Jetzt mal langsam

So geht "Slow Sex"

23.05.2019

Entschleunigte Sexualität soll nicht nur neue erotische Höhenflüge bringen, sondern auch die Beziehung zum Partner nachhaltig stärken. Wie Sie durch die neue Achtsamkeit zum Genuss kommen.

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Der durchschnittliche Lebensalltag vieler Menschen beinhaltet verschiedenste To-dos und Termine, die nur in den wenigsten Fällen mit Intimität oder Körperlichkeit zu tun haben. Auch wenn Sex durch Medien und Werbung omnipräsent zu sein scheint, ist er in den eigenen vier Wänden nicht unbedingt selbstverständlich. So belegen diverse Studien, dass Menschen heute deutlich seltener miteinander schlafen.

Haben wir weniger Sex?

Forscher der Universität San Diego entdeckten, dass US-amerikanische Erwachsene in den Neunzigerjahren noch 60 bis 65 Mal im Jahr miteinander schliefen, heute aber nur noch 53 Mal – also etwa einmal pro Woche. Tendenz: sinkend. Dabei spielt u. a. auch die Beziehungsdauer eine Rolle.

Eine Österreich-bezogene Studie des Datingportals Parship aus 2018 besagt, dass in den ersten drei Jahren die Mehrheit der Paare mindestens zwei bis drei Mal pro Woche Sex hat, danach sind es nur noch 25 Prozent, die in dieser Frequenz miteinander verkehren. „Die Umfrage zeigte, dass beim Sex mit der abnehmenden Frequenz auch die Zufriedenheit in der Beziehung sinkt. Im Umkehrschluss kann man sagen, die Paare haben auch in längeren Beziehungen Lust auf Sex, aber sie kümmern sich zu wenig darum und nehmen sich im Alltag oft zu wenig Zeit füreinander“, resümiert die Parship-Psychologin Caroline Erb.

Lust statt Frust

Dabei sollte Sex eigentlich Spaß machen. Läuft es nicht, steigt hingegen nur der Frust. Dem entgegengesetzt soll das Konzept von Slow Sex helfen, dem sich die beiden Autoren Yella und Samuel Cremer in ihrem neuen Ratgeber widmen. Im Vorwort zu „Liebe würde Slow Sex machen“ erklären sie, dass ihnen das Thema sehr am „Herzen“ liege, und vor allem die Beziehungen von Langzeitpaaren „dynamischer und lebendiger“ gestalten könne. Immerhin wären fast alle Paare früher oder später mit einer Sex-Flaute konfrontiert. Denn nach einer Phase der Verliebtheit (in der Hormone das Sexleben steuern) folge immer die Phase, in der das Paar sein Sexleben selbst gestalten müsse. „Slow Sex hilft hierbei, die Herausforderungen zu lösen.“

 


"Der Weg ist das Ziel." Der Begriff selbst geht auf Autorin Diana Richardson zurück, die Anfang der 2000er für mehr Entschleunigung im Bett plädierte. „Die Art, wie wir leben, ist die Art, wie wir Sex haben: schnell, fokussiert und zielgerichtet“, kritisierte sie. So könne man weder Sattheit noch Zufriedenheit erreichen. Angelehnt an den Begriff „Slow Food“ geht es auch hier darum, zu genießen, statt zu schlingen – sonst könne man weder satt noch zufrieden werden.

So erklären Yella und Samuel Cremer: „Slow Sex ist nicht besonders langsamer Sex. Die Langsamkeit ist wie in der Sportschau ein Mittel, um die besonders wichtigen Momente und Details zu beobachten, bis man sie ganz verstanden hat. Viele Menschen mögen die Langsamkeit auch sehr, weil sie durch sie mehr und genauer spüren und erleben.“ Doch die Idee hinter dem Konzept war auch bei Diana Richardsons Erstveröffentlichung 2001 nicht neu. So sollen ihre und auch alle darauffolgenden Vorschläge Sex genussvoll und bewusst zu erleben, auf den Säulen des Neotantrismus basieren, der schon in den 1970ern beschrieben wurde. Das Bedürfnis danach bleibt jedoch mehr denn je brandaktuell.


