auf unsere Gemeinsamkeiten konnten wir wieder zueinanderfinden. Der Hauptgrund ist wohl auch, dass ich damals vor 28 Jahren meine beste Freundin geheiratet habe.
Sie haben drei Kinder mit Jami – Nicoletta und die Zwillinge Maxi und Hannah. Wie vermittelt man als Multimillionär seinen Kindern Ehrgeiz?
Heidegger:
Meine Frau und ich haben unseren beruflichen Erfolg mit harter und konsequenter Arbeit aufgebaut. Deshalb haben wir unseren Kindern von Anfang an klargemacht, dass sie für ihre Bedürfnisse Leistung bringen müssen. Bildung ist uns wichtig – vor allem mir, da ich die Möglichkeiten, die ich meinen Kindern heute bieten kann, nie hatte. Nicoletta, meine Älteste, hat jetzt auf Stanford ihren Abschluss gemacht und darauf bin ich sehr stolz. Sportlich führen Maxi, der im Basketball sehr erfolgreich ist, und Hannah, die ihre Freizeit dem Reitsport widmet, die Familientradition weiter. Doch sie wissen genau, dass die Schulnoten passen müssen.  
In der letzten MADONNA haben wir über Briefe berichtet, in der Stars ihrem 16-jährigen Ich schreiben. Was würden Sie sich selbst auf diese Weise vermitteln wollen, wenn Sie das könnten?
Heidegger:
Ich denke, ich würde mein 16-jähriges Ich darauf aufmerksam machen, dass Zeit weitaus kostbarer ist, als man es in seiner Jugend wahrnimmt. Man schiebt vieles auf und setzt falsche Prioritäten, wohingegen man versuchen    sollte, sie zu nützen. Das würde ich meinem jungen Ich sagen. 

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