Maria Stern im MADONNA-Talk

Neo-Parteichefin

Maria Stern im MADONNA-Talk

Es ist ihr Lebenslauf, dessen Mischung in der Draufsicht für das politische Parkett qualifiziert: Die gebürtige Berlinerin Maria Stern (45) ist Lehrerin, Singer-Songwriterin, Krimiautorin und war Initiatorin und Obfrau des Vereins „Forum Kindesunterhalt“ und Sprecherin des Frauenvolksbegehrens. Als die Dreifachmama (14, 16 und 18) 2017 in die Politik ging, waren ihre Themen klar: die Verbesserung der Situation von Alleinerzieherinnen in Österreich. Dass sie nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung, Personalquerelen, Leaks und Vorwürfen untereinander einstimmig zur neuen Parteivorsitzenden der Liste Peter Pilz werden würde, war (ihr zumindest) weniger klar. Flammende Reden der Neo-Parteichefin für frauenpolitische Themen im Parlament sind jedenfalls ein zukünftiges Fixum im Parlament. 

Hätten Sie je gedacht, Parteichefin zu sein?
Maria Stern: Nein, nie! Ich war eine politische Aktivistin und forderte jahrelang die Unterhaltssicherung für Kinder. Aber ich habe das Gefühl, dass ich von Tag zu Tag mehr hineinwachse und auch: dass mir die Rolle steht!
 
Sie wurden ja als „Retterin“ der Liste inszeniert – fühlen Sie sich unter Druck gesetzt durch diese aktuelle „Monsteraufgabe“? 
Stern: Nein, ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Augenringen. Für manche bin ich wegen des Mandatsverzichts eine Heilige, für andere eine Hure. Beides stimmt nicht. Ich freue mich, dass ich positive Prozesse ermöglicht habe, da fühle ich mich sehr mächtig und stark, ja, das ist cool (lacht).

Gab es für die Liste Pilz seit der Gründung bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sie das Ruder jetzt übernommen haben, eine Entfernung vom ursprünglichen Programm?
Stern: Nein, wir wollen immer noch keine klassische Partei sein und die Türe des Parlaments für die Zivilgesellschaft öffnen. Wir sind jedoch noch vor der Angelobung des Nationalrates massiv geschwächt worden und das ganze Jahr war geprägt von Dingen, die wir ja alle kennen. 

Was waren die Punkte, die die Entwicklung der Liste Peter Pilz stocken ließen?
Stern: Dass Peter Pilz nicht im Nationalrat war. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit unserer Abgeordneten, aber wir wurden von mehr als 200.000 Menschen in erster Linie wegen ihm gewählt. Sein Fehlen in dieser Phase war ein Desaster für den Aufbau der Oppositionsarbeit, zumal die Medien über Monate nur über unsere Personaldebatte anstatt über unsere Inhalte berichteten, was natürlich den Prozess verlangsamt hat, uns inhaltlich stark dastehen zu lassen. 
 
Wie kann man sich die Personalsituation der letzten Monate in der Liste vorstellen? 
Stern: Das weiß ich nicht, weil ich nicht im Klub war. Ich war Frauensprecherin, aber keine Abgeordnete. Es wird berichtet, dass es jetzt sehr angenehm ist. Und es ist auffallend, dass es keine Leaks mehr gibt, seit bestimmte Personen uns verlassen haben. Da kann man natürlich viel besser arbeiten, weil einfach ein vertrauensvolles Miteinander herrscht. 
 
Was hatten Sie für ein Verhältnis zu der am 19. Juli einstimmig aus der Liste gewählten Martha Bißmann?
Stern: Nachdem hier ein Verfahren läuft, äußere ich mich nicht dazu.
 
Und der Vorwurf von Ex-Abgeordneten Sebastian Bohrn Mena, Pilz sei ein „schlechter Parteichef“ und habe einen „autoritären“ und „antidemokratischen“ Führungsstil“ (Anm: aus „Die Presse“)?
Stern: Auch hier läuft ein Verfahren. Nur so viel: Kann ich nicht bestätigen. Auch nicht mit viel Fantasie. 
 
Hat die Problematik des Vorwurfs der sexuellen Belästigung gegen Peter Pilz thementechnisch Nachwirkungen für die Liste?
Stern: Wir sind, was Frauenrechtsfragen betrifft, speziell aufmerksam, das ganz sicher. Und da kommen gerade von den Männern immer wieder Meldungen, bei denen ich spüre: Die haben eine ganz große Sensibilisierung und Respekt. Der eh selbstverständlich sein sollte für alle Parteien. 
 
Nach all den Querelen: Wie tickt die Liste Pilz aktuell untereinander?
Stern: Wir arbeiten schnell, wir lachen viel, wir reden nonstop über Möglichkeiten. Es herrscht aktuell eine unglaublich gute, positive Aufbruchsstimmung, und zwar in allen Sitzungen.
 
Bei welchen Themen wollen Sie respektive die Liste in der Regierung in den kommenden Monaten aktiv mitmischen?
Stern: Jetzt gehen einmal die Untersuchungsausschüsse BVT und Eurofighter los. Das eine ist ein Thema, das immer noch aufgearbeitet werden muss bzw. droht hier eine Neuauflage von Fehlkäufen. Es geht um sehr viel Geld, das wir wirklich in der Armutsprävention brauchen. Die BVT-Affäre versucht die Regierung kleinzureden, aber dieses Misstrauen anderer Geheimdienste gegenüber dem österreichischen Geheimdienst ist für Österreich international gesehen sehr negativ. Und wir wollen definitiv die Unterhaltssicherung einführen, um Kinderarmut zu bekämpfen. Was die Regierung, die ein zentrales Wahlversprechen brach, gerade an Maßnahmen umsetzt, verschärft die Kluft zwischen Arm und Reich. 

Konkret?
Stern: Die Unterhaltssicherung ist beispielsweise eine Präventionsmaßnahme gegen häusliche Gewalt – ganz viele Frauen wissen, dass sie mit ihren Kindern in der Armut landen, wenn sie den Gewalttäter verlassen. Häusliche Gewalt ist kein Randthema: Es werden monatlich zwei Frauen ermordet. Tendenz steigend. Wenn wir die Rechte der Alleinerzieherinnen stärken, werden sich viel mehr Frauen trauen, die Täter rechtzeitig zu verlassen. Um das zu erkennen, brauche ich keine Taskforce, die 2020 die ersten Ergebnisse liefert, da muss ich nur die Unterhaltssicherung einführen und Frauen können sofort ein selbstbestimmtes Leben führen.
 
Wie wollen Sie als Parteichefin zukünftig präsent sein?
Stern: Oppositionspolitisch bei jeder Gelegenheit. Zu meinen Themen, denen ich Kraft meines Amtes jetzt mehr Gewicht verleihen kann und auch muss bei dieser rückwärts gewandten Regierung. Ich sehe mich nicht als Wunderwuzzi, der alle Fragen beantworten kann, sondern werde elegant an diejenigen weiterleiten, die im ­jeweiligen Thema Experten sind. Weil: Personen sind Programme.
 
Sie sind ja auch Krimiautorin: Hilft die Imagination dabei, sich im Dschungel der Politik zurechtzufinden?
Stern: Ich bin Künstlerin und die Aufgabe von Künstlern ist es, aus dem Nichts eine Welt zu schaffen. Ich denke, dass das in der Politik natürlich hilft. 
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