Für viele Liebende bedeutet Sex nämlich vor allem die Jagd nach dem nächsten Orgasmus – kein Wunder, dass das den Stress zwischen beiden Partnern nicht unbedingt mindert. Beim Slow Sex hingegen geht es laut den Cremers vielmehr darum, „dem eigenen Körper, dem gegenwärtigen Moment und der eigenen Wahrnehmung zu lauschen“. Die wichtigste Voraussetzung dafür sei Zeit. In der Praxis solle man dementsprechend Wert drauf legen, sich „mit dem Partner sexuell auszutauschen und sich gegenseitig nah zu sein, ohne Erwartungen zu erfüllen, ohne Ziele zu erreichen und ohne etwas leisten zu müssen“. Dadurch würde man neues zwischenmenschliches Vertrauen aufbauen, das gleichzeitig neue Geborgenheit und Verbundenheit bedinge.

 


Die drei Prinzipien.
Neues Lust-Erleben lässt sich der Slow-Sex-Lehre zufolge durch drei Prinzipien erfahren: Entspannung, Achtsamkeit und Absichtslosigkeit. So geht es bei Ersterem darum, einerseits körperlich entspannt zu sein, aber andererseits auch Erwartungen auszublenden und sich voll und ganz auf das Jetzt zu konzentrieren. Das Prinzip der Achtsamkeit leitet an, darauf zu achten, was im Moment wirklich „da“ ist. Die dritte Säule stehe für Absichtslosigkeit – so solle man beim Slow Sex keine Ziele verfolgen, sondern lediglich das tun, was sich aus der Situation herausgibt.


Go with the Flow.
Die Verinnerlichung dieser Prinzipien lerne man am besten in einer mehrwöchigen Slow-Sex-Lernphase – drei mal sieben Tage könnten dienlich sein, um den „Free Flow“ zu erreichen, eine innere Haltung, die auf dem Gelernten basiert und zu der man letztlich jederzeit Zugang hat. „In dieser Phase kann es vorkommen, dass man von Orgasmen überrascht wird“, schreiben die Cremers in ihrem Buch. Dieses Überraschtwerden im Free Flow könne man so beschreiben, dass man meine, der Orgasmus hätte einen „plötzlich überrollt“, im Gegensatz zu dem gängigen Gefühl, man hätte ihn „gemacht“, heißt es weiters.

Dies zeigt erneut das Ziel des Slow Sex auf, das das gemeinsame Erleben und nicht die jeweilige Kulmination in den Vordergrund stellt. „Jede Bewegung, die wir tun, hat keine Absicht, die in die Zukunft gerichtet ist, sondern entsteht von allein aus dem puren Genuss heraus. Es findet kein Stimulieren mit einer Absicht statt, die Lust zu erhöhen. Die Konsequenz ist meist, dass es Zeiten und Phasen gibt, in denen dabei weniger Orgasmen entstehen. Doch das ist keine Enttäuschung, denn der Genuss ist jeden Moment da, nicht erst beim Orgasmus. Entsteht auf diese entspannte Art ein Orgasmus ist er oft besonders schön“, erzählen die Autoren im MADONNA-Talk, siehe Kasten.

Und letztlich: Nach dem Sex ist vor dem Sex – zumindest bei dieser Praktik. Springen Sie also nicht einfach auf und gehen zum Alltag über. Yella und Samuel Cremer raten, sich beim Partner zu bedanken und zu „verabschieden“. Dadurch, dass Energie nicht auf dem konventionellen Weg entladen wurde, sollten Sie erfüllt, aber voller Elan sein ...

„Ausprobieren macht Unterschied“

Yella & Samuel Cremer im Talk

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Das Autorenpaar widmet sich schon seit Jahren dem Thema Sexualität und Coaching – und verantwortet den ersten und einzigen deutschen Slow-Sex-Onlinekurs „Lust Lauschen“ (lust-lauschen.de.). Im Talk verrät Yella Cremer die Grundlagen von Slow Sex und wie das Konzept ihrer eigenen Beziehung half.


Warum sollte man sich als Paar dem Konzept von Slow Sex nähern?
Yella Cremer:
Vermutlich ist es den meisten Paaren schon aufgefallen, dass der Sex sich mit der Länge der Beziehung verändert. Nach einer gewissen Zeit bemerken viele Paare, dass Sex seltener wird und die anfängliche Leichtigkeit verloren geht. Oft wird Sex dann immer schwieriger, weil die ursprüngliche Spontanität verloren geht und durch nichts anderes ersetzt wird. Die Lust auf Nähe und Intimität bleibt, aber sie findet keinen Weg. Genau da setzt Slow Sex an: Er erfüllt eine tiefe Sehnsucht nach Intimität, Nähe und Verbindung.

