„Bin selbst eine Quotenfrau

Gabriele ­Heinisch-Hosek im MADONNA-Talk

„Bin selbst eine Quotenfrau"

Es sei natürlich eine harte Zeit gewesen, gibt die Ministerin zu. Und ja, auch ­Tage, an denen sie sich lieber hätte einigeln wollen, hat es gegeben. Die Schulmisere hat die Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (53) ins Umfragen-Tief gestürzt. Die Pannen-Serie von Bifie bis Zentralmatura und die Probleme mit der Neuen Mittelschule bis hin zur stagnierenden Bildungsreform – für Grünen-Chefin Eva Glawischnig eindeutig genug Gründe, Heinisch-Hoseks Bemühen als ­gescheitert zu betrachten und ihren „Rücktritt“ zu fordern. Auch die Medien sehen die ehemalige Lehrerin „angezählt“.


„Was nun, Frau Minister?“, wollten wir wissen und baten die SPÖ-Politikerin zum ausführlichen Gespräch. Schnell wird klar: Die Frau hat Stehvermögen und es könnte sein, dass sie ihre Kritiker einfach aussitzt. Derzeit trifft sie sich regelmäßig mit Schulexperten wie Christa Koenne, Niki Glatt­auer und der Bildungspsychologin Christiane Spiel, um die Reform und die Autonomie der Schulen auf Schiene zu bringen. Heinisch-Hosek ist trotz aller Kritik – sie sagt: „Der Kanzler steht immer hinter mir“ – voll Tatendrang und davon überzeugt, dass die Bildungsreform gelingen wird. Geht es nach der ausgebildeten Pädagogin, ist ihre Vision von der autonomen, modernen  Ganztagsschule österreichweit in zehn Jahren Realität. Dass die Gehaltsschere bis ­dahin geschlossen ist, damit rechnet die Ministerin aber leider nicht. Das Interview.

Sie haben viel Kritik einstecken müssen. Wie reagieren Sie auf negative Schlagzeilen und Kommentare über sich?
Gabriele Heinisch-Hosek:
Ich ärgere mich immer wieder. Es gibt viele Leute, die mir raten, so was gar nicht zu lesen. Aber das kann ich nicht. Und wenn etwas Positives über ­einen geschrieben wird, freut man sich natürlich.


Gerade war Equal Pay Day. Wann werden Frauen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten?
Heinisch-Hosek:
Ich glaube auf jeden Fall, dass wir uns ­annähern können. Ich glaube, dass völlige Gleichheit bei ­Gehältern dann sein könnte, wenn vollkommene Trans­parenz herrschen würde. Viele Komponenten werden diese Lohnschere kleiner machen, aber ob sie jemals beseitigt wird, kann man mit heutigem Tag nicht sagen. Sie geht zusammen, aber leider viel zu langsam.


In Deutschland hat Ihre Parteikollegin von der SPD das Entgeltgleichheitsgesetz gefordert. Was sagen Sie dazu?
Heinisch-Hosek:
Das Gesetz basiert auf unserer Idee aus Österreich. Gleiche und gleichwertige Arbeit darf nicht unterschiedlich entlohnt werden. Bis Jahresmitte haben wir die Evaluierung. Dann wird man sehen, wo man nachbessern muss.  

Frau Merkel hat in Deutschland die Frauenquote durchgesetzt. 30 % für die Aufsichtsräte von rund 100 börsennotierten Unternehmen. Werden Sie ihrem Beispiel folgen?
Heinisch-Hosek:
Für uns ­wäre das für die ATX-Unternehmen adaptierbar. Ich hatte Vorstöße gemacht und bin vor allem in der Wirtschaft immer auf ­Widerstand gestoßen. Ich habe von den Arbeitgebervertretungen immer wieder gehört, dass wir das in Österreich freiwillig machen. Aber freiwillig tut sich nichts! Und keine Frau muss sich irgendwie negativ berührt fühlen, wenn sie von nicht so Wohlmeinenden als Quotenfrau benannt wird. Ich bin auch eine Quotenfrau, sonst wäre ich nicht dort, wo ich bin. Und wir sind gut! In der Privatwirtschaft würden viele Frauen in der zweiten Etage nur darauf warten, schaffen aber den Sprung nicht, weil die Männer dichtmachen.

Viele Frauen würden sich wünschen, dass Sie noch aggressiver vorgehen ...
Heinisch-Hosek:
Gesetzlich und auf dem Papier findet Gleichstellung statt, doch in der Realität nicht. Aber da nützt mir auf den Tisch hauen nichts, weil die Gesetze hätten wir ja. Das Durchsetzen der Gesetze ist oft individuell für Frauen sehr schwierig. Und ja, es gibt Menschen, die meinen, ich müsste Dinge aggressiver angehen. Ich arbeite aber lieber am Verhandlungstisch. Jeder hat seinen eigenen Stil.


Wechseln wir das Thema: Trifft Sie das, wenn nur noch von der Schulmisere gesprochen wird?
Heinisch-Hosek:
Als Pädagogin trifft mich diese einseitige Darstellung von dem, was Schule kann. Österreich hat prinzipiell ein gutes Schulsystem. Wir werden auch heuer bei der Zentralmatura sehen,  dass das ein gutes neues System der standardisierten Überprüfung ist. Diese Umstellung ist natürlich eine lange und schwierige, aber ich verwehre mich dagegen, dass es eine Schulmisere in Österreich gibt. Ich gestehe ein, dass wir uns ein relativ kostenintensives Bildungssystem leisten. Ich spreche mich auch für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr aus.

