Feuchtgebiete: 'Auch ich habe Ekelgrenzen!‘

Charlotte Roche

Feuchtgebiete: 'Auch ich habe Ekelgrenzen!‘

Wer auch nur ein paar Passagen ihrer Bücher Feuchtgebiete und Schoßgebete gelesen hat, weiß: Dieser Film ist nichts für zarte Gemüter und schwache Nerven. Mit ekeligen Beschreibungen von Analfissuren, Smegma, Urin, Eiter und Selbstbefriedungspraktiken ihrer Romanheldin Helen Memel löste Charlotte Roche (35) bereits 2008 heftige Debatten aus. Jetzt kommt Feuchtgebiete auch ins Kino.
Im MADONNA-Talk spricht die Mutter eines zehnjährigen Mädchens über Ekelgrenzen, ihr Leben als Realistin und wie sie ihre Tochter Polly in Sachen Sexualität aufklärt…

Ihr Buch ist zu 70 Prozent autobiografisch – warum haben Sie die Hauptrolle in der Verfilmung eigentlich nicht selbst gespielt?
Charlotte Roche:
Das Mädchen im Film ist ja schließlich 18 und ich bin doch schon 35 und sehe auch so aus. Aber ich bin auch echt froh darüber, dass von nun an alle ein komplett anderes Bild im Kopf haben, wenn sie das Buch lesen. Nun sehen sie bestimmt alle Carla Juri, die die Rolle der Helen so stark gespielt hat, anstatt mich. Ich finde es sehr befreiend, dass ich nicht mehr im Kopf der Leute bin und dort all diese ekeligen Sachen mache.

Wie stark waren Sie in die Film-Entstehung eingebunden?
Roche:
Das Einzige, was ich beigetragen habe, war der Produzent. Schon als das Buch damals zum Bestseller wurde, kamen wahnsinnig viele Angebote. Doch Peter Rommel, der den Film letztendlich gemacht hat, hat überhaupt nicht mitgeboten. Ich habe zu dieser Zeit aber gerade einige Filme von ihm gesehen und dachte: Wenn einer Feuchtgebiete als Film gut hinkriegt, dann er! Es war also ich, die ihm die Rechte aufgedrängt hat (lacht). Abgesehen davon war ich absolut nicht eingebunden, weder ins Casting noch sonst.

Sie haben den Film das erste Mal gesehen, als er schon fix und fertig war?
Roche:
Genau und ich war extrem aufgeregt. Schließlich habe ich vier Jahre lang darauf gewartet. Er hätte ja auch so peinlich werden können wie American Pie, mit biederen amerikanischen Sex-Witzen. Doch nach den ersten fünf Minuten wusste ich, dass die das gut hingekriegt haben. Mir war das Wichtigste, dass sie den dunklen Humor des Buches einfangen.

Und: Der Film ist auch so ekelig wie Ihr Buch! Ist Ihnen selbst an manchen Stellen übel geworden?
Roche:
Was ekelige Sachen betrifft, bin ich ja eigentlich verklemmt, sonst würde ich auch nicht so viel darüber schreiben. Deshalb lache ich vor lauter Schamgefühl meist darüber, bevor ich es richtig schlimm finde. Ehrlicherweise habe ich aber, als ich den Film das erste Mal gesehen habe, mein Gesicht an ein paar besonders ekeligen Stellen im Pulli versteckt, weil ich nicht hingucken wollte.
Haben Sie sich auch für einige Szenen geschämt, die Sie geschrieben haben?
roche: Nein, schämen tue ich mich überhaupt nicht dafür! Ich weiß ja auch, warum ich diese Dinge geschrieben habe. Das Angucken ist für mich aber trotzdem auch ekelhaft.

Welche Szene ist für Sie besonders grausig?
Roche:
Für mich ist eine der schlimmsten Szenen, die auf der Toilette ganz am Anfang. Aber ich wollte einfach klar machen, dass Bakterien gar nicht schlimm sind. Es ist zwar nicht schön sich das anzusehen, aber irgendwie bin ich stolz darauf, mir so etwas Ekeliges ausdenken zu können (lacht).

Sie haben mit Ihren Skandalbüchern sehr viel Geld verdient. Haben Sie es trotzdem irgendwann einmal bereut, was Sie geschrieben zu haben?
Roche
: Klar sind die Bücher der größte Erfolg meines Lebens, aber ich habe trotzdem gespaltene Gefühle ihnen gegenüber. Es war nämlich anstrengend, täglich mit so vielen Journalisten über diese Themen zu sprechen. Oft habe ich mir gedacht: So müssen sich Prostituierte nach der Arbeit fühlen. Man führt wahnsinnig intime Gespräche mit wildfremden Menschen, das macht einen irgendwann geisteskrank (lacht).

Ihre Tochter ist zehn Jahre alt. Wie gehen Sie mit dem Thema Sexualität zu Hause um?
Roche:
Ich bin ein großer Fan von Erziehungsbüchern. Jan-Uwe Rogge etwa schreibt, dass man Kinder nicht mit Erwachsenensexualität belästigen soll. Wenn sie also fragen, woher die Babys kommen, soll man ihnen nicht gleich alles verraten, was man weiß. Denn Kinder wollen ja nichts mit der Sexualität ihrer Eltern zu tun haben und das verstehe ich vollkommen. Wenn meine Tochter mich etwas fragt, antworte ich immer ganz ehrlich, aber ohne das Kind zu verstören.
Hat Ihre Tochter schon einmal den Wunsch geäußert, ein Buch von Ihnen zu lesen?
roche: Natürlich. Doch dann muss ich ihr leider sagen, dass das nichts für Kinder ist, und, dass sie noch ein bisschen warten muss, bis sie das lesen darf. Bis sie 23 ist mindestens (lacht).

Ihnen ist aber klar, dass Verbotenes umso interessanter ist?
Roche:
Klar, aber verbieten kann man es ja trotzdem mal. Dann kann sie wenigstens dagegen verstoßen, ist doch schön für sie (lacht).

Welche Filme sehen Sie sich eigentlich privat an?
Roche:
Ganz klar Independent Filme, denn ich mag nicht, wie unrealistisch das Leben in Hollywood-Blockbustern dargestellt wird. Da haben Leute Sex und wenn sie danach aufstehen, verstecken sie ihre Brüste. Das macht doch kein normaler Mensch! Da gucke ich lieber Arthouse Filme über Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und richtig dargestellten Sex mit hässlichen Leuten, die dicke Bäuche haben. So ist das Leben!

Aber bleibt da noch Raum zum Träumen – oder möchten Sie das gar nicht?
Roche:
Lustig, dass Sie das fragen. Ich kann nämlich gar nicht träumen. Ich bin keine Träumerin, sondern eine absolute Realistin.
 

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