Im Test

Wie gut ist die neue Mittelschule?

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Jetzt starten die Einschreibungen für die „Neue Mittelschule“. Wir zeigen, was die Gesamtschule bringt.

Endlich wurde einmal ausgesprochen, was alle Leidtragenden wie Schüler, Eltern sowie Großeltern auf dem Herzen haben. „Die Kinder kommen täglich vollkommen K.O. aus der Schule heim. Der immense Schulstoff wird im Unterricht bloß durchge­hechelt. Da wird nicht mehr Wissen mit Lebenserfahrung verknüpft, wie es päda­gogisch sinnvoll wäre“, kritisierte Deutschlands Star-Moderator Reinhold Beckmann, selbst Vater von zwei Teenagern, diese Woche das Schulsystem. Seither steckt Deutschland in der Bildungskrise. Beckmanns Forderung: „Was den Kindern heute fehlt, sind die berühmten drei F: Freunde, Freizeit und auch mal Faulenzen.“

Freude am Lernen fehlt

Eine Situation, die auch Ö3-Star Martina Rupp, Mutter von Tobias (16) und Nicola (23), nur zu gut aus eigener Erfahrung kennt. Auch sie kämpft seit Jahren gegen den Selektions-Druck und den Lernstress, der in heimischen Schulen auf die Kids ausgeübt wird. „In Österreich schämen sich Kinder, wenn sie anders sind – und Lernziele wegen Lernschwächen nicht erreichen. Deswegen gefällt mir das finnische Modell so gut. Hier dürfen Kinder nicht beschämt werden und die Freude am Lernen steht im Mittelpunkt. Das sind Ziele, die in Österreich noch etwas exotisch klingen,“ klagt Rupp (siehe Kolumne links). Ihre Hoffnung liegt nun in der viel diskutierten „Neuen Mittelschule“, die auch Gesamtschule genannt wird.

3.500 Kinder im Schulversuch
Denn hier soll alles anders und vor allem besser werden: motivierte Lehrer, kleine Lerngruppen, kein zur Schau stellen von Defiziten, keine Leistungsgruppen, Förderung der individuellen Stärken und vor allem kein Sitzenbleiben. Eine Schule, die für ALLE Kinder da ist – klingt wie das schulische Schlaraffenland. 64 Schulen werden im kommenden Schuljahr am Projekt „Neue Mittelschule“ teilnehmen. Bei einer Gesamtzahl von einer Million Schüler werden nur rund fünf Prozent in den Genuss dieses Projekts kommen. In Wien, Salzburg und Tirol heißt es für die Schüler noch „Bitte warten“. Voraussichtlich erst 2009/2010 soll hier das Prestigeprojekt von Unterrichtsministerin Claudia Schmied auf Schiene sein.

Neue Mittelschule im Test

Wie das neue Traummodell einer modernen Schule in der Realität ausschaut, wollte MADONNA wissen. Und machte den Check. Die Hauptschule Andau ist einer der insgesamt neun Standorte im Burgenland, die im Herbst zur Neuen Mittelschule wird. Und hier steht das gesamte Lehrerteam hinter dem ambitionierten Projekt. „Bei der Abstimmung haben alle Lehrer mit Ja gestimmt“, erzählt Direktor Lorenz Pelzer stolz.
Flexibler Unterricht Er ist ein Direktor mit Visionen. „Wir wissen heute aus Studien, dass die Kinder nur mehr 20 Prozent des angeeigneten Wissens in der Schule lernen. Beim Unterricht sind wir an die Grenzen gestoßen.“ Das neue Zauberwort heißt Individualisierung. „Jeder Lehrer hat zehn Unterrichtsstunden dazubekommen. Das heißt nicht, dass die Kinder mehr Unterricht haben, sondern ich kann den Schulalltag nach den Bedürfnissen der Kinder planen.“ Ganz flexibel können die Lehrer im Unterricht eingesetzt werden. „Sei es, um mit schwächeren Schülern nochmals den Unterrichtsstoff zu üben oder die Besseren mehr zu fordern“, so Pelzer. Ziel der neuen Methode: Spitzenleistungen sollen ermöglicht, Frustrationen vermieden werden.

