Armer Mann! So leidet er unter Rom-Coms

Film & Fernseher

Armer Mann! So leidet er unter Rom-Coms

Romantische Komödien sind eine wunderbare Realitätsflucht. Allerdings vermitteln sie auch ein unrealistisches Bild und schüren hohe Erwartungen. Arme Männer!  

Romantische Komödien gleichen einer Tasse heißer Schokolade. Süß und herzerwärmend. Film-Romantik lässt die graue, dunkle Welt draußen hinter den Vorhängen. Alles ist wohlig, warm und rosarot. Für unsere Beziehungen und die Männer, auf die wir diese hohen Erwartungen projizieren, ist dieses vorgegaukelte Spiel allerdings pures Gift. 

 

Klischee, Klischee, Klischee 

Die Erde dreht sich, die Zeiten ändern und sich – aber Sitcoms und romantische Komödien scheinen vor diesen Veränderungen gefeit zu sein. Romantische Komödien sind uns so vertraut wie unser Zuhause, wir wissen genau, was uns erwartet. Tag für Tag werden Beziehungsklischees und Rollenverteilungen in unser Wohnzimmer und von da aus in unsere Köpfe projiziert. Frauen, die alles komplizierter machen, als es ist, Männer, die diese komplizierten Frauen nicht verstehen und vollkommen verdattert zurückbleiben. Frauen, die gerne shoppen und Männer, die schon darauf aufmerksam gemacht werden müssen, wenn die Freundin beim Friseur war. Frauen, die Bestätigung brauchen und Männer, die sie ihnen brav geben. Und so weiter. Aber trotz all dieser Differenzen und auswendiggelernten Klischees finden sie doch zueinander. Warum? Weil sie füreinander bestimmt sind, ganz einfach – allen Gegensätzen zum Trotz. 
 

Beispiele gefällig? 

Hermine und Ron aus Harry Potter, das Paar, das am Schluss doch noch zusammenfindet. Selbst die Mutter der Figuren, J.K. Rowling, gibt zu: „Hermine und Ron hätten alsbald dringend eine Paartherapie benötigt.“ Die allwissende Hermine und der etwas tollpatschige Ron, der immer ein bisschen im Schatten seiner beiden Freunde steht. Eine ausgeglichene Beziehung? Wohl eher nicht…   
Serena van der Woodsen, das It-Girl aus Gossip Girl, die wunderschöne Designer-Blondine und „Einsamer Junge“ ,Dan Humphrey, der mit weit weniger Status, Geld und Ruhm gesegnet war. Paparazzi schrieben über Serena und Dan bewunderte sie aus der Ferne. Das Ganze ist eigentlich eine Stalker-Geschichte par excellence, die beiden kommen trotzdem zusammen und wieder auseinander, sie verletzen, betrügen (sich gegenseitig und andere) und am Ende – ja am Ende stehen sie vor dem Traualtar. Alles vergessen, alles verarbeitet, geklärt, bereinigt. 

 

Ende gut, alles gut. 

Und auch in unseren Köpfen ist alles geklärt, bereinigt und vergessen. In dem Moment, wo das Traumpaar, die Blondine und der Dunkelhaarige (erstaunlicherweise sind es immer wieder diese beiden Gegensätze die wie zwei zueinanderpassende Kühlschrankmagnete zueinanderfinden) ist jeder Betrug und jede Unstimmigkeit vollkommen vergessen. Wir seufzen selig und sehnsüchtig. 

 

Vollkommen unrealistisch 

Durch diese Gehirnwäsche, der wir uns – ob bewusst oder unbewusst – regelmäßig unterziehen, bekommen wir ein vollkommen unrealistisches Bild von der Liebe, den Männern und unserem Leben im Allgemeinen vermittelt. 
Natürlich wissen wir, dass es nur ein Film ist, dass alles inszeniert und hundertfach gedreht ist, dass es keine Spontanität gibt, sondern nur ein striktes Drehbuch. Bewusst können wir das rational reflektieren, aber unbewusst, ja unbewusst wurmt uns das ein bisschen. Wir wollen auch dieses Leben. Ein Leben, wo mein Partner plötzlich von ganz alleine versteht, wie ich mich fühle und was mir fehlt. Dieses Leben, wo sich Missverständnisse wie von Zauberhand lösen. Ohne große Diskussionen und Erklärungen. Lieber nur tief in die Augen schauen… 
 

 

 

Redet miteinander! 

In jeder Serie, in jedem Film tauchen irgendwann die handelsüblichen Probleme auf. Eifersucht und mangelnde Aufmerksamkeit, kein Vertrauen oder auseinanderklaffende Zukunftsvorstellungen. 
Zu diesem Zeitpunkt möchte man sich selbst auf dem heimischen Sofa erbost aufrichten und die Charaktere anschreien: „Redet miteinander!“ 99,9 Prozent dieser Probleme könnten gut und gerne durch ein klärendes Gespräch aus der Welt geschafft werden. Aber das wäre doch auch langweilig, nicht wahr? Lieber ein bisschen spekulieren, annehmen, interpretieren und eifersüchtig sein. Im Grunde verhalten sich die beiden Charaktere wie Kleinkinder, die noch nicht richtig sprechen können und dem Spielpartner einfach einen Bauklotz an den Kopf werfen. 

