Nur wenige Väter gehen in Karenz

Karenzmuffel

Nur wenige Väter gehen in Karenz

Vater werden ist nicht schwer, in Karenz gehen dagegen sehr. So zumindest scheinen es die österreichischen Männer immer noch zu sehen – sie sind, das zeigen Zahlen der Statistik Aus­tria, nach wie vor Karenzmuffel. Demnach waren im Dezember vergangenen Jahres nur 3,8 Prozent der Bezieher von Kinderbetreuungsgeld männlich. Konkret blieben zu diesem Zeitpunkt 119.476 Frauen zu Hause beim Nachwuchs, aber nur 4.773 Männer. Und der Trend zeigt nach unten: Im Vergleichszeitraum 2016 waren noch 4,2 Prozent der Karenzierten Väter. Freilich eine Momentaufnahme, in Sommermonaten kann es anders aussehen: Insgesamt liegt die Väterbeteiligung im Durchschnitt bei 19 Prozent – diese Männer bleiben meist aber nur relativ kurz zu Hause.


Überhaupt nur ein Nischenangebot scheint der im März 2017 eingeführte Familienzeitbonus – vulgo Papamonat – zu sein. Damit können Väter nach der Geburt 31 Tage zu Hause bleiben und 700 Euro Kindergeld beziehen – sofern der Arbeitgeber zustimmt. Seit Einführung haben 5.907 Personen den Papamonat in Anspruch genommen. Zum Vergleich: In diesem Zeitraum wurden 94.500 Kinder geboren.

Gleichstellung
Elternkarenz kann ein Instrument der Gleichstellung sein, da sind sich Frauenpolitiker auf der ganzen Welt einig. Gleiche Gehälter, gleiche Chancen im Job – das ist möglich, wenn Männer und Frauen zu gleichen Teilen in die Kinderbetreuung involviert sind. Allein: In Österreich ist das noch lange nicht der Fall. Die Politik will das jetzt ändern.

Vorbild Island
Allen voran Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP): Sie will das Thema im kommenden Jahr verstärkt angehen und flog bereits vor wenigen Wochen nach Island, gilt das Land doch weltweit als Vorreiter in Sachen Gleichstellung. In MADONNA erzählt sie, was sie von der Reise mitgenommen hat: „In Island hat man eines erkannt: Wenn Männer auch in Karenz gehen, kehren Frauen schneller wieder in den Arbeitsmarkt zurück, und zwar mit wesentlich mehr Stunden als bei uns. So bekämpft man dort auch das Problem des Fachkräftemangels.“ Um mehr Männer in Karenz zu locken, hat die isländische Regierung ein Anreizsystem geschaffen. Allerdings, gibt Bogner-Strauß zu bedenken: Ganz ähnliche Gesetze gibt es auch bei uns bereits – „sie werden nur viel zu wenig genutzt“.


Anreize
Gemeint ist etwa,  dass in Österreich nur 80 Prozent des Kinderbetreuungsgeldes von einem Partner ausgeschöpft werden können. Die übrigen 20 Prozent sind für den anderen Partner – meist den Mann – reserviert. Geht er nicht in Karenz, verfällt diese Summe. Trotzdem nehmen, so die Ministerin, nur 19 Prozent der Paare den zweiten Teil der Karenz in Anspruch. Zusätzlich bietet das 2017 neu eingeführte Kinderbetreuungsgeld-Konto einen Bonus über 1.000 Euro für jene Elternpaare, die sich die Karenz gleichmäßig oder zumindest 60:40 aufteilen.
Warum das verhältnismäßig wenig in Anspruch genommen wird, weiß auch die Ministerin nicht so recht zu beantworten. „Das ist in unserer Gesellschaft noch zu wenig akzeptiert“, stellt sie im Talk fest. Sie habe auch schon von Männern gehört, die nicht in Karenz gingen, weil das seitens der Firmen nicht gern gesehen sei. Bogner: „Da braucht es ein Umdenken in unseren Köpfen, vor allem aber in den Unternehmen.“