Inwiefern hat Slow Sex Ihr Leben als Paar bereichert?
Yella Cremer:
Slow Sex hat uns Glück und Entspannung auf vielen Ebenen gebracht. Aufgehört hat: Tauziehen um Sex, Stress, alles richtig zu machen im Bett, Missverständnisse und Frust rund um Sex. Wir erfahren eine sexuelle Geborgenheit miteinander, die uns vorher unbekannt war. Es gibt ein Gefühl von „Sex ist leicht“ und ein wirkliches Sattsein. Slow Sex stärkt unsere Bindung und Liebe zueinander ungemein und bietet und damit viel Sicherheit und Kraft für den Alltag.


Was haben Sie dabei über sich und Ihre eigene Beziehung gelernt?
Yella Cremer:
Als Erstes haben wir gelernt: Nur ausprobieren macht den Unterschied! Gerade für Samuel klang die Idee von Slow Sex zuerst befremdlich, um es milde auszudrücken. Wir haben viel über die unterschiedlichen Wünsche, die unser Sex erfüllen soll, gesprochen, und konnten dadurch viel deutlicher sagen, was wir uns wünschen: Geht es um Intimität und Nähe, oder eher Abenteuer und Leidenschaft? Mit Slow Sex ist die Möglichkeit für eine Art hinzugekommen, entspannt beim Sex zu sein, ohne das es weniger intensiv ist. Das hätten wir uns vorher nicht vorstellen können. Außerdem gibt es beim Slow Sex kein Ziel, also braucht es auch keine „Performance“, keine besondere Anstrengung, sondern das, was da ist, ist genau richtig. Wir haben auch ganz andere Tiefen von „sexuell satt und zufrieden“ erlebt als bei konventionellem Sex.


Kann man sagen, dass weniger Orgasmen mehr Glück bedeuten?
Yella Cremer:
Ganz wichtig zu verstehen ist, dass Slow Sex niemandem vorgibt, wie viele Orgasmen gut sind. Slow Sex sagt nicht, dass wir lieber weniger Orgasmen haben sollen. Er sagt nur: Strengt euch nicht an für einen Orgasmus an und verpasst dabei den Moment. Weil wir es oft gewohnt sind, uns für einen Orgasmus anzustrengen und zu arbeiten, sind wir oft angespannt. Stattdessen werden wir mit dem Slow-Sex-Mindset dazu eingeladen, unsere Aufmerksamkeit ganz und gar in den Moment zu bringen, wo wir einander begegnen und das vollkommen genießen, was uns der Augenblick jetzt offenbart. Damit ist konkret gemeint: Die Weichheit der Lippen, die Wärme der Haut, der zärtliche Blick, das Schnurren und Stöhnen oder die intime Stille zwischen uns. Wir genießen jeden gleitenden Millimeter in der Bewegung und die Wellen der sexuellen Energie, die dabei durch unseren Körper ziehen. Slow Sex lädt ein, weder nach dem Orgasmus zu jagen, noch nach dem nächsten noch lustvolleren Augenblick zu greifen. Jede Bewegung, die wir tun, hat keine Absicht, die in die Zukunft gerichtet ist, sondern entsteht von allein aus dem puren Genuss heraus. Es findet kein Stimulieren mit einer Absicht statt, die Lust zu erhöhen. Die Konsequenz ist meist, dass es Zeiten und Phasen gibt, in denen dabei weniger Orgasmen entstehen. Doch das ist keine Enttäuschung, denn der Genuss ist jeden Moment da, nicht erst beim Orgasmus. Entsteht auf diese entspannte Art ein Orgasmus, ist er oft besonders schön.


Was ist der erste Schritt in Richtung erfülltes Sexleben?
Yella Cremer:
Wir empfehlen ein radikales Experiment: Sieben mal Sex ohne Bewegung oder nennen Sie es „Kuscheln plus Vereinigung“. So einfach das klingen mag, geht dabei meist sehr viel schief. Oft ist dieses Experiment von Frust und Streit begleitet. Mit unserem Buch und unserem Slow-Sex-Onlinekurs geben wir den Paaren eine ausführliche Experiment-Anleitung – mit Psychologie, Kommunikation, Stellungen, Zubehör etc. –, wie man genau beginnt und auch endet, sowie alles dazwischen. So haben Paare möglichst gleich beim ersten Mal eine wunderschöne Erfahrung miteinander. Erfahrungsgemäß transformiert dieses Experiment das Paar grundlegend. Eine Tür zu einer neuen sexuellen Erlebniswelt öffnet sich, in der Sex nicht mehr schiefgehen kann.

© LoveBase

Lektüre für Liebende „Liebe würde Slow Sex machen“ erscheint am 4. Juni bei LoveBase um 13,50 Euro.

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