Keine starren Fächer
Der obligate Biologie-, Chemie- und Physik-Unterricht hat ausgedient. Pelzer: „Das Thema Wasser kann in Geografie, Biologie oder Physik behandelt werden. Eine Einheit kann bis zu 100 Minuten dauern.“

Ganztägige Betreuung
Die gute Nachricht: Am Nachmittag geht es mit der schulischen Förderung weiter. Statt mit der Nachhilfe zu pauken, erledigen die Lehrer das gleich vor Ort. Erfreulich: 50 Prozent der Schulversuchsstandorte haben sich für die ganztägige Variante entschlossen. „Das ist eine ideale Möglichkeit, die qualitätsvolle Betreuung den ganzen Tag zu garantieren“, so Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

Kein Sitzenbleiben

Den Notendruck und die Angst vorm Sitzenbleiben werden die Schüler der neuen Gesamtschule nur noch von Erzählungen kennen. Die obligaten Leistungsgruppen der Hauptschule sind tabu. Noten gibt es zwar, aber kein Durchfallen mehr. Neben den Noten wird es eine zusätzliche Rückmeldung geben. „Diese soll immer positiv formuliert sein. Auch wenn ein Schüler nur ein Genügend hat, kann er sich bereits verbessert haben“, erklärt Pelzer das neue Beurteilungssystem. Ziel der Neuen Mittelschule ist es, jedem Schüler zumindest den Hauptschulabschluss zu ermöglichen. Pelzer: „Beim Zeugnis in der vierten Klasse bekommen die guten Schüler den Abschluss der Neuen Mittelschule, der sie berechtigt, in eine Höhere Schule zu gehen, die weniger Guten erhalten einen Hauptschulabschluss.“
Fazit: Das Konzept der Neuen Mittelschule erhält ein „Sehr gut“. Jetzt muss man es mit Leben füllen.

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„Kinder sollen wieder mit Freude lernen“

Frau Schmied, wie soll die Neue Mittelschule das Schulklima in Österreich verändern?


Schmied:
Ich möchte, dass durch die Neue Mittelschule eine neue Lernkultur entsteht. Es soll keine starren Leistungsgruppen geben und auch die Unterrichtsfächer werden nicht mehr als einzelne Einheiten gesehen. Individuell kann in den Schulen abgestimmt werden, ob es verschränkten Unterricht gibt oder nicht. Die individuelle Förderung der Kinder steht im Mittelpunkt. Ich hoffe, dass der Beweis gelingt, dass durch das neue Unterrichtskonzept die Kinder wieder gerne in die Schule gehen.

Viele Eltern klagen, dass die Schule ein enormer Stress für die ganze Familie ist. Wird die Neue Mittelschule hier eine Entlastung bringen?


Schmied:
Natürlich. Ich hoffe, dass sich das Image dreht und durch ein positives Klima auch bessere Erfolge erzielt werden können. Wenn die Kinder wieder mit Freude lernen, dann sind auch die Eltern weniger belastet.

Derzeit haben sich österreichweit 64 Schulen für die Neue Mittelschule angemeldet. Was auffällt, ist, dass in Wien keine einzige Schule beim Schulversuch mitmacht. Sind Sie enttäuscht, dass Sie Ihre Parteikollegen im Stich gelassen haben?


Schmied:
Enttäuschung ist in der Politik keine Kategorie. Wien steckt mitten in den Vorbereitungsarbeiten und ich hoffe, dass die Wiener Schulen ab dem Schuljahr 2009/2010 dabei sind. Mit Tirol und Salzburg gibt es erste Gespräche. Ursprünglich habe ich gehofft, dass 30 bis 35 Schulen mitmachen werden. Nun sind es 150 bis 155 Klassen – mehr, als ich gerechnet habe. Jede Innovation braucht Zeit, bis sie akzeptiert wird. Was mich besonders freut, ist, dass 50 Prozent der Neuen-Mittelschule-Standorte ein ganztägiges Angebot bieten und top-motivierte Lehrer und Direktoren sich daran beteiligen. Auch das wird eine große Entlastung für die Eltern sein.

Die Neue Mittelschule läuft jetzt als Schulversuch. Es gibt in Österreich Schulversuche, die über zwei Jahrzehnte gelaufen sind. Wann soll die Neue Mittelschule zu einem anerkannten Schulmodell werden?

Schmied:
Mein Ziel ist es, dass in der nächsten Legislaturperiode die Neue Mittelschule kein Schulversuch mehr ist.

Die Durchsetzung der Neuen Mittelschule stand lange auf wackeligen Beinen. Waren die Verhandlungen, obwohl Sie eigentlich aus dem Bankenbusiness kommen, ihre bisher härtesten?

Schmied:
Bei den Verhandlungen hat es oft kritische Situationen gegeben und ich bin bei der Durchsetzung auf sehr harten Widerstand gestoßen. Rückblickend kann ich nur sagen, dass man zu 100 Prozent überzeugt sein muss, um ans Ziel zu kommen. Wenn man das nicht ist, dann sollte man sich nicht auf die Reise begeben.
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