 

Dranbleiben lohnt sich 

Romantische Komödien vermitteln das Bild: Hartnäckig bleiben, durchbeißen und abwarten. Sich rar machen. Dann kommt er Angebetete ganz von alleine. Wahlweise funktioniert es auch sehr gut, sich einen nahestehenden (oder schwulen) Freund anzulachen, um das Objekt der Begierde eifersüchtig und sich selbst interessanter zu machen. Paare, die sich inmitten einer Serie (oder am Beginn eines Filmes) trennen finden meist wieder zueinander. Es brauchte nur etwas Zeit, eine Pause, einen neuen Flirt, um zu erkennen, wen sie wirklich wollen, nämlich den, den sie ohnehin schon hatten. Ohne großes Gerede, ohne schmerzhafte und eindringliche Diskussionen – sind sie plötzlich wieder zusammen. Einfach so. Ein Blick und wahlweise der Satz: „Du bist die Eine“, genügt, um in einen innigen Kuss zu versinken und alles zu vergessen. 
 

Der Neue 

Oder aber Option B: Der Neue. Wie aus dem Nichts taucht da plötzlich eine neue Person auf. Und diese Person ist all das, was der aktuelle Freund nicht ist. Aufmerksam und liebevoll, bemüht und zuvorkommen. Er verteilt Komplimente und rote Rosen und plötzlich fällt es der weiblichen Hauptfigur wie Schuppen von den Augen: Ich verdiene etwas Besseres. Nach den handelsüblichen 120 Minuten eines Sonntagabendfilms hat sich jene besagte Hauptfigur von ihrem undankbaren Freund getrennt und sinkt glückselig in die Arme des Neuen. Keinerlei Kommunikationsproblem, denn der Neue versteht sie wirklich. 
 
 

Liebe ist die Lösung für alles

Die Antwort auf alle Fragen, auf alle Probleme und Sorgen: Liebe. Kitschige, romantische, alles umfassende und auffressende Liebe. Denn mit der Liebe, meine Damen und Herren, mit der hartnäckigen und permanenten Liebe können Sie alles schaffen. So suggeriert es uns jede zweite Rom-Com und jede dritte Netflix-Serie. Keine Sorge, Sie müssen sich nur ein bisschen anstrengen. Der Mann weiß nur noch nicht, dass er Sie will. Sie müssen ihm ein bisschen auf die Sprünge helfen. Also dranbleiben und mit Liebe überhäufen. Dann will auch irgendwann der ewige Single und Bad Boy endlich Kinder. Überhaupt: Bad Boys gibt es gar nicht. Er hat nur noch nicht die Richtige gefunden und die Richtige, ja die sind Sie. 
 

Single-Time? 

Alleine sein ohne Einsamkeit, sich selbst und seine Bedürfnisse besser kennenzulernen, scheint in romantischen Serien und Filmen immer nur eine Übergangslösung zu sein. Eine kurze Zwischenetappe auf dem Weg zum Happy End. Eine Durststrecke. Und meistens ist es doch so: Wenn wir es so gar nicht erwarten, wenn wir uns vollkommen auf uns selbst konzentrieren, der Männerwelt abgeschworen haben, dann, ja dann steht er plötzlich vor unserer Haustür. Mit Blumen und auf einem Knie. Nie gesucht und doch gefunden…
 

Hellseherische Fähigkeiten

„Ich will ihm nicht sagen, dass ich schwanger bin. Er soll es fühlen“. Dieser sehr unvernünftige Satz stammt von Lena Schneider aus der deutschen Serie „Türkisch für Anfänger“. Und auch wenn Sie jetzt den Kopf schütteln und darüber lachen – im tiefsten Innersten hegen Sie vermutlich auch derartige Wünsche. „Wenn er mich wirklich liebt, versteht er das.“ „Er soll von alleine merken, dass es mir nicht gut geht.“ Ja wie denn bitte? Denn auf Nachfrage des Partners wenden die Film-Frauen den Blick ab, lassen den Haarvorhang über ihre Mimik fallen und sagen: „Es ist alles in Ordnung, nichts ist los“ Und der Partner – töricht wie er nun Mal ist –, macht den folgenschweren Fehler, wirklich davon auszugehen, es sei nichts. 
 

Realismus in der Romantik 

Natürlich fallen nicht alle romantischen Filme und Serien in dieses Klischee. Mittlerweile gibt es – zum Glück! – auch so einige aufgeklärte Serien. Der erste Sex mit einer Bar-Bekanntschaft wird immer öfters so dargestellt, wie er eben ist: aufregend, aber auch seltsam und verkrampft, angespannt und komisch und am Ende guckt in Form eines glänzenden Posters der gesamte FC-Bayern-München-Club zu. 
Wenn Sie sich immer noch mit dieser Vorstellung anfreunden müssen: Schauen Sie den Film 500 Days of Summer. Eine Beziehung, von Unverständnis geprägt, aus beiden Perspektiven erzählt und natürlich, funktioniert sie am Ende nicht. Das ist vollkommen normal. Wir sind Menschen und machen Fehler und hellseherische Fähigkeiten besitzen nur die wenigsten unter uns. Nur wird das in den romantischen Komödien leider zu oft vergessen.  
 

Keine Anleitung zum Liebesglück  

Keine Sorge, niemand wird Ihnen romantische Komödien verbieten. Sie sind ja doch ganz schön, wohlig, warm und rosarot, wie eine Wolldecke und eine große Tasse heiße Schokolade. 
Aber blinzeln sie immer wieder durch die rosarote Brille hindurch. Schauen Sie romantische Komödien mit einen Augenzwinkern, einem halben Lächeln und führen Sie sich immer wieder vor Augen, dass das auf den Bildschirmen wirklich nicht das echte Leben ist. Romantische Komödien sind eben das, was sie sind: Eine seichte Realitätsflucht, auf der schwärmerischen Wolke 7, aber keinesfalls eine Anleitung zum Liebesglück.