Warum Untreue eine Chance sein kann

"Die Macht der Affäre"

Warum Untreue eine Chance sein kann

Lange galten Affären als das Ende der Liebe. Jetzt behaupten Psychologen: Der Betrug kann auch eine Chance sein. Ein neuer Bestseller thematisiert dieses Umdenken.

Bill Clinton hatte eine der berühmtesten, Boris Becker hat ihr seinen Spitznamen „Bum Bum Boris“ zu verdanken und auch Brad Pitt und Angelina Jolie haben ihre Erfahrungen damit gemacht – die Affäre, die natürlich nicht nur Politikern und Promis vorbehalten ist, ist eine tabuisierte Angelegenheit, die jedoch viel mehr sein kann als bloß Sex, Lügen und Tränen. „Fast überall, wo Menschen heiraten, ist Monogamie die offizielle Norm und Untreue die heimliche“, schreibt Psychotherapeutin Esther Perel in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienen Buch „Die Macht der Affäre“. Darin arbeitet die berühmte Paartherapeutin heraus, was Menschen dazu bringt, zu betrügen – und was auf Paare zukommt, wenn es ans Licht kommt. Vor allem aber zeigt sie auf, wie unrealistisch die Erwartungen an die Ehe sind.


Wo beginnt Betrug? Betrüger hätten oft kreative Ausreden, schreibt Esther Perel. „Es war kein Sex, denn …“, „… ich kenne noch nicht einmal ihren Namen/wir waren dabei nicht nackt/wir waren dabei nicht ganz nackt.“ Wo fängt Betrügen an? Manche fühlen sich schon verraten, wenn der Partner masturbiert, andere finden Sex okay, solange keine Gefühle im Spiel sind. Und was ist mit denen, die nichts miteinander haben, sich aber alles voneinander erzählen? „Liebe ist chaotisch – Untreue erst recht“, schreibt Perel. „Früher gingen wir fremd, weil Liebe und Leidenschaft in der Ehe gar nicht vorgesehen waren. Nun gehen wir fremd, weil unsere Ehe die Liebe, die Leidenschaft und die ungeteilte Aufmerksamkeit nicht bietet, die wir uns von ihr versprachen“, schreibt sie, und damit ist das zentrale Problem klar: „Wir erwarten von einem einzigen Menschen, dass er uns gibt, wofür ehemals ein ganzes Dorf zuständig war – und wir leben doppelt so lang wie damals. Das ist ein ziemlicher Brocken, wenn man ihn zu zweit stemmen will.“ In vier Kapiteln seziert die Paartherapeutin, die sich auf Untreue spezialisiert hat, welche Voraussetzungen eine Affäre braucht, welche Konsequenzen sie hat, welche Motive hinter ihr stecken und was nach ihr kommen kann.

Neues Verständnis. Perels Analyse gründet auch auf den Geschichten, die in ihrer Arbeit rund um die Welt erzählt wurden. Die „New York Times“ nannte sie mal „Sex and Relationship Guru“. Ein TED-Talk der 61-Jährigen zum Thema Untreue wurde bis heute auf YouTube sieben Millionen Mal angesehen. Von ihrem Podcast „Where Should We Begin?“, bei dem Original-Mitschnitte aus Therapiesitzungen zu hören sind, gibt es bereits eine dritte Staffel. In ihrem Buch zitiert die belgischstämmige Psychologin auch die Gedanken anderer – etwa Journalisten, Philosophen – oder aus Filmen. Konkrete Zahlen liefert ihr Buch keine, Befragungen zum Fremdgehen haben laut Perel auch wenig Sinn: „Menschen lügen, wenn es um Sex geht – insbesondere über Sex, den sie eigentlich nicht haben sollten.“ Nur das ist klar: Die Zahl der betrügenden Frauen steigt seit 1990, die der fremdgehenden Männer bleibt konstant. Warum haben Menschen Affären? Ein Fehler, den viele machen: Sie denken, dass das Interesse an anderen Partnern verschwindet, sobald man „den Richtigen“ gefunden hat. „Gefühle und Begehren für andere zu entwickeln, ist natürlich, aber wir haben die Wahl, ob wir ihnen nachgehen oder nicht“, schreibt Perel. Und wenn Menschen es tun, heiße es immer: Entweder es stimmt etwas nicht mit der Beziehung oder dem Menschen.

Solche Erklärungen greifen zu kurz, meint Perel. In jeder Ehe lasse sich ein Problem finden. Oft gehe es um etwas anderes: „Wir suchen nicht so sehr nach einem anderen Geliebten, sondern nach einer anderen Version von uns selbst.“ Untreue sei „häufig die Rache der nicht ergriffenen Gelegenheiten“. Wer sich für jemanden entschieden habe, lasse sich auf eine Geschichte ein. „Aber wir hören nicht auf, uns zu fragen: In welchen anderen Geschichten hätten wir mitspielen können?“ Eine Affäre muss nicht das Ende einer Ehe bedeuten, macht Perel klar, und zeigt, wie umstritten das ist: „Früher war vor allem die Scheidung eine Schande. Heute ist es die Entscheidung, zu bleiben, obwohl man gehen könnte. Siehe Hillary Clinton.“ Dementsprechend gibt es Paare, denen eine Affäre zu neuer Leidenschaft verhilft. Hat die Monogamie also ausgedient? Perel schreibt auch über Polyamorie, offene Beziehungen, Swingerklubs. Letztlich plädiert sie dafür, Treue neu zu definieren, nämlich nicht nur über sexuelle Exklusivität. „Wie wäre es, wenn wir Treue als eine Art der Beständigkeit der Beziehung betrachten würden, die Respekt, Loyalität und emotionale Intimität beinhaltet?“

Fremdgehen als Chance? Esther Perel eröffnet in ihrem Buch eine neue Perspektive auf das Thema Untreue. „Die Macht der Affäre“ ist erschienen bei HarperCollins und erhältlich um 22,50 Euro.