Wie soll die Schule der Zukunft aussehen?
Heinisch-Hosek
: Meine Vision von Schule ist, dass sie das ganze Jahr offen hat. Sie bietet zwischen sieben und 18 Uhr die Möglichkeit, dass man sich dort aufhalten kann. Wir müssen meiner Meinung nach weg von der Halbtagsschule. Am Abend hat man dann Zeit für die Familie. Das geht nur, wenn die Ferienzeiten auch mitbedacht und an die Arbeitszeiten der Eltern angepasst werden.

Wie erklären Sie sich die anfängliche Pannenserie?
Heinisch-Hosek:
Ich glaube, im gesamten System gehört aufgeräumt: Es gibt zu viele ­Eigenständigkeiten und zu wenige Gemeinsamkeiten. Das soll bald der Vergangenheit ­angehören. Ich sehe die Rückschläge als Herausforderung für die Zukunft und ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind. Ich möchte noch ideologische Schranken einreißen, die leider da sind: Kinder mit zehn Jahren zu trennen, ist zu früh, das geht mit vierzehn auch noch – alle können dann noch ihren Weg gut beschreiten. Um diese Dinge zu bearbeiten, braucht es viel Überzeugungsarbeit.

Ab wann soll es die moderne Ganztagsschule geben?
Heinisch-Hosek:
Die Bildungsreform sieht einen Zehnjahresplan vor. Finnland hat 20 Jahre gebraucht. Es braucht Zeit, große Systeme umzustellen.

Umso schlimmer, wenn Sie nur kritisiert und zum Rücktritt aufgefordert werden ...
Heinisch-Hosek:
Ich schöpfe meine Kraft aus meinem Team und meiner Beziehung zu meinem Ehemann. Wenn da alles passt und wir gemeinsam an einem Strang ziehen, ist das alles auszuhalten. Im Bildungs­bereich stehen so viele Änderungen an, dass ich die, die mich kritisieren, dazu einlade, diesen Weg mit mir zu gehen, mir zu helfen und ihre Ideen einzubringen.

Gab es für Sie auch schon Momente der Verzweiflung?
Heinisch-Hosek:
Nein, eigentlich nicht. Es gab Momente, wo ich mir gedacht habe: „Wieso kann ich das nicht so rüberbringen?“ Ich bin nicht angetreten, um aufzugeben. Der Bundeskanzler steht voll hinter mir, und ich habe mich noch nie alleingelassen gefühlt. Mein Auftrag sind die Kinder, die es verdient haben, in ein gutes Bildungssystem einzusteigen. Bildung muss herkunftsüberwindend, leistbar und konkurrenzfähig sein. Wir brauchen ein Bildungssystem, das kein Kind zurücklässt.

Wie schütteln Sie die negative Stimmung und die Schlagzeilen mancher Tage ab?
Heinisch-Hosek:
Das Wichtigste ist an solchen Tagen, nach Hause kommen zu können. Heimkommen, wo ich – ohne, dass mir etwas vorgeworfen wird – meine Erlebnisse und Gefühle artikulieren kann. Nur dadurch nehme ich die Probleme und Schlagzeilen nicht mit in den Schlaf. Ich entspanne, indem ich meinem Mann von meinem Tag erzähle – vielleicht bei einem Glas Wein. Er ist sehr tolerant und fängt mich immer auf. Ich bin mit so viel Freude angetreten, dass die Trübungen, die da sind, trotzdem überwunden werden können, weil ich eben weiß, wofür und für wen ich das mache. Ich mache es für die Kinder.

Bildungsexpertin Christa Koenne berät die Ministerin und fordert:

„EINE BESSERE BILDUNG":

Die Ansprüche an das Bildungssystem haben sich verändert. Heutige Kinder und Jugendliche leben in einer Welt, die durch Informationsflut und eine große Menge an Lernangeboten gekennzeichnet ist. In der Schulzeit gilt es, sie darauf vorzubereiten. Da wird über die Organisation des Bildungssystems unter dem Titel „Freiraum für Österreichs Schulen“ als „Empfehlung zur neuen Steuerung“ zwischen Bund und Ländern verhandelt. Da werden nach Empfehlungen von ExpertInnengruppen, begleitet durch einen Qualitätssicherungsrat, an den pädagogischen Hochschulen und den Universitäten die Ausbildungen der PädagogInnen neu bedacht.


Ziel ist eine bessere Bildung für Kinder und Jugendliche.

Woran wird das erkannt werden? Noch fehlt eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Bildungszielen, die in der „unterrichtspflichtigen Zeit“ erreicht werden sollen und KÖNNEN. Lehrpläne sind einer Vollständigkeit der Bildungsinhalte verpflichtet und daher sehr umfangreich. Es braucht eine Festlegung auf Mindeststandards. Es braucht eine Klärung, was in der Verordnung mit „das Wesentliche überwiegend erreicht“ gemeint ist, wenn das die ­Voraussetzung für eine po­sitive Beurteilung einer SchülerInnenleistung sein soll.
Eine Prüfung zur „mittleren Reife“ – nicht als Selektionsinstrument, sondern zur Orientierung für alle Betroffenen – zentral durchgeführt sollte vorgesehen werden. Ihre
Planung setzt eine intensive Auseinandersetzung mit allen Aspekten von „Bildung“ ­voraus. 

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