Der Kampf der Wüstenblume

Waris Dirie im MADONNA-Interview

Der Kampf der Wüstenblume

Sie floh mit 13 Jahren aus ihrer Heimat Somalia, bald feierte  sie eine Karriere als Topmodel. Doch im Zenit ihres Ruhms hängte ­Waris Dirie (50) ihre Karriere an den Nagel, um dafür zu kämpfen, dass kleine Mädchen weltweit vor der Genitalverstümmelung verschont bleiben. Mit der von ihr gegründeten „Desert Flower Foundation“ kämpft sie global gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM). Rund 130 bis 150 Millionen Mädchen und Frauen sollen Opfer dieser gewaltsamen Tradition sein. 1998 wurde ihre Autobiografie Wüstenblume ein internationaler Bestseller. 

Interview. MADONNA hat bei der engagierten Aktivistin nachgefragt, wie sie die aktuelle Situation hinsichtlich FGM in Europa sieht und was sie eigentlich zum Thema Flüchtlings­politik sagt.  
 
Wie präsent ist das Thema von FGM in Europa – in Ihrem Buch sprechen Sie  von mindestens 500.000 Mädchen und Frauen, die von dieser grausamen Tradition betroffen sind?
Waris Dirie: Es gibt heute Schätzungen, dass sich die Zahl der Opfer in Europa mittlerweile sogar verdoppelt hat. Die Regierungen nehmen FGM, ein Verbrechen an unschuldigen Mädchen, immer noch nicht ernst und über­lassen diese ihrem Schicksal. 

Was wissen Sie über die Zahlen in Österreich? 
Waris Dirie: Vor zehn Jahren lebte ich einige Zeit in Österreich. Damals unterstützte ich mit meiner Desert Flower Foundation zwei Studien zu FGM. Eine wurde mit der Stadt Wien und eine mit dem Gesundheitsministerium durchgeführt. Man ging damals von 8.000 ­betroffenen Frauen aus. Die damalige österreichische Regierung hat sich sehr für das Thema engagiert und in der Zeit der österreichischen EU-Präsidentschaft 2006 FGM erstmals in der Geschichte auf die Agenda des EU-Ministerrates in Brüssel gesetzt. Das war ein Meilenstein im Kampf gegen Genitalverstümmelung. Die heutige Regierung scheint sich für das Thema FGM überhaupt nicht mehr zu interes­sieren.

Wie wird diese Praxis gerechtfertigt?
Waris Dirie: Die absolute Kontrolle über die Sexualität der Frau. Es ist eine frauenverachtende Praxis, ein Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen, das bestraft werden muss.

Inwiefern kann in dieser Situation geholfen werden?  
Waris Dirie: Ich fordere seit 20 Jahren Aufklärung an Schulen, Universitäten, in Spitälern, bei Kinderärzten, Gynäkologen, Asylwerbern und in den Communities sowie verpflichtende Kontrolluntersuchungen für die Mädchen, wie sie in Frankreich bereits durchgeführt werden. Täterinnen müssen vor Gericht gestellt werden und – so wie in Frankreich – streng bestraft werden. FGM-Opfer müssen – so wie in unseren Desert Flower Centers in Berlin, Amsterdam und Stockholm – mit Würde und ganzheitlich behandelt werden.  
 
Wie sehen Sie die aktuelle Flüchtlingslage in Europa?
Waris Dirie: Als das Resultat politischen Irrsinns, von Geldgier, Ignoranz, Korruption. Statt die Wirtschaft in den Entwicklungsländern nachhaltig zu verbessern, füttert man korrupte Regierungen weiter mit Milliarden von US-Dollars an „Entwicklungshilfe“. Jeder weiß, dass diese Gelder nie bei der Bevölkerung ankommen. Laut US-Außenministerium haben afrikanische „Führer“ mehr als 280 Milliarden USD Entwicklungshilfegelder in der Schweiz gebunkert. Wieso werden diese Gelder nicht der Bevölkerung zurückgegeben, oder in die Wirtschaft der Entwicklungshilfeländer investiert? Die jungen Menschen in Afrika sehen in ihren Ländern keine Perspektive, keine Zukunft mehr, sie wollen nur noch weg! Europa ist für sie das gelobte Land, der Kontinent der Hoffnung!
 
Vor vielen Jahren mussten Sie auch aus Ihrer Heimat Somalia fliehen. Wie erinnern Sie sich an die damalige Zeit?
Waris Dirie: Ich bin mit 13 Jahren vor einer Zwangsheirat mit einem alten Mann aus der Wüste zu meiner Tante nach Mogadischu, der Hauptstadt Somalias, geflohen. Ich bin aber nicht als Flüchtling nach Europa gekommen, sondern hatte einen Job als Putzfrau bei meinem Onkel in der somalischen Botschaft in London. Nachdem in Somalia der Bürgerkrieg ausgebrochen war, bin ich in London geblieben. Ich hatte nichts außer meinem ­somalischen Pass und habe zwei Jahre als Obdachlose auf der Straße gelebt und mich von Essensresten, die ich in Mülleimern gefunden habe, ernährt. Das war hart, aber immer noch besser als Krieg. Dann habe ich durch eine Freundin einen Putz-Job in ­einem Fastfood-Restaurant gefunden und wurde dort kurze Zeit später als Model entdeckt. Um arbeiten und reisen zu können, habe ich einen Pass gebraucht. Das war dann allerdings wieder sehr schwierig und ich hatte – obwohl ich als Model und Autorin finanziell völlig unabhängig war und nie staatliche Unterstützung bekommen habe – große Schwierigkeiten, ordentliche Dokumente zu bekommen. Erst in Österreich habe ich 2005 einen eigenen Pass bekommen. Und dafür werde ich diesem Land immer dankbar sein. 
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