Polit-Papas
Hier kommen die männ­lichen Politiker ins Spiel: Immer mehr wollen als Vorbild fungieren. So kündigte etwa FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache an, im Jänner den Papamonat in Anspruch zu nehmen. Zu Redaktionsschluss war sein gemeinsamer Sohn mit Philippa Strache noch nicht auf der Welt. „Ich will in diesen ersten vier Wochen bei meiner Frau und unserem Kind sein, denn das ist eine ganz wesentliche Phase“, so Strache auf oe24.TV. Bei seinen beiden älteren Kindern aus erster Ehe sei es so gewesen, „dass ich aufgrund meiner Arbeitssituation leider zu wenig Zeit gehabt habe, gerade in der Anfangsphase“, erklärt er  seinen Entschluss zum Papamonat.  „Das möchte ich jetzt besser machen.“ 

Vorbildwirkung
Der FPÖ-Chef ist nicht der erste heimische Politiker, der sich für den Papamonat entschied. Der steirische Vize-Landeshauptmann Michael Schickhofer (SPÖ) machte es Anfang des Jahres vor: „Das war eine zutiefst persönliche Entscheidung“, erzählt er MADONNA.„Es war mir wichtig, den ersten Lebensmonat mit Gregor zu verbringen.“ Schon bei seinen ersten beiden Kindern, Minna (9) und Vincent (7), handhabte es der Politiker so. „Ich habe erlebt, wie wichtig das für die Beziehung zum Kind, aber auch zur Frau ist“, so Schickhofer (39).

Es sei aber auch eine symbolische Entscheidung gewesen, um andere Väter zu motivieren, es ihm gleichzutun: „Ich wollte damit zeigen, egal welchen Beruf man ausübt, man kann und sollte sich diese Zeit für seine Familie nehmen.“ Dass das nach wie vor so wenige österreichische Männer tun, sieht der steirische SP-Chef im Finanziellen begründet: „Man bekommt nur 700 Euro. Das geht sich für viele eben nicht aus.“ Schickhofer fordert von der türkis-blauen Regierung deshalb „eine vernünftige finanzielle Regelung und Maßnahmen zur Attraktivierung“. Es brauche aber auch mehr Verständnis seitens der Arbeitgeber.


„Klare Sache“
Von einer außergewöhnlich guten Erfahrung diesbezüglich weiß Gerald Reiser (38) im Gespräch mit MADONNA zu berichten: „In meiner Firma gab es da überhaupt kein Problem. Ich hatte nie das Gefühl, deswegen von jemandem schief angeschaut zu werden.“ Er glaube aber, dass es vielen anderen Männern so geht. „Das ist in Österreich eben noch immer nicht richtig angekommen.“

Der Ex-Profisportler übernimmt einen Großteil der Karenzzeit – er bleibt acht Monate bei Töchterchen Allegra zu Hause, seine Frau ging nach drei Monaten wieder arbeiten. Schwer fiel die Entscheidung im Hause Reiser nicht: „Es war beruflich für meine Frau, die Managerin ist, die beste Option und auch finanziell eine klare Sache.“ Dass er zu Hause beim Kind bleibt, stößt im Umfeld von Reiser auf große Akzeptanz. Allerdings: „Bei den Behörden scheint das noch nicht angekommen zu sein. Überall werde ich gefragt, wie lange meine Frau denn in Karenz bleibt. Da wird überhaupt nicht davon ausgegangen, dass ich es bin, der zu Hause bleibt.“

Beziehung
Der Jungvater ist überzeugt, dass er durch die gemeinsame Zeit mit seinem Kind „hundertprozentig eine bessere Beziehung“ aufbauen konnte, als er sie sonst hätte. „Ich habe mich vorher informiert: Studien zeigen, dass unter den ersten fünf Personen, an die sich Kinder im Alter von 3 bis 4 Jahren in einer ‚kritischen Situation‘ als erste Reaktion wenden, so gut wie nie der Vater ist. Das hat mich schockiert. Ich wollte so etwas vermeiden und jetzt habe ich eine großartige Bindung zu meiner Tochter.“ Also würde er sich wieder so entscheiden? „Ja, ohne zu überlegen!“

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